Chipperfields Haus-der-Kunst-Sanierung: Provokation oder Purismus

Mit seinem Sanierungskonzept für das Haus der Kunst hat David Chipperfield eine heftige Diskussion ausgelöst. Kritiker halten seine weitgehende Wiederherstellung des neoklassizistischen Kunsttempels von Hitlers Lieblingsarchitekten Paul Ludwig Troost  für eine Provokation.

 

„Man sollte es der Stadt zurückgeben. Es stellt heute keine Bedrohung mehr dar“, so
der britische Architekt David Chipperfield 2013, über die Sanierung der Haus der Kunst, mit der er beauftragt wurde.

„Die Renovierung des Haus der Kunst bietet nicht nur die seltene Gelegenheit, über die wunderbar proportionierten Räume nachzudenken. Sie bietet die einmalige Chance, das in der Architektur und Geschichte des Haus der Kunst verborgene Potenzial für zeitgenössische Kunst zu heben und für und über München hinaus sichtbar zu machen“, freute sich Okwui Enwezor, Direktor des Hauses der Kunst.

Im Oktober 2016 stellte Chipperfield nun sein Konzept vor: Im Westflügel des Gebäudes soll analog zur Goldenen Bar im Ostflügel ein Restaurant untergebracht werden (Bild links). Zudem sind im Westbereich eine Universalbühne (Bild links unten) für Veranstaltungen und kleinere Galerien statt Büroräume vorgesehen. Die Nordseite zur Terrasse wird durchlässiger gestaltet.

Im Außenbereich soll der „grüne Vorhang“ beseitigt werden: die Bäume an der Prinzregentenstraße sollen entfernt werden. Auch auf der Terrasseseite im Norden sollen Bäume gefäält werden, um den Ausblick in den Englischen Garten herzustellen.  

Weil "kaum ein anderes Gebäude dieses Ranges so umfassend in allen Facetten bis hin zur Möblierung und Haustechnik erhalten“ ist, fühlen sich die Architekten dem „hohen Zeugniswert“ der „authentischen Überlieferung“ verpflichtet.



Die Reaktion fiel heftig aus. Eine „unkommentierte Wiederherstellung“ des Gebäudes dürfe es nicht geben. Dies sei sonst vergleichbar mit der Veröffentlichung von Hitlers Buch „Mein Kampf“ ohne kritische Erläuterung, warnt Magnus Brechtken vom Münchner Institut für Zeitgeschichte. Den an das Original angenäherte Bau den Münchnern zurückzugeben, sei „geschichtsblinde Perversion“  so Winfried Nerdinger, Direktor des NS-Dokumentationszentrums.

Nationalsozialistische Verführung durch überwältigende Architektureffekte

Angesichts der Wirkungskraft, dem Hitler das von seinem Lieblingsarchitekten Paul Ludwig Troost entworfene Monumentalgebäude für die Selbstdarstellung  seines Regimes beimaß, ist die Reaktion verständlich. Mit seiner Anlehnung an die Säulenreihe und Treppengestaltung von Schinkels Neuem Museum in Berlin, überwältigt der neoklassizistische Bau viele Besucher. Als der Ausstellungsbau nach dem Tod Troosts von dessen Witwe Gerdy und dessen Büroleiter Leonhard Gall 1937 fertig gestellt wurde, weihte Hitler den Kunsttempel persönlich ein (Bild links, von links nach rechts: Ernst Hanfstaengl, Leonhard Gall, Adolf Hitler, Gerdy Troost, Adolf Ziegler, Joseph Goebbels).  Dann ließ er dort moderne Kunst als „entartet“ inszenieren.

Tatsächlich gelang es den Nazis mit den Bauten von Albert Speer als Rahmen für ihre Massenveranstaltungen Menschen in ihren Bann zu ziehen. Statt der Rekonstruktion wollen die Kritiker durch eine Neugestaltung einen unübersehbaren Bruch mit der braunen Vergangenheit. Als Vorbild wird die von Günther Domenig zum Dokumentationszentrum umgestaltete NS-Kongresshalle in Nürnberg genannt.

Doch lässt sich mit einer Architektur des erhobenen Zeigefingers künftig Schlimmes verhindern? Statt diese Bauten zu kaschieren, wäre es nicht ehrlicher, den Urzustand offenzulegen? Mündige Bürger sind in der Lage, sich ihr eigenes Urteil zu bilden, für Unbelehrbare hilft auch kein Wink mit dem Zaunpfahl. Wer „böse Bauwerke“ fürchtet, müßte konsequenterweise deren Abriss fordern. Doch nicht Steine, sondern nur Menschen können schuldig werden.

Bildnachweis: Visualisierung David Chipperfield Architects; Foto: vom 5.5.1937:Bundesarchiv, Bild 183-1992-0410-546 / CC-BY-SA 3.0

Oktober 2013: David Chipperfield erhält Sanierungsauftrag für das Haus der Kunst

Der britische Architekt David Chipperfield erhält Planungsauftrag zur Sanierung des Haus der Kunst. Das Bayerische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst und das Haus der Kunst teilten mit, dass sich das Architekturbüro David Chipperfield Architects in der Endrunde des zweistufigen Vergabeverfahrens durchsetzen konnte

Bereits im September wird das Architekturbüro mit den Planungsarbeiten zur Gesamtsanierung des Haus der Kunst (Bild oben und Bild unten links) beginnen. Die Endauswahl hatten vier weitere Architekturbüros erreicht, von denen drei mit ebenfalls hervorragenden Präsentationen an den entscheidenden Gesprächen mit der Jury teilnahmen.

