James Casebere: Die Magie der flüchtigen Illusion

Der amerikanische Fotograf stellt mit scheinbarer dokumentarischer Fotografien die Wahrheit in Frage. Er lässt verlassene Räume wie die gelbe Eingangshalle von Monticello, dem Wohnhaus des amerikanischen Präsidenten Thomas Jeffersons knöcheltief mit Wasser fluten. Zu sehen noch bis 12. Juni im Haus der Kunst.

 

Überlegungen zu Problemen der Darstellung von Architektur und Ideologie spielen in den Arbeiten von Casebere eine große Rolle, etwa wenn er sich der Arena der Akropolis von Athen, dem Sklavenschlafsaal des Topkapi-Serails in Istanbul oder den mobilen Gefängniszellen im Staat Georgia auseinandersetzt.

Geflutete und verlassene Räume - mal erleuchtet, mal dunkel -, sind regelmäßig wiederkehrende, illusionistische Motive in den Werkserien, die Ende der 1990er und Anfang der 2000er-Jahre entstanden. Wie ein Blick aus einem nächtlichen Helikopterflug auf eine sureale und geheimnisvolle Ansammlung von Farmen erscheint das Bild „Landscape with Houses“ (Dutchess County, NY) aus dem Jahre 2009 (siehe Bild oben).

In „Monticello No. 3" (2001) zeigt Casebere den Eingangsbereich von Thomas Jeffersons Herrenhaus in Virginia, knöcheltief von Wasser geflutet und dunkel. „Man muss hinter den Mythos davon, wofür Jefferson steht, schauen, und genau davon handelt die Dunkelheit", so Casebere.

Berliner Abwassersystem als Inspiration

Die Idee, Räume mit Wasser zu fluten, kam dem Künstler auf einer Reise nach Berlin, kurz nach der Wende 1989. Obwohl - oder gerade weil - in Berlin damals vor allem Aufbruchsstimmung und Begeisterung herrschte, sah sich Casebere die vernachlässigten Orte der Stadt aufmerksam an: das Abwassersystem und die U-Bahn-Stationen, die den Westen mit dem Osten verbanden. Sie brachten für ihn „das historische Unbewusstsein Deutschlands" besonders deutlich zum Ausdruck.

Bei der Überflutung von Räumen hatte Casebere ursprünglich ganz direkt auch an die Toiletten und Abwasserleitungen in den Gefängnissen gedacht. Recherchen führten ihn zu Modellzuchthäusern des frühen 19. Jahrhunderts, wie Auburn, Sing Sing und Eastern State Penitentiary in den USA.

Reformer hatten damals versucht, die Erlösungsideen der Quäker in der Architektur von Gefängnissen umzusetzen. So sollte Einzelhaft die Insassen zu Einkehr, Gebet und Besserung bewegen. Doch diese Methode hatte die Zerstörung ihres Gemüts zur Folge und wurde zu etwas Monströsem. Bereits Charles Dickens hatte das Eastern State Penitentiary 1842 besucht und die Eindrücke in seinem Reisetagebuch („Notizen aus Amerika"/„American Notes") festgehalten und die Isolationshaft angeprangert.

Das Licht fällt in Caseberes Darstellungen von Zellen häufig von außen und von oben ein, durch einen einzigen Strahl. In Nachempfindung des Quäkergedankens kann dies als Möglichkeit der Erlösung durch göttliche Gnade interpretiert werden. Doch steht das Wasser wiederum als Metapher für Vergänglichkeit und das Verstreichen von Zeit; und in den überfluteten Gefängniszellen zugleich für ein System, das dem Verfall ausgesetzt ist. Für Casebere werfen die bisherigen Methoden von Bestrafung und Freiheitsentzug ein Schlaglicht auf die Spannung, die der Architektur von Gefängnissen innewohnt.

