Design für die junge Republik

Egon Eiermann, einer der bedeutendsten deutschen Architekten der Nachkriegsmoderne, hat in München nur ein Gebäude erstellt. Dennoch führte seine Entscheidung zum weltweit bekanntesten modernen Bauwerk Münchens.

 

 

 

Der gemeinsam mit Sep Ruf erstellte Deutsche Pavillon für die Weltausstellung in Brüssel 1958 machten Eiermann und Ruf weltweit bekannt und standen für den neuen, offenen, aber bescheidenen Architekturstil der jungen Bundesrepublik. Eiermann entwarf die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und setzte im kriegszerstörten Berlin ein neues Wahrzeichen, für die Bundesrepublik  baute der die Deutsche Botschaft in Washington und das Abgeordnetenhochhaus in Bonn.

Im baukonservativen München hatte Eiermann jedoch nur ein Haus erstellt, der Verwaltungsbau der Mannheimer Lebensversicherung – und dabei sollte es auch bleiben (eine Auswahl bekannter Werke Eiermanns wird unten dargestellt) . Doch Im 1967 wurde Eiermann den Vorsitz der Jury für den Architektenwettbewerb für den Olympiapark in München angetragem. Unter den 93 Einsendungen setzte er sich persönlich für einen kühnen Entwurf ein: der Zeltdachkonstruktion von Behnisch & Partner und Frei Otto. Der Olympiapark steht noch heute im Ausland als Symbol der Architektur der Bundesrepublik.

 

Leben

Egon Fritz Wilhelm Eiermann wurde am 29. September 1904 in Neuendorf in Potsdam-Babelsberg geboren. Nach dem Studium der Architektur an der TH Berlin bei Hans Poelzig 1923 bis 1927, ging Egon Eiermann in das Bauatelier der Rudolph Karstadt AG in Hamburg und anschließend zu den Berliner Elektrizitätswerken. Anfang der 1930er Jahre gründete er sein eigenes Architekturbüro, entwarf diverse Wohnhäuser in Berlin und Umgebung und spezialisierte sich während der Zeit des Nationalsozialismus auf gewerbliche Bauten. Daran konnte er nach Kriegsende in seinem neuen Büro in Mosbach im Odenwald anknüpfen.  Daneben sorgte die 1951-53 in Pforzheimer erbaute Matthäuskirche für seinen Ruhm und zeigte die Möglichkeit von Eiermanns neuer Bauweise auf: Die gestalterischen Elemente sind ein einfaches Betonskelett, das erlaubt, die Wandflächen mit Wabenfenster-Elementen mit bunten Dickglasscheiben zu füllen. Die Verwendung von Trümmerschutt des zerstörten Pforzheims gab materiell ein Beispiel für das Weiterleben nach dem Tod. Die Matthäuskirche gehört zu den wichtigsten Kirchenneubauten der Nachkriegsmoderne.  Eiermann tauschte sich mit Walter Gropius, Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe aus, die er auf Reisen in den USA kennengelernt hatte. Für Protest sorgte allerdings sein Kaufhausneubau in Stuttgart an der Stelle, an der ein anderer Architekturpapst in den 1920er-Jahren eine Architektur-Ikone errichtet hatte: Um sein Kaufhaus Horten zu errichten, wurde Erich Mendelsohns Kaufhaus Schocken abgerissen.

Neben seiner Tätigkeit als Architekt genoss Eiermann auch als Designer Bekanntheit. Als ordentlicher Professor an der Architekturfakultät der Technischen Hochschule Karlsruhe vermittelte er seine Stilauffassung auch mehreren Generationen von Architekten und Designer. Zu seinen bekanntesten Schülern zählt der Architekt Oswald Matthias Ungers. Eiermann starb am 19. Juli 1970 in Baden-Baden. 

 

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin (1956- 1963)

Eiermann gewann 1956 den ausgeschriebenen Wettbewerb für den Wiederaufbau der durch Bomben im Krieg 1943 zerstörten Kaiser-Wilhelms-Kirche. Sein Modell sah, zu Gunsten eines modernen Neubaus, den vollständigen Abriss der Ruine vor. Diese Pläne verursachten eine ungewohnt leidenschaftliche öffentliche Debatte. Nach einer Überarbeitung des Entwurfs bekam er 1957 den Zuschlag für die Realisierung, unter der Bedingung, dass die Ruine des Turms erhalten bleiben musste. Im 1959–1963 realisierten, endgültigen Entwurf blieb die 71 Meter hohe Ruine des alten Hauptturms bautechnisch gesichert als  Mahnmal gegen den Krieg erhalten. Eiermanns vierteiliges Bauensemble umgibt die Ruine: Ein achteckiges Kirchenschiff und ein rechteckiges Foyer im Westen des alten Turmstumpfes und ein sechseckiger Glockenturm sowie eine ebenfalls rechteckige Kapelle östlich davon.  

