Professor auf braunen Abwegen

Er galt als einer der international bekanntesten deutschen Architekten. Mit modernen Architektur-Strömungen wie die des Bauhauses konnte er sich aber nicht anfreunden. In München hat er bedeutende Bauwerke hinterlassen. Allerdings diente sich German Bestelmeyer auch als Vorzeige-Architekt dem nationalsozialistischen Regime an.

 

 

Bestelmeyer wurde am 8. Juni 1874 in Nürnberg als Sohn eines Militärarztes geboren. Von 1893 bis 1897 absolvierte er ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule München bei Friedrich von Thiersch und an der Wiener Akademie der Bildenden Künste bei Friedrich von Schmidt. 

Im Anschluss arbeitete er als staatlicher Baureferendar in Nürnberg, als Bauamtsassessor am Landbauamt Regensburg sowie von 1905 bis 1909 als Bauassessor am Universitätsbauamt in München.

1910 wurde er als Professor an die Technischen Hochschule Dresden als Nachfolger von Fritz Schumacher berufen. 1911 übernahm Bestelmeyer als Nachfolger von Paul Wallot eine Professur an der Akademie der Bildenden Künste in Dresden und 1915 an der Akademie der Bildenden Künste in Berlin als Nachfolger von Johannes Otzen. 1919 wurde er dann gleichzeitig auch noch als Professor an die Technische Hochschule Berlin-Charlottenburg berufen. Ab 1922 lehrte er als Professor als Nachfolger von Friedrich von Thiersch an der Technischen Hochschule München. Von 1924 bis 1942 war er Präsident der Bayerischen Akademie der Bildenden Künste in München.

Bereits 1928 hatte er zusammen mit Paul Bonatz, Paul Schmitthenner, Wilhelm Kreis und Paul Schultze-Naumburg die Architektenvereinigung „Der Block“ als Gegenmodell zum modernistisch-avantgardistischen „Der Ring“  der Architekten Bruno Taut, Martin Gropius und Erich Mendelsohn gebildet. Er bestimmte als Akademiepräsident in München die konservative Richtung der Münchener Architektur und setzte sich immer wieder, häufig mit Rückendeckung des bayerischen Kulturministeriums, gegen fortschrittliche Ansätze wie etwa von Theodor Fischer, Adolf Abel, Robert Vorhoelzer und Richard Riemerschmid ein. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten trat er 1933 der NSDAP bei. 1935, dem Jahr als er den Bibliotheksbau des Deutschen Museums fertigstellte (Bild: Bestelmeyer in der Mitte, ganz rechts Museumsgründer Oskar von Miller)  wurde er zum Reichskultursenator ernannt. Auf sein Betreiben erhielt Hitler 1937 die Ehrenmedaille der Münchner Akademie der Bildenden Künste in Gold. 1938 war Bestelmeyer mit verschiedenen Projekten auf der ersten Deutschen Architekturausstellung im nationalsozialistischen Haus der Deutschen Kunst vertreten.

Als Bestelmeyers am 30. Juni 1942 in Bad Wiessee starb, ordnete Hitler ein Staatsbegräbnis an. Er wurde nach München überführt, in der Akademie der Bildenden Künste aufgebahrt und am 4. Juli 1942 in den Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität München geschafft, wo im Beisein von Propagandaminister Joseph Goebbels die Trauerfeier statt. Danach wurde Bestelmeyer im Waldfriedhof beigesetzt.

 

Erweiterungsbau LMU,

Ludwigs-Maximilians-Universität (1906–1910)

Um den gestiegenen Raumbedarf zu genügen, erwarb die Universität auf einem Grundstück an der Adalbertstraße und Amalienstraße gegenüber dem bestehenden Gebäude 13 Mietshäuser, die nach ihrem Abriss Platz für den Neubau bot. Der westliche Erweiterungsbau der Universität gilt als „von ihm nicht wieder überbotene frühe Hauptwerk“ des gerade mal 29jährigen German Bestelmeyer.

An dem von Friedrich von Gärtner errichteten Bau der Universität am heutigen Geschwister-Scholl-Platz errichtete Bestelmeyer einen unkonventionellen Reformarchitektur-Bau. Zur Amalienstraße hin geöffnet, legte Bestelmeyer den durch Seitenflügel begrenzten Ehrenhof an (Bild oben links). Analog Gärtners Eingangsgestaltung im Norden, entwarf er im Südtrakt einen zweiten Eingang unter Arkaden (Bild oben rechts). Der Mittelteil der Vorhalle zieren Plastiken Gelehrter aus der Antike des Bildhauer Josef Floßmann, die die Fakultäten symbolisieren. Die auffälligsten Plastiken sind aber die auf zwei 14 Meter hohen Säulen am Vorplatz gestellte Erzfiguren Hermann Hahns („Sieg der Wissenschaft“,„Wahrheit“).

