Olympiapark: Ein Erinnerungsort an das Massaker von München

Am 5. September 1972 nahmen palästinensische Terroristen elf Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft als Geiseln. Die Geiselnahme endete mit dem Tod von 17 Menschen. Nun soll nach Plänen von Brückner & Brückner Architekten im Olympiapark ein Erinnerungsort an das Attentat entstehen.

 

Das Bayerische Staatsministerium  für Bildung und Kultur, Wissenschaft und Kunst hat zu einem Architektenwettbewerb für die Gestaltung eines Erinnerungsortes für das Olympia Attentat im September 1972 geladen.  Am 22. September 2014 entschied sich die Jury unter dem Vorsitz von Prof. Wolfgang Lorch (Wandel Hoefer Lorch Architekten in Saarbrücken) und Teilnehmer wie Staatsminister Ludwig Spaenle und Stadtbaurätin Elisabeth Merk, für den Entwurf der Brückner & Brückner Architekten in Tirschenreuth bei Würzburg.

Der Siegerentwurf des Büros Brückner & Brückner zeichne sich dadurch aus, dass er einen Raum schafft, der mit der vorhandenen Landschaft in Interaktion tritt: Ein Schnitt durch den bestehenden Hügel schafft einen Ort des Innehaltens, der in unmittelbarem Bezug zum Tatort Connollystraße 31 steht. Der so entstehende geschützte Ort bietet gleichzeitig überzeugend den Rahmen für die Darstellung der Geschichte des terroristischen Anschlags und der Biografien der Opfer. ‚Ä®“Dies ist ein faszinierender Entwurf, der von Brückner & Brückner geschaffene Raum bietet Informationen in einer würdigen architektonischen Form,“ zeigte sich Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle als Auslober des Wettbewerbs vom Siegerentwurf begeistert. ‚Ä®

 

Die Aufgabe des Wettbewerbs lautete, die Biographien der elf israelischen Opfer ein zentrale Narrativ für den Erinnerungsortes zu bilden. Durch den entstehenden Erinnerungsort soll den Opfern ein Gesicht gegeben werden. Dabei werden zentrale Erinnerungen an die einzelnen Menschen und ihre jeweilige Rolle beim Ereignis berücksichtigt, so dass diese Darstellung grundlegende Fragen der Menschenwürde im Sinne einer Selbstverständigung im freiheitlichen Rechtsstaat anzusprechen vermag.

Die Geiselnahme von München war der erste Terroranschlag, der zu einem globalen Medienereignis wurde und somit überall auf der Welt bekannt wurde. In der öffentlichen Wahrnehmung gilt das Olympia-Attentat gemeinhin als Geburtsstunde des internationalen Terrorismus. Im Hinblick darauf soll auch Bezug genommen werden auf weitere Kontexte, die eng mit den Vorkommnissen des 5./6. Septembers 1972 verbunden sind: die politische Dimension Olympias, die deutsch-israelischen Beziehungen, transnationaler Terrorismus sowie die Nachwirkungen des Attentats. In diesem Kontext wird auch das katastrophale Ende der Geiselnahme am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck in die Darstellung einbezogen.

Brückner & Brückner sehen den Schnitt als Sinnbild für ein dramatisches, lange nachwirkendes Ereignis. Ergriffenheit – Bedrückung – menschliches Maß – würdiges Gedenken –Information. Der Ort respektiert das Vorhandene. Nichts wird hinzugefügt, aber weggenommen und verwandelt – wie bei den Olympischen Spielen 1972.

 

Die israelischen Opfer tragen die Last. Elf runde Säulen mit den Namen der Ermordeten in erhabenen hebräischen Lettern sowie kurzen Biographien in drei Sprachen würdigen die Individuen. In Augenhöhe blickt der Besucher in lebensgroße Gesichter. Darüber öffnen Bildschirme die bedrückende Decke und bieten in der per Knopfdruck ausgewählten Sprache Informationen zu Leben und Nachleben der Opfer. Die Opferblick- und Informationsseiten der Säulen orientieren sich zu einer Mitte. Dort zeigt ein in 24 Stunden gegliederter, leuchtender Kreis die Chronologie des verhängnisvollen Tages im September. Außerhalb des Kreises sind die Ereignisse dreisprachig notiert. Im Zentrum läuft eine immer wieder von neuem beginnende, dreisprachig erschlossene Projektion, die den Betrachter zum Mitgehen animiert.