Neben dem Staatlichen Bauamt München 1, das federführend die Sanierungsmaßnahme betreut und die europaweite Auftragsbekanntmachung im April dieses Jahres veröffentlicht hatte, waren das Bayerische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, die Oberste Baubehörde München, sowie Okwui Enwezor (Direktor Haus der Kunst), Prof. Dr. Klaus Schrenk (Generaldirektor Bayerische Staatsgemäldesammlungen) und Prof. Andres Lepik (Direktor Architekturmuseum TUM) in der Jury vertreten.

Die Jury überzeugte vor allem die große Erfahrung von David Chipperfield Architects im Umgang mit denkmalgeschützten Gebäuden sowie die Qualität der von David Chipperfield (Bild rechts) bisher verantworteten Museumsbauten. Zu den bedeutenden Beispielen in Deutschland gehören das Neue Museum in Berlin (Bild links unten) und das Literaturmuseum der Moderne in Marbach (Bild links ganz unten). Ebenso überzeugte der analytische und offene Ansatz, der genügend Raum bietet, um gemeinsam mit allen Beteiligten Lösungen zu erarbeiten.

Nach Einschätzung von David Chipperfield Architects verlangt die Aufgabe weniger nach der Handschrift eines Architekten, als nach einer intelligenten Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen derzeitiger und künftiger Nutzungsformen. Dabei spielen drei Aspekte eine wichtige Rolle: Das Verhältnis des Haus der Kunst zum Stadtraum und dem angrenzenden Englischen Garten, Programm und zukünftige Nutzung des Gebäudes sowie die Architektur des Gebäudes selbst.

„Einmal mehr hat sich ein weltweit führender Architekt für eine Architekturaufgabe in München interessiert, worüber wir uns sehr freuen. Unsere Kulturlandschaft in Bayern wird hierdurch eine weitere Bereicherung erfahren", kommentiert Dr. Wolfgang Heubisch, Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, die Entscheidung. "Hervorragende Referenzen in den Bereichen Museumsbau und Bauen für die öffentliche Hand sowie internationale Erfahrung mit der Renovierung und Sanierung von herausragenden Architekturdenkmälern sind beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit."

Okwui Enwezor, seit Oktober 2011 Direktor des Hauses, ist hocherfreut über die Entscheidung. "Die Renovierung des Haus der Kunst bietet nicht nur die seltene Gelegenheit über die wunderbar proportionierten Räume nachzudenken, sondern gleichermaßen für eine institutionelle Veränderung und Weiterentwicklung des Hauses. Sie bietet die einmalige Chance, das in der Architektur und Geschichte des Haus der Kunst verborgene Potenzial für zeitgenössische Kunst zu heben und für und über München hinaus sichtbar zu machen."

"Heute, da sich die Erinnerung an seine Erbauung zu Geschichte wandelt, haben wir die Möglichkeit, die Gegenwart des Haus der Kunst neu zu sehen. Dies eröffnet Perspektiven für das Haus als Baudenkmal und als Institution", kommentiert Alexander Schwarz, Partner bei David Chipperfield Architects Berlin, die neue Aufgabe.

Mit der Auswahl des Architekturbüros beginnen nun die Planungsphase und die Erstellung der Haushaltsunterlage, die dem Bayerischen Landtag zur Genehmigung vorgelegt werden wird. Mit dem Beginn der Sanierung wird im Jahr 2015/2016 gerechnet.

Über das Haus der Kunst

Das "Haus der Deutschen Kunst", eines der am stärksten kontrovers diskutierten Baudenkmäler Münchens mit ikonischem Charakter, war als erster repräsentativer Monumentalbau des "Dritten Reiches" geplant, wurde 1937 eröffnet und fungierte sieben Jahre lang als Ausstellungsort für die "Große Deutsche Kunstausstellung". Nach dem Krieg zog vorübergehend die amerikanische Militärregierung ein. Seit Ende der 1940er-Jahre entwickelte sich das Haus der Kunst stetig zu einem international renommierten Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst, das heute durch innovative Ausstellungen und Vermittlungsprogramme breite Anerkennung genießt.

Über den Architekten

David Chipperfield Architects mit derzeit mehr als 200 Mitarbeitern wurde 1985 in London gegründet. Das Büro hat weitere Standorte in Berlin, Mailand und Shanghai. In Deutschland hat David Chipperfield Architects in den vergangenen Jahren u.a. den Wiederaufbau des Neuen Museums in Berlin (1997-2009), das Museum Folkwang in Essen (2007-2010), den Masterplan für die Berliner Museumsinsel sowie das Literaturmuseum der Moderne in Marbach (2002-2006) verantwortet. Derzeit ist es mit der Grundinstandsetzung der Neuen Nationalgalerie in Berlin beauftragt (2012-2018).

Quelle: Pressemeldung Haus der Kunst vom 5.09.2013

Bilder: David Chipperfield © Ingrid von Kruse; Haus der Kunst, Rückansicht mit Parkplatz / Back view with parking, 2013 © Ute Zscharnt für / for David Chipperfield Architects; Haus der Kunst, Flur / Corridor, 2013 © Ute Zscharnt für / for David Chipperfield Architects