Der Architekturpreis Beton 2017 ist entschieden

Die Preisträger sind: Steimle Architekten BDA, Stuttgart (E20_Wohnhaus, Pliezhausen), Meili, Peter Architekten AG, Zürich (Erweiterung Sprengel Museum Hannover) / Peter Haimerl, München (Konzerthaus Blaibach) und hartwig schneider architekten, Stuttgart (Kreativwirtschaftszentrum Mannheim)

 

Bereits zum 20. Mal werden die besten Betonbauten in Deutschland ausgezeichnet. Ausgelobt durch das InformationsZentrum Beton in Kooperation mit dem Bund Deutscher Architekten BDA, würdigt der Preis herausragende Leistungen der Architektur und Ingenieurbaukunst, deren Qualität von den gestalterischen, konstruktiven und technologischen Möglichkeiten des Baustoffs Beton geprägt ist. So spiegelt er seit mehr als vier Jahrzehnten das Baugeschehen in Deutschland, inspiriert den Diskurs über gute Architektur und zeigt die gestalterischen Potenziale und vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten des weltweit am meisten genutzten Baustoffs.

Zum diesjährigen Verfahren wurden knapp 170 Projekte eingereicht – Schulen, Wohnhäuser, Verwaltungs-, Industrie- und Gewerbebauten, Verkehrsbauwerke, Museen und Sakralbauten. Sie zeigen eindrucksvoll die hohe Qualität und Bandbreite der aktuellen Betonarchitektur in Deutschland.

Über die Vergabe des mit 25.000 Euro dotierten Preises entschied eine interdisziplinär besetzte Jury, der neben dem BDA-Präsidenten Heiner Farwick und dem Geschäftsführer des InformationsZentrums Beton Ulrich Nolting die Architekten Daniel Ladner, Simona Malvezzi und Stefan Marte, der Bauingeni-eur Prof. Dr. Mike Schlaich, Manuel Mohr vom Verein Deutscher Zementwerke e.V. sowie die Architekturkritiker Prof. Andreas Denk (der architekt) und Amber Sayah (Stuttgarter Zeitung) angehörten. Die Jury vergab nach einer engeren Auswahl von insgesamt 20 Projekten vier gleichrangige Preise und vier Anerkennungen.

Die Preisträger im Einzelnen:

Erweiterung Sprengel Museum Hannover / Meili, Peter Architekten AG, Zürich (siehe große Bild oben) Bauherrin: Landeshauptstadt Hannover
Fertigstellung: 2015

Jurybegründung: Das zwischen 1975 und 1979 von den Kölner Architekten Peter und Ursula Trint mit Dieter Quast entworfene Sprengel Museum am Nordostufer des Maschsees wurde bis 2015 mit einem Anbau nach einem Entwurf der Zürcher Architekten Marcel Meili und Markus Peter erweitert. Die Schweizer haben einen langgestreckten eleganten Quader aus anthrazitfarbenem Sichtbeton angefügt, der sich an den hohen, geböschten Sockel des Altbaus anschließt und auf einem tief eingezogenen verglasten Sockel vorkragt. Das Äußere des Bauwerks gibt bis auf die im Sockelbereich rundum geöffneten Büro- und Werkstatträume und drei verglaste Loggien im Obergeschoss keine Hinweise auf die innere Erschließung oder Raumdisposition. Vielmehr inszeniert die Fassade mit fünf verschiedenen Reliefschichten ein Eigenleben im städtischen Raum: Die Bänderung, die teils poliert, teils im Rohzustand des Betons belassen wurde, zieht sich als nicht eindeutig interpretierbares all-over um das gesamte Gebäude.