Ein Charakteristikum der neuen Gebäude sind die gerasterten Wände, die aus insgesamt mehr als 20.000 Fenstern des Glaskünstlers Gabriel Loire bestehen. Besonderes starkes, farbiges Glas wurde in unregelmäßige, kleine Teile zerschlagen, zu quadratischen Formen geordnet und in Betongitter eingefügt. An den Bruchflächen der Glasstücke wird das einfallende Licht zusätzlich gebrochen, ähnlich dem Effekt bei geschliffenen Edelsteinen. In Berlin hängte man die Raster-Elemente dann in die Stahlkonstruktion der Fassaden ein. Nachts wirken die Bauten farbig illuminiert, tagsüber sind die Innenräume in das vorwiegend blau getönte Licht getaucht. Die doppelwandige Konstruktion des Zentralbaues hält den Lärm der nahe gelegenen, belebten Straßen fern. Eiermann entwarf auch alle wesentlichen Elemente der Innenräume des Ensembles – Altar, Kanzel und Taufbecken, Kerzenleuchter, Lampen und Gestühl und sogar den Orgelprospekt. Am 17. Dezember 1961 wurde die fertige Kirche eingeweiht. Das gesamte Ensemble, mittlerweile denkmalgeschützt, gilt als wichtiges Bauwerk der Nachkriegsmoderne und ist eines der Wahrzeichen Berlins. 

 

Deutsche Botschaft in Washington, D.C., USA (1959–1964)

Eiermann konzipierte den Bau  als terrassenförmige Anlage für 140 Angestellte, die der Geländeform Rechnung trägt.

 

Mannheimer Lebensversicherung in München (1963- 1967)

Das Verwaltungsgebäude befindet sich im Bavariaring gegenüber der Theresienwiese. Eiermann konstruierte ein viergeschossiger Stahlbetonbau mit zurückversetztem Dachgeschoss. Die Erschließung erfolgt durch den zentralen Gebäudekern. Charakteristisch für die Ende der 1950er-Jahre entworfenen Verwaltungsbauten Eiermanns ist die Fassade: Die Brüstungen sind mit schwarzen, weiß verfugten Steinzeugplatten verkleidet. Eine besondere elegante Note gibt dem Gebäude das weit auskragende Vordach des Eingangs.

 

 

 

 

 

 

 

Der Lange Eugen – das Abgeordneten-Hochhaus des Bundestags in Bonn (1965–1969

Das Hochhaus zeigt die charakteristische filigrane Struktur von Eiermanns Architektur. 1966 wurde der Bau des 114 Meter hohen Gebäudes nach Eiermanns Plänen begonnen und am 19. Februar 1969 eingeweiht. Seinen Namen hat der Lange Eugen nach dem ehemaligen Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmeier, während dessen Amtszeit das Gebäude entstand und der von geringer Körpergröße war. Der Treppenturm auf der Rheinseite wurde als Fluchtweg nachträglich angebaut. Jedem Abgeordneten stand in dem Gebäude ein eigenes Büro von 17 Quadratmetern zur Verfügung; für Schreibkräfte waren Großraumbüros vorhanden. Das Restaurant im obersten Stockwerk bietet einen beeindruckenden Blick auf das Siebengebirge und bei gutem Wetter ist sigar der Kölner Dom zu erkennen. Insgesamt bestehen 30 Geschosse und drei Untergeschosse. Zur Zeit der Nutzung durch den Bundestag beherbergten die Obergeschosse 3 bis 17 jeweils 30 Büroräume für 446 Abgeordnete. Die weiteren Geschosse 19 bis 28 beanspruchten die Ausschüsse, die dort in Sitzungssälen, Büro- und Konferenzräumen arbeiteten. Technische Einrichtungen für den Gebäudebetrieb waren bzw. sind in den Geschossen 18 und 30 untergebracht, das 29. und damit das oberste Geschoss bot einem Restaurant Platz.

Nach der Modernisierung sind insgesamt 410 Büroräume vorhanden. Für kleinere Tagungen stehen 36 Besprechungs- und vier Konferenzräume zur Verfügung. Daneben gibt es eine Bibliothek. Nach dem Umzug des Bundestags nach Berlin wurde das denkmalgeschützte Gebäude saniert. Seit 2006 wird das Gebäude von Organisationen der Vereinten Nationen genutzt.

 

 

Möbeldesign

Nicht nur als Architekt war Eiermann geschätzt, auch im Möbeldesign hat er nachhaltig eine Design-Generation geprägt. Eiermann war der erste, der in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg (1948/49) Serienmöbel entwickelte, die internationalem Maßstab an Form und Funktionalität Stand hielten. Ihm ist es zu verdanken, dass Deutschland nach den Jahren der nationalsozialistischen Isolation wieder an seine Vergangenheit des Deutschen Werkbunds und dem Bauhaus anknüpfen und in den Kreis der vorbildlichen Designnationen eintreten konnte. Als führendes Haupt der Zweiten Moderne auf dem Gebiet des Möbeldesigns ist Eiermanns Rolle für die moderne deutsche Möbelgestaltung nicht zu unterschätzen. Zu den bekannten Arbeiten gehören das 1953 entworfene Tischgestell Eiermann 1 (Bild unten), der Stahlrohrstuhl SE 68 (1950, Bild links), der Korbsessel E 10 (1952), der Holzklappstuhl SE 18 (1953) und der Kirchenstuhl SE 121 (1960/61).