Münchner Architektouren: Entdeckung unbekannter Schönheiten

Einmal im Jahr zeigen ausgewählte Architekten in Bayern ihre Werke. Ende Juni ist es mal wieder soweit: Am Wochenende vom 28. und 29. Juni 2014 können Architekturbegeisterte bayernweit 324 Werke von Architekten, Innenarchitekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten besichtigen.

 

Die Bayerische Architektenkammer lädt die Öffentlichkeit am letzten Juni-Wochenende wieder zu ihren Architektouren ein. 324 von einem unabhängigen Beirat ausgewählte Projekte bayerischer Architektur, Landschafts- und Innenarchitektur sowie Stadtplanung können besichtigt werden und werden von den Planern persönlich erläutert.

Allein in München öffnen 66 Gebäude und Gärten ihre Tore, von denen die meisten sonst den öffentlichen Besuchern verschlossen bleiben. Unter  den öffentlichen Gebäuden dominieren aufgrund des Bauprogramms der Stadt München die zahlreichen Kindertageseinrichtungen. Als Anregung für die Entdeckungstour, vier Vorschläge die zeigen, welche architektonische Schätze es zu entdecken gibt.

Kontemplation im Inneren und Äußeren

Zu den herausragenden Bauten gehört die im vergangenen Jahr eröffnete Neuapostolische Kirche in Laim von Haack + Höpfner Architekten.  Das weiße monolithisch erscheinende Kirchengebäude wurde zwischen flankierenden Nebengebäuden so zurückgesetzt, dass ein kontemplativer Freiraum entstanden ist.

Der Platz, der mit Sitzgelegenheiten und einem Kirschbaum ausgestattet ist, bildet zusammen mit dem Kirchengebäude ein städtebauliches Ensemble, das auch die gegenüber liegende Wohnbebauung integriert. Durch ein vorgelagertes Wasserbecken mit einem freistehenden Kreuz ist das Kirchhaus vom Umfeld abgehoben. In respektvollem Abstand zum Gotteshaus entsteht so ein Treffpunkt vor der Kirche, der ebenso ins bauliche Umfeld vermittelt, wie er zum Verweilen einlädt.

Im Inneren ist das Gebäude auf den Altar und die Altarwand hin ausgerichtet, die von oben natürlich belichtet wird. Die von einer Lichtwolke durchzogene Altarwand, bringt zusammen mit der Belichtung von oben eine sich im Verlauf des Tages verändernde natürliche Lichtstimmung mit sich. Im geschützten Sakralbau wird so beides, das natürliche Umfeld spürbar, wie auch Rückzug und Besinnung möglich.

Neben der Ästhetik, haben die Architekten bei der Planung auch auf die Funktionalität und Nachhaltigkeit des Kirchenbaus geachtet. Kirche ist ein Nullemissionsgebäude. Die hohen Dämmwerte der Außenwände und Fassaden wirken zusammen mit der photovoltaisch angetriebenen Grundwasserwärmepumpe, der natürlichen Lüftung und weiteren passiven Solarmaßnahmen. So soll ein respektvoller Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen, dem ,Schutz der Schöpfung‘, und ein auf lange Sicht hin wirtschaftlicher Unterhalt in Einklang gebracht werden.

 

 

Respekt vor Altem, Mut zu Neuem

Ein schönes Ergebnis einer Sanierung kann mit der Medizinischen Lesehalle der LMU im Stadtteil Ludwigsvorstadt-Kliniken besichtigt werden. Das von Emanuel von Seidl als Kunstgalerie erbaute und von Theodor Fischer zur Bibliothek umgestaltete Gebäude wurde von Markus Schmitt vom Staatlichen Bauamt München 2 zeitgemäß gestaltet. Dabei wurden originale Bauteile erhalten, neue Bauteile aber bewusst als zeitgemäße Ergänzung angebracht, nicht mehr vorhandene Bauteile wurden aber auch nicht rekonstruiert.