Im Innern haben die Architekten den komplizierten Übergang von den Ebenen des Altbaus zum Neuen mit einem Treppenhaus gelöst, das sich als plastisch wirkende Rampe mit organischem Formenschatz in die Tiefe der Museumsstraße schwingt, die den Bau von Peter und Ursula Trint im Untergeschoss erschließt. Außergewöhnliches haben die Architekten schließlich mit der Disposition der zehn unterschiedlich großen fensterlosen Ausstellungsräume geleistet: Jeder Raum ist abwechselnd leicht schräg aus den rektangulären Achsen des Hauses verschoben. Im Durchwandern der Säle mit ihren leicht versetzten Wänden stellt sich eine gewisse Irritation der Raumwahrnehmung ein. Drei verglaste Loggien beruhigen die bewegte Konzeption, bieten Raum, Ruhe und den Blick in die Weite des Hannoveraner Haussees als Erholung von der konzentrierten Betrachtung der Kunst. Ihre Wandgestaltung mit anthrazitfarbenem Sichtbeton weist sie als kommunikativen Teil der raumhaltigen Fassade aus, der das bewegte Innere auf geistreiche Weise mit dem stillen Relief der Außenhaut verbindet – vielleicht eine Antwort auf eine heute noch zu selten gestellte Frage.


E20_Wohnhaus in Pliezhausen / Steimle Architekten BDA, Stuttgart; Bauherr: Privat; Fertigstellung: November 2016

Jurybegründung: Im Umfeld einer „normalen“ Einfamilienhaussiedlung sticht das kleine Wohnhaus als Exot hervor. Ungewöhnlich sind im dörflichen Kontext der Gemeinde Pliezhausen die skulpturale Extravaganz und das Material Sichtbeton, das durch die sägeraue Bretterschalung noch akzentuiert wird. Die Bezeichnung als „Findling“, die die Architekten ihrem Entwurf gegeben haben, passt daher auf die Erscheinung dieses erratischen Steinbrockens im Wohngebiet. Die freie Komposition nutzt die konstruktiven und plastischen Materialeigenschaften des Betons; die fließenden Grundrisse im Inneren, die gefalteten Decken sowie die mal engen und niedrigen, mal weiten und hohen Räume ergeben ein spannungsvolles dreidimensionales Zusammenspiel. Zur Landschaft am Rand der Schwäbischen Alb öffnet sich das Gebäude mit großen, teilweise über Eck eingeschnittenen Fensterflächen.

Als preiswürdig und zukunftweisend bewertete die Jury daneben vor allem die Verwendung von Leichtbeton mit Blähtonzuschlag. So konnten die 50 Zentimeter starken Außenwände als Massivkonstruktion errichtet werden. Außen und innen sind bei diesem Haus eins – logischerweise prägen unbehandelte Betonwände auch die Wohnräume, im Kontrast mit weißem Putz und hellem Eichenholz. Der einschalige Dämmbeton erlaubt nicht nur ein energieeffizientes, ressourcenschonendes Bauen, auch der Verzicht auf komplizierte, ökologisch problematische Wärmedämmverbundsysteme ist bei dieser innovativen Bauweise positiv hervorzuheben. Zugleich gewinnt die Architektur damit ihre Gestaltungsfreiheit zurück: zu sehen an diesem skulptural geformten, expressiven Sichtbetonmonolith

Konzerthaus Blaibach / Peter Haimerl . Architektur, München, ,  Bauherrin: Gemeinde Blaibach, Fertigstellung: September 2014

Jurybegründung: Die Gemeinde Blaibach am Regen in der Oberpfalz liegt nahe der Grenze zu Tschechien. Das ungewöhnliche Konzerthaus, das der Münchner Architekt Peter Haimerl diesem Ort mit 2000 Einwohnern hinzugefügt hat, ist ein schräg in die Erde eingelassener Quader aus Beton. Der monolithische gekippte Baukörper hat den Eingang auf dem neuen Dorfplatz: Oberirdisch knüpft die Architektur mit ihrer Granitfassade an die Steinbrecher-Tradition der Region an. Über eine Treppe gelangt man in das unterirdisch gelegene Foyer. Von hier aus führt der Weg über Garderobe, Sanitärräume und Barbereich in die Tiefe und bereitet das optisch-räumliche Erlebnis des spektakulären Konzertsaales vor.