 

Das geheimnisvolle Licht osmanischer Bauwerke

Ein Bild von Casebere bezieht sich nicht auf einen stabil existierenden Gegenstand. Vielmehr verdichtet sich darin ein System von politischen und assoziativen Bezügen, auch zu flüchtigen Dingen wie Erinnerungen oder Träumen. So faszinieren ihn z.B. auch die von dem osmanischen Architekten Mimar Sinan (1489/1490-1588) erbauten Moscheen, Koranschulen und Karawansereien in Istanbul - u.a. weil ihre ästhetischen, lichten Innenräume trotz der Höhe menschlichen Maßstab wahren. Seine Recherchen über die komplexe Vergangenheit des Islams haben Casebere hin zu Epochen und Kulturen geführt, die für ein Miteinander von Islam, Judentum und Christentum sowie für gegenseitige kulturelle Bereicherung stehen, wie etwa Spanien in den Jahren von 711 bis 1492. Mit Werken wie „Mosque (after Sinan) #2", „Spanish Bath" oder „La Alberca" ruft Casebere diese Epochen oder Momente des Sublimen im Bewusstsein des Betrachters wach.

 

James Casebere

Als sich James Casebere (geb. 1953 in Lansing, Michigan, USA) Mitte der 1970er-Jahre künstlerisch zu betätigen begann, befand sich die Fotografie im Umbruch. Zu dieser Zeit formulierten Künstler für dieses Medium verschiedene neue Ansätze. Casebere gehört zu einer Generation von Künstlern, welche die Wahrhaftigkeit von Bildern von Anfang an hinterfragte, und für die eine Fotografie etwas anderes ist als ein Dokument.

Begonnen hat Casebere mit Darstellungen, die das etablierte mittelständische Wertesystem des Mittleren Westens der USA in Zweifel zogen. Bekannt ist sein latent gewalttätig und morbid wirkendes Foto eines Kühlschranks, in dem eine überdimensionale Gabel steckt (Fork in the Refrigerator, 1975). Üblicherweise zeigen seine detailreichen Aufnahmen selbst gefertigte Architekturmodelle aus Materialien wie Styropor, Papier und Gips. Dabei sind die Modelle eindeutig Modelle, d.h. sie verstecken die Konstruktion nicht. Über die Jahre hat Casebere mit seinem filmischen und gleichzeitig architektonischen Ansatz eine eigene, unverwechselbare Bildsprache geschaffen.

„Ich versuche, etwas zu schaffen, das eine bestimmte Art des psychischen Raums verkörpert oder dramatisiert, so dass bestimmte Vorstellungen und Erfahrungen verstärkt werden", beschreibt Casebere sein Bildverständnis. Seine Modelle verkörpern beispielhaft das architektonische Unbewusstsein einer gegebenen Raumfolge.

James Casebere: Flüchtig

Zeit: Ausstellungsdauer bis 12 Juni, Öffnungszeiten Montag — Sonntag 10 — 20 Uhr; 
Donnerstag 10 — 22 Uhr

Ort: Haus der Kunst
Prinzregentenstraße 1; 
80538 München

 

Quelle: Haus der Kunst, Pressemeldung 28.01.2016

Bildnachweis: James Casebere - Landscape with Houses (Dutchess County, NY) #2, 2009, digital chromogenic print, 177 x 269 cm, Edition 3/5, Courtesy MFA Financial Inc., New York; James Casebere – Yellow Hallway #2, 2003, Digital dye destruction print, 118 x 147 cm,, Edition of 5 with 2 artist’s proofs, Courtesy the Artist and Sean Kelly Gallery, New York © James Casebere, 2016; James Casebere - Flooded Cell #1, 2008, Digital chromogenic print, 229 x 183 cm, Edition of 5 with 2 artist’s proofs, Courtesy the artist and Lisson Gallery, London © James Casebere, 2016; James Casebere – Samarra, 2007, Digital chromogenic print, 122 x 152 cm and 183 x 229 cm, Editions of 5 with 2 artist’s proofs each, Courtesy the Artist and Sean Kelly Gallery, New York  © James Casebere, 2016; James Casebere während der Pressekonferenz am 11. Februar 2016 / February 11, 2016, Foto/Photo: Maximilian Geuter; James Casebere – Toilets, 1995, Dye destruction print, 61 x 76 inches and 122 x 152 cm, Editions of 5 with 2 artist’s proofs each, Courtesy the Artist and Sean Kelly Gallery, NY  © James Casebere, 2016