Die Themen sind um die Mitte herum zwischen den „Opfersäulen“ angeordnet. Auf Tischhöhe befinden sich Informationen sowie ein Bedienfeld für die Bildschirme, die Inhaltsvertiefungen bieten und auch hier gut einsehbar in die niedere Decke eingelassen sind. Die vier runden Infotischsäulen sehen Raum vor für einen QR-Code, der die Besitzer mobiler Datengeräte zu einer Internetpräsentation führen könnte.

Die zentrale Präsentationsebene des Erinnerungsortes tieft sich abgestuft in die Landschaft ein. Ein umlaufendes Panorama-Fensterband entsteht. Die Stufenabsätze tragen Orientierungsmarken. Angepeilt werden mit beschrifteten Zeigern in der jeweiligen Himmelsrichtung die Orte mit Blickbeziehung (Ort des Attentats, Denkmal König, Olympiaturm), die zahlreichen Gedenkorte weltweit sowie die Geburtsorte der elf Opfer. Die Stufen der Absenkung und damit auch die Form der Präsentationsebene folgen den nach unten projizierten Höhenlinien. Der fehlende Bestand bleibt als Abstraktion präsent.

Beurteilung durch das Preisgericht

Der Siegerentwurf des Büros Brückner & Brückner zeichnet sich in besonderer Weise dadurch aus, dass er einen Raum schafft, der mit der vorhandenen Landschaft in Interaktion tritt: Ein Schnitt durch den bestehenden Hügel schafft einen Ort des Innehaltens, der in unmittelbarem Bezug zum Tatort Connollystraße 31 steht. Der so entstehende geschützte Ort bietet gleichzeitig überzeugend den Rahmen für die Darstellung der Geschichte des terroristischen Anschlags und der Biografien der Opfer. ‚Ä®‚Ä®Die Arbeit öffnet ausreichend Spielraum für die weitere kuratorische Entwicklung. Der Entwurf gestaltet einen Erinnerungsort, in dem sich die Besucher auf die Opfer besinnen können. Er verbindet Konzentration und Kontemplation einerseits mit dem Moment der Irritation andererseits. ‚Ä®‚Ä®Der konzipierte Raum bietet ausreichend Fläche für Gruppen; die überdachte, atriumähnliche Konstruktion schafft eine Aura der Würde. Der Raum ermöglicht gleichzeitig durch seine Offenheit und seine Positionierung eine intensive Befassung mit den inhaltlichen Schwerpunkten des Konzepts: der politischen Dimension Olympias, den Nachwirkungen des Attentats, dem internationalen Terrorismus und den deutsch-israelischen Beziehungen.‚Ä®‚Ä® ‚Ä®

"Der Raum schafft ein Zentrum, in dem sich Gruppen zusammen finden, sich aber auch individuell informieren können. Es ist ein definierter und dennoch freier Ort der Begegnung. Der Raum strahlt Würde aus, in ihm können sich die Besucher Zeit nehmen, um sich über das Attentat, über die israelischen Sportler und auch den getöteten deutschen Polizisten zu informieren. Hierdurch wird ein tieferes Wissen über die Themen, die hier vermittelt werden, erreicht." ‚Ä®‚Ä®Generalkonsul des Staates Israel, Dr. Dan Shaham:

Zu dem Wettbewerb geladen waren zudem Hg merz architekten Berlin, Bertron Schwarz Frey, Berlin, Ulm, mit Heiru Architects Tel Aviv, Martin Kohlbaur Architekt, Wien, Chezweitz & Partner, Berlin;  Landschaftsarchitekten sinai Berlin mit ON Architektur, Berlin.

Ausstellung:

Die eingereichten Entwürfe vom 27. September bis 3. Oktober und am 5. Oktober – jeweils 10 bis 18 Uhr im Foyer des Jüdischen Museums am Jakobsplatz zu sehen.

 

Bilder/ Visualisierung: © Brückner & Brückner Architekten Tirschenreuth I Würzburg mit 3D Betrieb Würzburg