Die reliefierten Oberflächen der diffizil entworfenen und in Ortbeton gefertigten Raumform des Konzertsaales erzeugen nicht nur eine ungewohnte Räumlichkeit mit kaum zuvor erlebter Atmosphäre, sondern kontrollieren auch die akustischen Verhältnisse des Aufführungsortes: Der unbehandelte Beton des Inneren verbessert die Akustik. Peter Haimerls Bau ist ein außergewöhnlicher Beitrag zur Revitalisierung einer peripheren Region, die von einem tiefgreifenden Strukturwandel betroffen ist: Landflucht und zurückgehender Tourismus haben Leerstand erzeugt, dem die Bemühungen der Gemeinde und des ihr verbundenen Architekten erfolgreich mit guter Form und sinnvollem Zweck Einhalt geboten haben.

Kreativwirtschaftszentrum Mannheim / hartwig schneider architekten, Stuttgart; Bauherrin: Stadt Mannheim; Fertigstellung: Juli 2015

Jurybegründung: Das hartnäckige Vorurteil, dass Beton per se grau, kalt und abweisend wirke, wird durch das Gebäudeensemble am Mannheimer Neckarhafen schlagend widerlegt. Am neuen Zentrum für Startups der Kreativbranche und dem zugehörigen Galeriegebäude zeigt sich vielmehr die enorme Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit des Materials. In dem von industriellen Backsteinbauten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geprägten Umfeld nimmt der durchgefärbte, ziegelrote Ortbeton mit seiner rauen Bretterschalung den Charakter des historischen Bestands auf. Sowohl in der muskulösen Skelettstruktur des Geschäftshauses als auch dem weitgehend geschlossenen Körper der Galerie spiegelt sich andeutungsweise das Formenrepertoire der benachbarten Mühlen- und Speichergebäude wieder, ohne dass diese schlicht kopiert werden. Die Neubauten geben ihre Entstehungszeit, im Gegenteil, klar zu erkennen, stehen mit ihrer einfachen, robusten Stahlbetonkonstruktion aber auch in der Tradition klassischer Industriearchitektur. Die Architekten haben im besten Sinne weitergebaut: Weder haben sie den Kontrast zwischen gestern und heute einzuebnen versucht, noch daraus das beherrschende Thema ihres Entwurfs gemacht. Alt und neu verflechten sich zu einer ortsbezogenen Uferbebauung, die dem Stadtteil sein unverwechselbares Gesicht gibt.

Das Kreativzentrum gehört zu einem Sanierungsprogramm, mit dem die Stadt Mannheim den sozialen Brennpunkt Jungbusch aufwerten will. Hervorzuheben sind neben den architektonischen darum auch die städtebaulichen Vorzüge des Entwurfs: Gestalterisch sind Geschäftshaus und Galerie zwar als Einheit behandelt, funktional und baulich aber getrennt, so dass die durchlässige Bebauungsweise der Hafenstraße erhalten blieb. Der neu entstandene öffentliche Platz zwischen den Neubauten, der sich jenseits der Uferpromenade als Steg über den Neckar fortsetzt, trägt mit dem Café, den Läden, Werkstätten und Showrooms in den Erdgeschosszonen zur Belebung des Quartiers insgesamt bei.

Anerkennungen
Seminargebäude Hochschule der Medien Stuttgart / Simon Freie Architekten BDA, Stuttgart
St. Agnes - König Galerie, Berlin / Brandlhuber+ Emde, Burlon mit Riegler Riewe Architekten, Berlin

Bürogebäude am Hamburger Bahnhof, Berlin / Miller & Maranta, dipl. Architekten ETH BSA SIA, Basel
Wohnsolitär Gret-Palucca-Straße Dresden / Leinert Lorenz Architekten, Dresden

 

Bildnachweis (von oben nach unten): Sprengel Museum, Foto: Georg Aerni; Wohnhaus Pliezhausen,  Foto: Brigida González;  Konzerthaus Blaibach, Foto:  Edward Beierle; Kreativwirtschaftszentrum Mannheim, Foto: Christian Richters