Carlos Garaica: Unvollendete Ordnung

Der kubanische Künstler verfolgt in seiner Heimatstadt Havanna und in internationalen Projekten den Wandel des städtischen Raums als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. Mit Fotoserien und Installationen schafft er eine kritische Archäologie der Städte, die bis zum 4. September  in der Villa Stuck gezeigt werden.

 

Orden Inconcluso (Unvollendete Ordnung) ist das erste Projekt, das sich mit den beiden Lebensräumen befasst, die der Künstler unmittelbar aus seiner persönlichen Erfahrung kennt: auf der einen Seite sein Heimatland Kuba, das durch Widersprüche zwischen gesellschaftlichen Realitäten und utopischen Hoffnungen gekennzeichnet ist, auf der anderen Seite ein südeuropäisches Land wie Spanien mit seiner Hauptstadt Madrid, in dem sich das Ende der Utopie aus der entgegengesetzten Perspektive darstellt, nämlich der einer spätkapitalistischen Gesellschaft, in der das Prinzip der Sozialfürsorge vorherrscht.

Die Ausstellung schlägt einen konzeptuellen Bogen über die letzten Jahrzehnte von Carlos Garaicoas Schaffen. Sie versammelt ausgewählte Werke, die sich mit Wirtschaft und Architektur im Sinne von Macht, Kontrolle und Utopie auseinandersetzen. Darüber hinaus bietet sie Gelegenheit zur Begegnung mit einigen projektspezifischen Werken, welche die Intention des Künstlers zeigen, eine Verbindung zwischen den verschiedenen von ihm erlebten politischen und wirtschaftlichen Realitäten herzustellen. Erfahrungen und Perspektiven einer im Aufbruch und Aufbau befindlichen Welt werden Reflexionen aus einer europäisch desillusionierten Sicht auf bereits erfolgte Entwicklungen gegenüber gestellt.

So sind mehrere Werke von Carlos Garaicoa zu sehen, die sich mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Raum, zwischen Gesellschaft und Architektur beschäftigen. Es el cuerpo humano igual al cuerpo social? (Ist der menschliche Körper gleich dem sozialen Körper?), 2002, zeigt Architektur als modernes Werkzeug, ebendiesen sozialen Körper zu disziplinieren. In ähnlicher Weise argumentieren weitere Arbeiten wie Edificio Público como Ágora Griega (Öffentliches Gebäude als griechische Agora), 2002, und Campus o la Babel del Conocimiento (Campus oder das Babel des Wissens, siehe Foto unten), 2002-4.

Im letzten Raum zeigen zwei Repliken aus massivem Gold in Miniaturformat die Deutsche Bundesbank, Saving The Safe (Bundesbank), 2013, und die Nationalbank von Spanien, Saving The Safe (Banco de España), 2014. Beide Modelle sind in Safes untergebracht und unter ständiger Aufsicht und Kontrolle. Unweit der Miniatur-Bankgebäude und aus dem gleichen kostbaren Material ist die Arbeit Portafolio, 2013, zu sehen, acht Goldplatten, die an der Wand hängen, und sich in Symbolen und Zeichen wie auch Ausrufen auf Ereignisse beziehen, in denen Bürger ihrer Angst und ihrem Widerstand gegen staatliche Kontrolle und Zwang Ausdruck verleihen.

 

Carlos Garaicoa (geboren 1967 in Havanna) ist eine Schlüsselfigur unter den lateinamerikanischen Künstlern der 1990er-Jahre. Sowohl in Kuba als auch auf internationaler Ebene ist er eine Bezugsgröße, wenn es darum geht, den künstlerischen Diskurs über die in den 1960er Jahren einsetzende Globalisierung kubanischer Kunst zu verstehen. Garaicoa lebt seit fast neun Jahren in Madrid und hat sowohl hier als auch in Havanna ein Atelier. Er nahm an zahlreichen internationalen Ausstellungen teil, z.B. documenta XI (2002), Biennale in Venedig (2005/ 2009) und 3. Guangzhou Triennale (2008).

Quelle: Villa Stuck, Pressemeldung

Bildnachweis (von oben nach unten): Carlos Garaicoa
Project Fragil (Haus der Kunst), 2013
Installation, Glas, Plexiglas, Magneten, Holz
Installationsansicht Bonniers Konsthall, Stockholm
Courtesy der Künstler und Barbara Gross Galerie, München; Carlos Garaicoa
Campus oder das Babel des Wissens / Campus or the Babel of Knowledge, 2002-2004
Installationsansicht CA2M, Móstoles
Courtesy der Künstler und Galleria Continua (San Gimignano-Beijing-Le Moulin-Havanna)