Historisch vorhanden waren monochromer heller Linoleum als Bodenbelag, Stoffbespannungen an den Wänden in den Farben Schwarz, Beige und Dunkelrot , sowie das Thema Mahagoniholzfurnier der inneren Türen , der Umfassungszargen der offenen Durchgänge und die Inneren Fensterstöcke. Bei den Fensterstöcken und Türen wurde die Mahagonioptik in Form einer Bierlasurtechnik aufgemalt. Als Fußbodenbelag in den Lesesälen wurde ein monochromer, beiger Linoleum verwendet. Der selbe Linoleum zieht sich über U förmige Tische , deren Kanten und Innenseiten mit Nussbaum furniert sind.

Hier wird das historische Thema Naturholzoptik als Umrahmung wieder aufgenommen . Gleichzeitig verbinden sich die Tische nahtlos mit dem Boden und ordnen sich dem Raum unter, anstatt diesen als Solitäre zu dominieren. Dies nicht zuletzt als Verweis auf die frühere Nutzung als Galerie , die vor allem aus leeren , unmöblierten Räumen bestand.

 

Expressive Hülle für guten Stoff 

Dass auch Geschäfts- und Bürogebäude spleenig und cool wirken können, zeigt Architekt Kurt Tillich  mit seinem Bau für die Textilmacher in Freimann in der Lindberghstraße 7 im Gewerbegebiet Freimanner Hölzl. Der Baukörper entwickelt seine Charakteristik über eine geometrische Faltung der Fassade. Die matt glänzenden, glatten Flächen des mit Eisenoxid Schwarzpigmenten eingefärbten Betons reagieren durch die zahlreichen Orientierungen vielfältig auf die Umgebung. Je nach Jahres- und Tageszeit, Wetter und Lichteinfall verändert die Fassade stetig Ihren Charakter und wird stärker oder weniger stark modelliert. Der Maßstab der großen Betonfertigteile findet sich bei den Verglasungen, dem nahtlosen textilen Sonnenschutz und den Toren wieder. Als Gegenpol zur expressiven Fassade nimmt sich die Gestaltung der Räume zurück, um der Produktion und den Produkten im Showroom Raum zu lassen. Alle Räume sind durch eine Beschränkung auf wenige aber hochwertige Materialien geprägt, einem polierten Sichtestrich, Fensterprofilen in Lärchenholz, sowie weiß lackiertem Stahl. Die stützenfreien Räume in allen Geschossen erlauben eine hohe Flexibilität und eine stetige Anpassung an die Produktionsprozesse.

Versteckspiel zwischen Holundersträuchen

Wer bei hoffentlich schönem Wetter die Tage im Freien genießen will, dem sei die Besichtigung der wenigen Landschaftsgestaltungen wie dem Naturnahen Spielraum am Tucherpark von Heide-Marie Eitner empfohlen. Durch Renaturierungsaufgaben wurden auf einem ehemaligen Parkplatz am Tucherpark im Auftrag der UniCredit ein Aufenthaltsbereich mit Parkcharakter und naturnahem Spielraum geschaffen. Kernpunkte des Konzepts sind die Schaffung einer Naturerlebnisfläche in und mit der Natur. Hierzu zählen das Erfahrbarmachen der Natur für Kinder in der Stadt und das Spielen mit natürlichen Materialien wie Holz, Stein, Sand,

 

 

Kies und Pflanzenteilen. Das Kennenlernen von wildwachsenden Pflanzen mit essbaren Früchten wie Hasel, Holunder, Felsenbirne und Buchen gehören ebenfalls dazu. Sanfte topografische Erhebungen ermöglichen die Wahrnehmung unterschiedlicher Blickbeziehungen, fördern “spielend” die motorischen Fähigkeiten und bieten Gelegenheiten zum Verstecken und Schlittenfahren. Die Architektouren bietet für jeden etwas Geschmackvolles.

 

Weitere Informationen:

Architektouren 2014: Besichtigungsprojekte Online

Architektouren 2014: Bestellung des Booklets der Bayerischen Architektenkammer

 

Quellen: Bayerische Architektenkammer; Haack+Höpfner Architekten und Stadtplaner: Die Neuapostolische Kirche in München –Der Neubau einer Null-Emissions-Kirche in München;

 

Bilder:

Neuapostolische Kirche in Laim: Michael Heinrich; Medizinischen Lesehalle der LMU: Sebastian Arlt; Produktions- und Bürogebäude in Freimann für die Textilmacher; tillicharchitektur; Naturnaher Spielraum am Tucherpark: Landschaftsarchitektur, Heide-Marie Eitner,