Bestelmeyers Gebäudekomplex entspricht einem schräg von Gärtners Gebäude gegenüber gestellten dreiflügeligen Erweiterungsbau. 

Durch die Arkaden gelangt man durch den Eingang in ein Vestibül mit Säulen und Dekor. Über zwei Gänge gelangt man in das eigentliche Herz des Bestelmeyerschen Erweiterungsbau: Als zentrales Verbindungsstück beider Gebäude entwarf er eine Kuppelhalle mit Oberlicht, in der er die Binnenfreitreppe stellte. Dabei wusste er geschickt die unterschiedlichen Achsen von Alt- und Neubau zu verbinden.

"Die weiträumige Zentral- oder Wandelhalle... gehört neben den Kuppelhallen des Justizpalastes von Friedrich von Thiersch und des Armeemuseums zu den eindrucksvollsten Lösungen dieser Artnicht nur in München. Trotz der Dimensionen und der römische Thermen zitierenden Gewölbe wusste Bestelmeyer den Eindruck des im damaligen Reich verbreiteten schwermässig-teutonischen Archaisierens zu vermeiden." (H. Habel, J. Hallinger, T. Weski - Denkmäler - Landeshauptstadt München, Mitte, Seite 278) 

Neben diesem so genannten großen Lichthof enthält sein Bau das Auditorium Maximum im Mitteltrakt der Universität. Im Südflügel wurde zudem eine große Aula eingebaut. Die Dekoration und die Mosaiken wurden von Wilhelm Koeppen entworfen.

 

Aldolphus Busch Hall

im Germanic Museum, Harvard University in Boston, USA (1910-1913)

 

 

Für das Germanic Museum der Harvard Universität gestaltete Bestelmeyer die so genannte Adolphus Busch Hall. Es wurde nach dem deutschstämmigen Brauerei-Besitzer und Philanthropist Busch benannt, der dafür 265.000 US-Dollar gespendet hatte. Das Germanic Museum beziehnungsweise das Busch-Reisinger-Museum ist das einzige Museum in den USA, das der Erforschung der deutschen Sprache in Mitteleuropa gewidmet ist. In dem Gebäude finden auch Konzerte statt.

 

 

 

Reichsschuldenverwaltung in Berlin, (1919–1924)

Als erster großer Behördenbau der Weimarer Republik entstand nach Bestelmeyers Entwurf der sechsgeschossige Reichsschuldenverwaltung in Berlin-Kreuzbergmit auffällig-abgerundeter Ecke an der Oranienstraße und Alter Jakobsstraße. Zu den Straßenseiten ist das Gebäude mit Klinker verblendet, in den vier Innenhöfen sind die Wände verputzt. Die Fassade wurde durch fünf Reihen gleichgroßer Fenster gegliedert. Hugo Lederer und Albert Kraemer haben in Zweiergruppen Skulpturen aus Terrakotta gestaltet. Farblich setzen sich Sockelelemente aus Muschelkalk ab. Wegen der langen Fassade wurde das Gebäude in der Bevölkerung mit einem „liegenden Wolkenkratzer“ verglichen. Die Reichsschuldenverwaltung benutzte das Gebäude bis fast zum Ende des Zweiten Weltkriegs bis es durch Bombenabwürfe schwer beschädig wurde. 1958 wurde es wiederhergestellt und beherbergt heute die Berliner Senatsverwaltungen für Integration, Arbeit und Soziales sowie für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz und die landeseigene Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM).

 

Erweiterungsbau der TUM,

Technischen Hochschule München (1922–1926)

Das von Gottfried von Neureuther 1866 erbaute „Königliche Polytechnikum“ wurde zwischen 1908 und 1913 von  Friedrich von Thiersch in der Südwestseite erweitert. In den 1920er-Jahren wurden weitere Räumlichkeiten benötigt. Bestelmeyer erhielt den Auftrag und griff Theodor Fischers Idee, zwei Flügelbauten an Stelle der Grünanlagen am Neureuther-Gebäude zu errichten.

Die Gebäude nehmen neoklassizistische Formen italienischer Palazzi auf. Die beiden Bauten im Norden (Bild links vom Vorhoelzer Forum mit Blick auf Alte Pinakothek) und Süden (Bild oben links) der Hochschule entlang der Arcisstraße erzeugten eine monumentale, geschlossene Wirkung eines Palastbaus gegenüber Leo von Klenzes Alter Pinakothek. In dem entstandenen Ehrenhof zwischen Bestelmeyers Neubauten wurden zwei Plastiken von Bernhard Bleeker und Hermann Hahn aufgestellt. Nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurden die Ruinen des Neureuther-Baus durch Bauten Robert Vorhoelzers ersetzt und Bestelmeyers Gebäude wieder aufgebaut. 

