Deutsche Architektur 2012 - ein Überblick

Mit dem Deutschen Architektur Jahrbuch soll ein repräsentativer Querschnitt in und aus Deutschland gezeigt werden. Ein Schwerpunkt bildet die Berichterstattung über den DAM-Preisträger Max Dudler. München ist bei 19 vorgestellten Objekten immerhin mit drei Objekte vertreten.

An einer Schlossruine versammelten sich im Jahr 1832 an vier Tagen rund 30.000 Bürger, um gegen die bayerische Fremdherrschaft in der Pfalz und gegen monarchistischer Verwaltung zu demonstrieren. Im Hambacher Fest forderten sie die deutsche Einheit, Freiheit und Volkssouvernität.

Nun wurde das Hambacher Schloss als „nationale Gedenkstätte“ von dem Berliner Büro Max Dudler Architekten grundlegend ausgebaut. Die historisierende Ausschmückung des Festsaales aus dem Jahr 1982 wurde durch eine schwarze Decke mit Leuchten, die den Sternenhimmel symbolisiert, ersetzt. An der Unteren Wehrmauer wurde ein Restaurant errichtet, dessen Bau sich durch die Verwendung von gelben Sandstein und seiner klaren Formsprache natürlich in das mittelalterliche Gebäudeensemble einfügt. Nach dem Naturwissenschaftlichen Museum von Diener & Diener im vergangenen Jahr (siehe Besprechung Deutsches Architektur Jahrbuch 2011/12) entschied sich die Jury  daher einstimmig für Dudlers Schlosserweiterung als Gewinner des diesjährigen DAM Preises für Architektur.

Außer dem Umbau des Hambacher Schlosses werden in dem „Deutschen Architektur Jahrbuch 2012/13“ weitere 18 Bauten in Deutschland und drei Bauten deutscher Architekten im Ausland vorgestellt. „Der Anspruch ist es, einen repräsentativen Querschnitt aktueller Architektur in und aus Deutschland zu zeigen“, schreibt Peter Cachola Schmal,  Direktor des Deutschen Architektur Museum (DAM) in Frankfurt. Vertreten sind Architekten wie Staab Architekten aus Berlin, Lederer Ragnarsdóttir Oei aus Stuttgart oder kadawittfeldarchitektur aus Aachen, oder als Bauten die Erweiterung des Städel Museum in Frankfurt, die neue Adidas-Verwaltung in Herzogenaurach und das temporäre Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

München ist gleich mit drei Objekten vertreten: Dem TU-Gebäude (Hild und K), der Hochschule für Fernsehen und Film/Ägyptisches Museum (Peter Böhm) sowie den Stachus Passagen (Allmann Sattler Wappner).

Selten, dass unterirdische Ladenpassagen die Aufmerksamkeit der Architekturkritiker weckt. Oft sind sie „düster in der Anmutung, graue Lamellendecke, dunkler Granitboden, unzeitgemäße Beleuchtungs- und Wegeleitsysteme und unübersichtliche Einbauten – Ganz anders ist der erste Eindruck von Münchens neuen Stachus Passagen: sehen und einfach nur „Wow“ denken.“ So beschreibt Annette Becker die Neugestaltung durch Allmann Sattler Wappner Architekten (ASW Architekten). 2007 schrieb die LBBW Immobilien Development als Bauherr einen begrenzten Wettbewerb unter fünf eingeladenen Architekturwettbewerbs aus, den die ASW Architekten gewannen. Die Neugestaltung hat die Attraktivität der Passage unter dem Karlsplatz erhöht. Bis zu 160.000 Menschen durchqueren nun die hellen Räume, die sich durch die kreisförmigen weißen Aluminiumscheiben und dem hellen Terrazzoboden – der allerdings einer Nachbesserung bedurfte – auszeichnen. Kritisiert wird lediglich das zweite Untergeschoss, der einen Eindruck vermittelt, „wenn drei Bauherren für eine Ebene zuständig sind und sich nicht auf eine einheitliche Gestaltungsmaßnahme einigen können.“

Meike Weber, Chefredakteurin der Architekturzeitschrift „Detail“, nimmt sich Peter Böhms Neubau der Hochschule für Fernsehen und Film/Ägyptisches Museum in ihrem Kommentar an. Böhm hat den Bau mit einem Betonsockel und einer darüber gesetzten Glaskörper als Art Dialog mit Leo von Klenzes gegenüberliegenden Alte Pinakothek entworfen. Beide Gebäude sind als riesige Längsriegel gestaltet, die dazwischenliegende Wiese nach Norden und Süden begrenzen. Der Neubau bietet als Haus für die Filmhochschule und für das Museum Platz für zwei Einrichtungen mit unterschiedlicher Nutzungsart, die auch in der Unterbringung architektonisch getrennt sind: Oben und im Westbereich die Hochschule, unten und im Ostteil das Ägyptische Museum. „Die vertikale Gliederung der Fassade folgt durch die beiden Eingänge“, erläutert Weber. „Das Foyer der Hochschule stülpt sich am Ende  einer ansteigenden Rampe nach innen, der Eingang des Ägyptischen Museums am Fuß einer abfallenden Rampe tritt hingegen nach außen.“ Auch wenn die durch einen Lichthof erhellten Räumlichkeiten des Museums für Besucher erst 2013 geöffnet sind, so lassen sich aus den Bildern bereits die Wirkung des Licht- und Säulenspiels erahnen. „Dieses Spiel der Gebäude  (des Museumsviertels) ist durch das Gebäude von Peter Böhm um einen mutigen Schachzug bereichert.“

Christina Gräwe, Mitherausgeberin der Jahrbuches und Redakteurin beim „baunetz“ beschreibt die Wirkung des von Hild und K sanierten Gebäudes 0505 der TU München. „Dieses Gebäude sollte man mindestens zweimal aufsuchen, und das möglichst bei ganz unterschiedlichem Wetter. Denn seine neue Haut aus metallisch glänzenden Ziegeln benimmt sich je nach Lichteinfall und Wolkenbild verschieden: dunkel, als ineinander verschwimmende Fläche bei Regen und silbergrau changierend und lebhaft bei Sonne.“ Hild und K hatten den sanierungsbedürftigen Sichtbetonbau von Franz Hart aus dem Jahr 1963 mit eigens dafür angefertigte Ziegel neugestaltet und den Innenraum in Form eines Rohbaus freigelegt.

Die Texte zu den Gebäuden wurden von Journalisten, Architekten und Museumsmitarbeiter verfasst. Zudem geht ein Aufsatz auf den aktuellen Trend in der deutschen Architektur ein. In „Zurück in die Zukunft“ beschreibt Bernhard Schulz „Konservative Tendenzen in der Gegenwartsarchitektur“ und führt als namhafte Beispiele die Rekonstruktion des Museums für Naturkunde durch Roger Diener, das Hotelhochhaus Zoo-Fenster von Christoph Mäckler und vor allem die Bauten von Hilmer & Sattler und Albrecht  (Lenbach-Gärten in Berlin, Heinrich-Heine-Gärten in Düsseldorf)  auf.

Das Jahrbuch bietet einen guten Überblick über aktuelle Architektur in Deutschland in schönen Fotografien und mit interessanten Texten.

 

Deutsches Architektur Jahrbuch 2012/13

Peter Cachola Schmal, Christina Gräwe (Hrsg.); 200 Seiten; Prestel Verlag; Preis: 39,95 Euro

 

 

Bilder:

Hambacher Schloss: Stefan Müller, Berlin/Prestel Verlag

sonst: Ulrich Lohrer