Bürgermeisterzimmer: Schaltzentralen urbaner Macht

Das Münchner Rathaus wurde im neugotischen Stil errichtet – doch wie sieht das Bürgermeisterzimmer von Christian Ude aus? Der Fotograf Jörg Winde hat 120 Bürgermeisterzimmer in Deutschland festgehalten. Ein Buch gibt einen Überblick über die Vielfalt dieser Repräsentations- und Arbeitsräume.

 

Vorweg – das oben abgebildete Bild ist ein Bürgermeisterzimmer – aber nicht das des Münchner OB, sondern von Ravensburg. In der Oberschwäbischen Stadt entwickelte sich mit der Ravensburger Handelsgesellschaft bereits im Mittelalter ein selbstbewusstes Bürgertum. Die jahrhundertalten Räume des Rathauses geben noch heute davon Zeugnis. Ein historisches Ambiente für den erst 2010 gewählten und relativ jungen Bürgermeister Daniel Tobias Rapp (40).

Städte mit jahrhundertalter Geschichte, in denen das Bürgertum sich relativ früh gegenüber Kirche, Kaiser und Adel emanzipiert und Rechte eroberte, entwickelte sich vor allem zunächst in der Hanse im Norden und später in den freien Reichs- städten.

Diese Tradition spiegelt sich heute zum Teil immer noch in den Schaltzentralen dieser Städte wie Bremen wieder. Mit dem Gelnhauser Privileg durch Kaiser Friedrich Barbarossa wurde Bremen bereits 1186 Reichsstadt, wenn auch noch nicht reichsunmittelbar. 1260 trat die Stadt der Hanse bei, die zu wirtschaftlicher Bedeutung der Stadt und zu einem erstarkten Selbstbewusstsein der Stadtoberen führte: Es schüttelte teilweise die weltliche Herrschaft des Bistums Bremen ab und errichtete als Zeichen ihrer Freiheit den Roland (1404) und ihr kulturhistorisches bedeutendes Rathaus  (1409) auf dem Marktplatz. Heute ist die Stadtgemeinde Bremen auch die Hauptstadt des Bundeslandes Freie Hansestadt Bremen. Jens Böhrnsen (SPD), der Bürgermeister Bremens, ist zugleich auch Präsident des Bremer Senates. Sein Arbeitszimmer (Bild ganz oben links) lässt die lange Tradition der Hansestadt erahnen.

Ganz anders wirken dagegen die Arbeits- und Repräsentationsräume von Hamburgs Erstem Oberbürgermeister Olaf Scholz: in nüchternen weiß gehalten, gleicht es eher einem schlichten Verwaltungsbüro (Bild ganz oben rechts). Modern liebt es auch sein Berliner Amtskollege, Klaus Wowereit (SPD). Dennoch zeigen die Amtsräume des Regierenden Bürgermeister (oben rechts) ein ganz anderen Anspruch: Es herrschen Kunstwerke und repräsentative Einrichtungsgegenstände vor, die kaum etwas von dem „armen“ Berlin ahnen lässt, dass jährlich Milliarden-Zuschüsse von anderen deutschen Regionen erhält. Auch das Bürgermeisterzimmer (Bild oben links) seines Münchner Parteifreundes Christian Ude entspricht nicht der Erwartung, die das Münchner Rathaus von außen weckt: Außen herrscht die neugotische Verspieltheit des Architekten Georg von Hauberrisser vor, Udes Arbeitszimmer erinnert dagegen eher an ein Mix aus Ikea und Bauhaus.

Der Fotograf Jörg Winde zeigt mit seinen detailreichen, großformatigen Abbildungen von Bürgermeisterzimmern einen Querschnitt deutscher Amtsstuben in den Städten quer durch die Republik, von Aachen bis Zwickau und von Glücksburg bis Füssen. Fast sieben Jahre lang hat der Fotograf an der typologisch angelegten Serie gearbeitet und dabei annähernd 120 Zimmer in präzise ausformulierten Gesamtansichten fotografiert. „Es geht den Bürgermeistern vor allem ums Repräsentieren“, sagt Jörg Winde. „Wenn hoher Besuch in die Stadt kommt, wird er in diesem Büro empfangen.“

Die Bilder dieser Räume sind Zeitdokumente, die über Formempfinden und Präsentationswillen unserer Stadtoberhäupter ebenso Auskunft geben, wie über ihr Verhältnis gegenüber Tradition und Vision. Der Einblick in die Interieurs deutscher Amtszimmer stellt ein gesellschaftlich relevantes Dokument der kulturellen Verhältnisse unserer Zeit dar, einen Einblick in Räume zwischen öffentlicher Repräsentation und halbprivatem Rückzugsraum der Bürgermeister.

Nur zum Teil sind regionale Unterschiede erkennbar. Etwa wenn das Bochumer Rathaus (Bild unten links) den Hauch vergangener Industriemagnaten vermittelt, auch wenn dort längst Sozialdemokraten (Ottilie Scholz) herrschen. Oder wenn das Arbeitsambiente des Garmisch-Partenkircher Bürgermeister Thomas Schmid (Bild links) vom christlich-sozialen Bündnis (CSB) auch etwas von den umgebenden Alpen widerspiegelt.

Die Bilder geben vor allem aber auch Aufschluss über den Stil und Vorlieben des jeweiligen Amtsinhabers und könnten daher auch für die jeweiligen Bürger von Interesse sein, die Rückschlüsse über die Stadtoberen ziehen wollen. 

 

 

 

Buch

Jörg Winde - Bürgermeisterzimmer in Deutschland; 120 Bürgermeisterbüros, von Aachen bis Zwickau

Texte von Ralf Bohn, Rolf Sachsse; 184 Seiten; Kerberverlag; Preis: 44 €

Internetauftritt Kerberverlag: Bürgermeisterzimmer  

 

 

Ausstellung

„Bürgermeisterzimmer in Deutschland“,

Eröffnung am 20.11.2012 um 19.00 Uhr, Foyer des RWE- Towers, Dortmund

 

Weitere Informationen:

Projekt: Bürgermeisterzimmer

 

 

 

 

Bilder:

© JÖRG WINDE