Land Art: End of the Earh

Als erste große Museumsausstellung über Land Art liefert "Ends of the Earth" im Haus der Kunst den bisher umfassendsten historischen Überblick über diese Kunstbewegung. Die Land Art benutzte die Erde als Material und Land als Medium und schuf dabei Werke außerhalb der vertrauten Handlungsräume des Kunstsystems.

 

Der zeitliche Rahmen von "Ends of the Earth" erstreckt sich von den 1960er-Jahren bis 1974, als sich im Kontext von Land Art Strömungen wie Konzeptkunst, Minimal Art, Happening, Performancekunst und Arte povera stärker herausbildeten und auseinander bewegten.

 

Die rund 200 Arbeiten von über 100 Künstlern aus Australien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Island, Israel, Kanada, Japan, den Niederlanden, den Philippinen und der Schweiz zeigen, dass Land Art kein vorrangig nordamerikanisches Phänomen ist. Die Ausstellung stellt Werke vor, die weniger bekannt sind als die kanonischen Arbeiten "Spiral Jetty", "Lightning Field" oder "Double Negative". Damit vollzieht sie einen Perspektivwechsel.

Mit Werken der damals beteiligten Künstler nimmt die Ausstellung auf die frühen und wegweisenden Ausstellungen "Earthworks" und "Earth Art" (New York 1968 bzw. 1969) Bezug. Michael Heizer und Walter De Maria sind allein an Umsetzungen im Außenraum interessiert und geben der vermittelten Form im Rahmen einer Ausstellung eine untergeordnete Rolle. Sie sind daher nicht in die Präsentation aufgenommen.

Bereits vor der eigentlichen Entstehung der Strömung in den 1960er-Jahren spürten Künstler an den verschiedensten Orten der Welt verstärkt den Wunsch, das Land in Anspruch zu nehmen und mit der Erde zu arbeiten. In einem elementaren Sinn schloss dies die Auseinandersetzung mit der Beschaffenheit der Erde als Planet mit ein. Yves Klein z.B. fragte sich, wie die Erde wohl vom Weltraum aussieht. Seine Vision, dass aus dieser Perspektive die vorherrschende Farbe Blau wäre, und dass mit Blau sämtliche vom Menschen geschaffenen Grenzen überwunden werden können, setzte er 1961 mit seiner Serie der "Planetary Reliefs" um.

Oft operierten die Künstler der Land Art direkt unter freiem Himmel. Dass die freie Natur andere Bedingungen für die Lebensdauer eines Werkes vorgab als geschlossene Räume, nutzten die Künstler produktiv. Manche Werke existierten nur für die kurze Zeit ihrer Ausführung, wie Judy Chicagos ephemere Arbeiten mit farbigen Flammen und Rauch, die Bezug auf religiöse Zeremonien und auf die Landschaft als eine Gottheit nahmen (Bild oben links). Für zehn Wochen verhüllten Christo und Jeanne-Claude die Küstenfelsen in Little Bay, Sydney mit Kunststoff und Seilen; "Wrapped Coast - One Million Square Feet" hatte - wie andere Werke der Land Art auch - gewaltige Ausmaße. Ein weiteres berühmtes Werk von ähnlicher Ausdehnung ist "Spiral Jetty" von Robert Smithson: Am Great Salt Lake in Utah, USA baute der Künstler aus dort gefundenem Material eine spiralförmige Landzunge von 1.500 Fuß Länge.

Die Künstler der Land Art waren von abgelegenen Orten wie z.B. Wüsten fasziniert. Hrein Fridfinnsson konstruierte ein Haus auf einem unbewohnbaren Lavafeld in der Nähe von Reykjavik (Bild oben). Innen war es aus Wellblech und außen tapeziert. Denn da Tapeten das Auge erfreuen sollen, sei es "vernünftig, sie außen anzubringen, wo mehr Leute sie genießen können."

 

Einige Künstler übertrugen die Beschaffenheit bestimmter Orte in den Ausstellungsraum: Die japanischen Künstler der Gruppe "i" brachten vier Lkw-Ladungen Schotter per Fließband in den Ausstellungsraum und schütteten ihn dort zu einem Haufen auf.