 

Studien- und Kongressbau

des Deutschen Museums  (1928–1935)

 

Auf Initiative Oskar von Millers wurde 1906 mit dem Bau des Deutschen Museums auf der ehemaligen Kohleinsel begonnen. Die Pläne gingen auf den führenden Architekten des Historismus, Gabriel von Seidl, zurück, der allerdings noch  während der Bauphase verstarb. Ebenso ging es seinem Bruder Emanuel von Seidl, der Gabriels Bauleitung bis zu seinem eigenen Tod fortführte, so dass der Bau schließlich von Eduard Oswald Bieber vollendet werden musste.

 

Gabriel von Seidls ursprünglicher Plan sah auch die Errichtung eines Gebäudes für die Bibliothek und einen Versammlungssaal vor, der aber nicht realisiert wurde. Stattdessen entwarf Bestelmeyer nördlich des Hauptgebäudes zwei getrennte Gebäude, die als Bibliothek (Studienbau) und als Kongressgebäude (Sammlungsbau) dienten. Der Studienbau befindet sich gegenüber dem Eingang des Hauptgebäudes und bildet mit den verbindenden Trakten mit Uhrturm den zentralen Innenhof des Deutschen Museums. Der Bibliothelsbau ist als Vierflügelbau mit Mitteltrakt gestaltet und weißt dadurch zwei kleinere Innenhöfe auf. Der Zugang zur Bibliothek erfolgt vom zentralen Innenhof über eine Treppe in einen repräsentativen Empfangsssaal. Bestelmeyers hat auch die astronomische Uhr im Turm des Verbindungsflügels zwischen Bibliotheksbau mit dem südlich gelegenen Hauptbau entworfen.

 

Der Saalbau mit einem großen Kongresssaal nördlich des Bibliotheksbau ist zu den Ludwigsbrücken ausgerichtet. Das schachtelartige Gebäude des Kongresssaals erhebt sich über einen niedrigeren Umbau.  Das Gebäude wurde in Stahlskelettbauweise errichtet. An dem über den Umbau herausragenden Teil des Kongresssaals wurde ein Fensterband angebracht. Die Dachecken des Gebäudes werden durch martialische Adler geschmückt.

1990 bis 1993 wurde das Innere des Saalbau neugestaltet. Statt dem großen Kongresssal befindet sich nun dort das IMAX-Kino und das Planetarium. 

 

 

 

Luftgaukommando,

heute Bayerisches Wirtschaftsministerium, Prinzregentenstraße (1935–1936)

Gegenüber dem Bayerischen Nationalmuseum errichtete Bestelmeyer für das nationalsozialistische Regime das Gebäude des Luftgaukommandos an der Südseite der Prinzregentenstraße. Sie war als Teil einer monumentalen Verkehrs- und Aufmarschachse entlang der Prinzregentenstraße bis nach München-Riem hinaus geplant. Mit dem Bau des Hauses der Deutschen Kunst von Paul Ludwig Troost, das unter Troosts Witwe Gerdy Troost fertiggestellt wurde, war ein nationalsozialistischer Vorzeigebau bereits vollendet. Gegenüber dem Luftgaukommando war eine forumartige Erweiterung auf der Höhe des Bayerischen Nationalmuseums geplant, die aber nicht zur Ausführung kam.

Für das Luftgaukommando erstellte Bestelmeyer einen Palastbau mit baulichen Dekorationen aus NS-Symbolen wie Adler, Sprenggiebeln mit Stahlhelmen und geschmiedete Fenstergitter in Form von Hakenkreuzen. In der Zuständigkeit des Luftgaukommandos fiel die systematische Wiederaufrüstung der im Versailler Vertrag verbotene Luftwaffe. Südbayern bot sich als Rüstungszentrum an, da es für feindliche Flugzeuge relativ abseits lag und über Firmen wie BMW, Junkers, Dornier und Messerschmitt verfügte, die für die Aufrüstung der Luftwaffe eine Schlüsselstellung einnahmen.

Heute dient das Gebäude als Sitz des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Verkehr. Die nationalsozilistischen Symbole wurden im Gebäude beibehalten.

 

Forum mit Studiengebäude

des Bayerischen Nationalmuseums in München (1937)

An dem von Gabriel von Seidl errichteten Bayerischen Nationalmuseum baute Bestelmeyer ein Forum mit einem Studiengebäude, in dem die architektonische Leitung unter dem Architekten Hermann Giessler für die Neugestaltung der „Hauptstadt der Bewegung ihren Sitz hatte. Um den Renaissance-Bau errichten zu können, musste das Gartenparterre des Museums aufgelöst werden.

 

 

 

Literatur:

Heinrich Habel, Johannes Hallinger, Timm Weski: Denkmäler in Bayern - Landeshauptstadt München, Mitte, Band 1-3

Winfried Nerdinger: Architekturführer München, Dritte Auflage

Winfried Nerdinger: Ort und Erinnerung - Nationalsozialismus in München, Salzburg, München 2006