Josef Wiedemann: Die Wirkung der Dinge

Die junge Architektin Reem Almannai, Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Professor Florian Nagler, hat ein Buch mit schönen Bildern und klugen Texten zu drei frühen Werken des Münchner Baumeister und Ästheten Josef Wiedemann verfasst.

 

 

Es gibt Räume, mit unvergleichlicher Magie. Die Eingangshalle der Allianz Generaldirektion in der Münchner Königinstraße gehört dazu: Ein ovales Oberlicht beleuchtet eine Freitreppe, die das Erdgeschoss mit schwarzem Mosaik aus Naturstein mit der Terrasse aus Muschelkalk verbindet.  

Der Auftrag für die Allianz-Generaldirektion stellte den Durchbruch für den damals 41-jährigen Architekten Josef Wiedemann dar. 1951 hatte er den Wettbewerb für das Gebäude gewonnen, dass nach Planung und Bauzeit 1954 fertig gestellt wurde.

Etwas zuvor war er für den Wiederaufbau von Ludwig von Klenzes im Zweiten Weltkrieg zerstörte Odeon beauftragt worden, dass künftig nicht als Konzertsaal, sondern als Amtsgebäude für das Bayerische Innenministerium diente. Auch Wiedemann war nicht ohne Plessuren aus der Zeit des Dritten Reiches gekommen. Diese waren allerdings eher moralischer Art. Auf Empfehlung von Theodor Fischer war Wiedemann von der Hochschule in das Architekturbüro von Roderich Fick gelangt. Als junger Mitarbeiter von Fick, einem der Lieblingsarchitekten von Adolf Hitler,  war er an den Bauten des „Führers“ und dessen Entourage am Obersalzberg, insbesondere am Hotel Platterhof beteiligt. 1940 wechselte er nach Linz, wo Fick mittlerweile zum Reichsbaurat für die Stadt Linz ernannt worden war. Bis 1944 arbeitete Wiedemann an Entwürfen für das nie ausgeführte Donauhotel. „Die Empfindsamkeit für die Wirkung der Dinge und des Materials wurden im Büro von Fick intensiv geschult und praktiziert“, schreibt Rem Almannai. Dieses dort erworbene gestalterische und handwerkliche Können, der meisterhafte Umgang mit Materialien, kam Fick nach dem Ende des NS-Regimes auch in der neuen Bundesrepublik zugute.

 

Almannai zeigt die Personen und architektonische Strömmungen auf, die Wiedemann in der Gestaltung seiner eigenen frühen Arbeiten beeinflussten. Dazu gehörten nicht nur Fick und dem ihm in der Architektursprache verwandten Germann Bestelmeyer, bei dem Wiedemann an der TH München lernte, sondern auch Hans Döllgast, den er als seinen eigentlichen Lehrmeister sah sowie dem „modernen“ Robert Vorhoelzer. Wie Almannai aufzeigt, ist vor allem der Einfluss derschwedischen Moderne und des skandinavischen Neoklassizismus, insbesondere der Blauen Halle des Stockholmer Stadthauses von Ragnar Österberg und die Arbeiten Gunnar Asplunds auf die Generaldirektion der Allianz nicht zu übersehen.

Das Vorstandsgebäude der Allianz ist neben dem Direktionsgebäude des Bayerischen Landesbausparkasse am Karolinenplatz und  der Erweiterung der Dresdner Bank am Promenadenplatz eines der drei Verwaltungsgebäuden des Münchner Architekten Josef Wiedemann, die in dem Buch der Architektin Rem Almannai besprochen und dokumentiert werden. Die frühen Bauten zeigen Wiedemanns Materialgefühl und die Eleganz seiner Entwürfe von der Gesamtkonzeption zu Details.

Für den nuanciert geschriebenen Text recherchierte die Autorin nicht nur umfangreiche Literatur, sondern befragte auch die Kollegen des Architekten, wie Professor Otto Meitinger, und Wiedemanns Schüler wie Oswald Peithner und Christoph Sattler.

Die Bauten wurden durch zeitgenössische und aktuelle Fotografien von The Pk. Odessa Co, Markus Lanz und Sebastian Schels sowie durch Zeichnungen Wiedemanns und neu angefertigte Grundrisse und Schnitte vom Lehrstuhl für Entwerfen und Konstruieren (Prof. Florian Nagler) bebildert. 

Ein interessantes und schön gestaltetes Buch, dass das Standardwerk zu Josef Wiedemann von Ilka Backmeister-Collacot durch die Analyse seiner schönsten Bauten ergänzt.

 

 

Rem Almannai: Josef Wiedemann  – Die Wirkung der Dinge; Ernst Wasmuth Verlag; 128 Seiten, Brochur ; 29,80 Euro

 

 

Farbfotografien: The Pk. Odessa Co, Markus Lanz, Sebastian Schels; schwarz-weiß: Architekturmuseum der TUM