Alice Aycock füllt ein minimalistisches Raster mit feuchtem Lehm (Bild links). Diese Arbeit wird für die Ausstellung im Haus der Kunst neu produziert; der Lehm wird im Laufe der Wochen trocknen, Risse bekommen und allmählich der Erde im kalifornischen Death Valley ähneln (Clay #2, 1971/2012). Mit "Hog Pasture: Survival Piece #1" (Schweineweide: Survival-Stück Nr. 1, 1970-71/2012) hält zusätzlich zur Materie, in diesem Fall eine grüne Weidewiese, auch ein lebendiges Hausschwein Einzug ins Museum, das von Zeit zu Zeit auf der Wiese grasen wird. Von Anfang an setzten sich auch Sammler, Mäzene, Kunsthändler und Kuratoren einfühlsam mit der Frage auseinander, welche Produkte der Land Art man in einer Galerie oder einem Museum ausstellen konnte, und auf welche Weise dies geschehen sollte. So haben sie dazu beigetragen, Land Art als legitimes künstlerisches Genre zu etablieren. Im Fall von Robert Smithsons "Spiral Jetty" unterstützte ein Kunsthändler die Produktion eines dazugehörigen Filmes, und das Werk existiert nun in drei Ausführungen: in der ortbezogenen Version als Landzunge, als gleichnamiger Essay und als Film. Smithson selbst sah alle drei, Erde, Sprache und Film, als gleichwertig an. 

Überhaupt spielen Sprache, Film und auch Fotografie bei der Entstehung und Entwicklung von Land Art eine zentrale Rolle. Die Künstler der Land Art und die Medien gingen eine enge Verbindung ein. Magazine und Fernsehsender gaben künstlerische Arbeiten in Auftrag und veröffentlichten sie als Erste. Legendär ist Gerry Schums "Fernsehgalerie", der ersten für das Fernsehen geschaffenen Ausstellung, erstmals ausgestrahlt vom Sender Freies Berlin am 15. April 1969. Im Oktober desselben Jahres unterbrach der WDR acht Tage lang jeweils um 20.15 und 21.15 Uhr das reguläre Programm für einige Sekunden und zeigte eine der acht Fotografien der "Selbst-Beerdigung" von Keith Arnatt. Hintereinander betrachtet zeigen die Bilder, wie Arnatt schrittweise im Boden versinkt. Der Sender verzichtete darauf, dies durch eine Einführung oder einen Kommentar zu begleiten.

Nach der Präsentation von Tinguelys sich selbst zerstörender Skulptur "Hommage à New York" beauftragte der Fernsehsender NBC den Künstler mit einer Arbeit. Tinguely schuf gemeinsam mit Niki de Saint-Phalle eine große kinetische Skulptur aus Abfall, den er in und um Las Vegas fand. Die Skulptur wurde für choreografierte Explosionen verwendet, inszeniert südwestlich von Las Vegas in der Nähe eines nuklearen Testgeländes. Tinguelys Spektakel wurde in derselben Nachrichtensendung ausgestrahlt wie ein großer Beitrag über die internationalen Atomwaffengespräche, die in derselben Woche stattgefunden hatten.

Zahlreiche andere Werke berühren das Thema, dass "die Erde selbst verwundet wird", wie es Isamu Noguchi formuliert hatte. Die Künstler der Land Art beschäftigten sich mit den Wunden und Narben, die der Mensch dem Planeten Erde zufügt, sei es durch Kriegsmaschinerie (Robert Barry, Isamu Noguchi), Diktaturen (Artur Barrio), Atomtests (Heinz Mack, Jean Tinguely, Adrian Piper) oder Besiedelung (Yitzhak Danziger).

 

Die intensive Begleitung der Land Art durch die Medien führte zu ungewöhnlichen und komplexen Beiträgen. Aufgeschlossen für die Forderung der Land Art nach einem sensiblen Bewusstsein für die Bedingungen von Produktion, Präsentation und Verbreitung von Kunst, verliehen sie gleichzeitig den technologischen, gesellschaftlichen und politischen Umständen der Zeit Ausdruck.

Die Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit dem Museum of Contemporary Art in Los Angeles.

 

 

Ends of the Earth


Land Art bis 1974


Haus der Kunst

11. Oktober 2012 - 20. Januar 2013


 

Katalog bei Prestel; mit Texten von Tom Holert, Philipp Kaiser, Miwon Kwon, Julienne Lorz, Jane McFadden, Julian Myers und Emily Eliza Scott; S. 263, ISBN 978-3-7913-5194-0, in Englisch, Buchhandelspreis 53,20 €

 

 

Bilder (von oben):

Hrein Fridfinsson, House Project, 1974, Moderna Museet, Stockholm

Judy Chicago, Immolation IV from the Women and Smoke Series © Judy Chicago, 1972, Flares, Performed with Faith Wilding in the California desert, Photo courtesy of Through the Flower housed at the Penn State University Archives

Alice Aycock, Clay #2, 1971/2012, 1,500 pounds of clay mixed with water in wood frame,Courtesy of the artist

Robert Kinmont, Natural Handstands (detail)  1969/2009, nine silver gelatin prints, Image courtesy Alexander and Bonin, New York

Patricia Johanson, Stephen Long, 1968, 16mm film transferred to DVD, 1968, Museum of Modern Art Film Archive, © Patricia Johanson, Photo: courtesy the artist