Carl von Fischer: Aufstieg und Fall eines Klassikers

Carl von Fischer gilt als der bedeutendste Architekt unter dem ersten König Bayerns. Aus seiner Anschauung der griechischen Antike und der italienischen Renaissance schuf er Bauwerke eines strengen und edlen Klassizismus. Sein Leben endete tragisch.

 

Carl von Fischer wurde am 19. September 1782 in Mannheim als Sohn von Karl Joseph Fischer geboren. 1790 wurde sein Vater von dem Fürsten von Bretzenheim geadelt. Der Reichsfürst Karl August von Bretzenheim war ein außerehelich geborener Sohn des Kurfürsten Karl Theodor von Bayern (1724 – 1799) und Maria Josepha Seyffert, einer Schauspielerin am Mannheimer Nationaltheater.

Ausbildung in Mannheim, München und Wien

Unter den Mannheimer Künstlern, die im Verkehr mit Carl von Fischers Vater standen, hatte Maximilian von Verschaffelt bestimmenden Einfluß auf die Berufswahl und Ausbildung des Sohnes. Dessen Vater, der Architekt und Bildhauer Peter von Verschaffelt, hatte bereits 1788 das Palais Bretzenheim errichtet. Da sich Maximilian von Verschaffelt (1754 – 1818) in der Baukunst als sehr geschickt erwies, berief ihn Kurfürst Karl Theodor in seine Residenzstadt München und ernannte ihn dort zum Oberbaudirektor.

Seit 1796 ging der 14-jährige Carl von Fischer bei Verschaffelt in die Lehre und folgte seinem Lehrer nach München. Verschaffelt knüpfte auch Kontakte nach Wien, wo er 1800 in die Dienste des Kaisers tratt. Carl von Fischer war ihm bereits 1799 vorausgegangen, wo er an der Wiener Akademie bis 1806 unter der Leitung des Direktors der Bauschule, Ferdinand von Hohenberg, und des Theaterarchitekten Joseph Patzer seine künstlerischen Fertigkeiten perfektionierte.

Erste Entwurf für Theater

Schon als 20jähriger zeichnete er sich durch seine Theaterentwürfe aus. So wurde sein Entwurf für das Münchner Nationaltheater neben den Vorschlägen seines Lehrers Maximilian von Verschaffelt, Andreas Gärtner, Franz Thurn und Emanuel Joseph von Herigoyen bereits 1802 in die engere Wahl berücksichtigt.

Meisterwerk eines 21-jährigen: Das Palais Salabert

Während seiner Studienzeit wurde er am 1. März 1803 vom Abbé Pierre de Salabert, dem Erzieher des Kurfürsten, mit der Planung seines Palais in der Schönfeldvorstadt am Englischen Garten beauftragt. Die Grundsteinlegung war am 24. Mai 1804; das Palais wurde im August 1806 bezogen. Nachdem Pierre de Salabert 1807 verstorben war, musste sich Fischer mit den Erben des Abbés um sein Honorar streiten. Kurz danach erwarb der zum König ernannte Kurfürst Max I. Joseph das Gebäude, das nun Palais Royal oder Pavillon Royal genannt wurde.

Montgelas Protegé und Bayerns erster Architektur-Professor

1806 wurde Bayern unter dem Außenminister und Reformer Maximilian von Montgelas (1759 – 1838) zum führenden Mitglied im Rheinbund und Bündnispartner des selbstgekrönten französischen Kaisers Napoleon. Bereits ein halbes Jahr zuvor hatte Montgelas in seinem Gartenhaus den Bogenhausener Geheimvertrag den Bündniswechsel Bayerns von Österreich und Russland zu Frankreich und den Durchmarsch bayerischer Truppen durch Bayern ausgehandelt. Nach der folgenden Niederlage Österreichs und Russlands in der Schlacht bei Austerlitz wurde Max Joseph am 1. Januar 1806 in München als Maximilian I. Joseph „unter Napoleons Gnade“ zum ersten König Bayerns erhoben.

Montgelas entdeckte und förderte auch Carl von Fischer und finanzierte dem jungen Architekten 1806 bis 1808 eine Studienreise nach Frankreich (Paris 1807 Zeichnungen der Louvrebauten) und Italien, wo er von den Bauten Andrea Palladios, der römischen Antike und der Revolutionsarchitektur beeinflusst wird.

Zuvor hatte Montgelas von Fischer empfohlen, sich beim König für den neu zu schaffenden Architekturlehrstuhl zu bewerben. Die Einrichtung der künftigen Akademie sollte einstweilen Johann Peter Langer ausarbeiten. In Rom erreichte ihn 1808 die Berufung als Professor an die Akademie der Bildenden Künste in München. Im gleichen Jahre wurde er königlicher Baurat und Mitglied der Baukommission. Als geeignete Lehrkräfte für Architektur hatte Langer dem König Carl von Fischer sowie Charles Pierre Puille, den 70jährigen Günstling der Kurfürstin, vorgeschlagen. Im Alter von 25 Jahren am 13. Juni 1808 erster Professor des Fachbereichs Architektur der Münchner Akademie der Bildenden Künste. Der Unterricht in Architektur begann im Januar 1809 im Wilhelminum an der Neuhauserstraße, im Trakt neben der Michaelskirche, mit 22 immatrikulierten Studenten. Im gleichen Jahre wurde er königlicher Baurat und Mitglied der Baukommission.

Stadtplaner der neuen Maxvorstadt

Zusammen mit dem Hofgartenintendanten und dem Landschaftsarchitekten des Englischen Gartens, Friedrich Ludwig von Sckell, wurde Carl von Fischer Hauptverantwortlicher für den Generalplan zur Neugestaltung Münchens (siehe Ausführungsplan der Maxvorstadt von 1808 links oben). Es sah eine lockere Abfolge von Plätzen entlang der Brienner Straße in verschiedener Gestaltung vor: Karolinenplatz, Königsplatz und der spätere Stiglmaierplatz. Entsprechnd dieser Gesamtkomposition entwarf von Fischer „von Grünflächen durchzogene Stadträume, wie sie sonst nirgends im Klassizismus verwirklicht wurden.“

Bauten am Karolinenplatz

Der Karolinenplatz sah 12 Adelspaläste von seiner Hand 1809 bis 1812 entstehen. So errichtete er für Kronprinz Ludwig das Kronprinzenpalais (Bild links) und für Franz Wilhelm Freiherr von Asbeck zwei Palais. Die Paläste wurden jeweils von zwei niedrigere Nebengebäuden, etwa für Stallungen oder Gartenhäuser, eingerahmt.

Carl von Fischers Hauptwerk: Das Münchner Nationaltheater

1811 wurde Fischer mit der Ausführung seines, mittlerweile dritten Entwurfs, für den Bau des Nationaltheaters beauftragt. Zunächst hatte Fischer das Bauwerk noch mit mächtigen Seitenflügeln konzipiert, die aufgrund von Kostengründen dann aber weggelassen wurden (siehe Bild links). Am 26. Oktober des gleichen Jahres wurde bereits der Grundstein dafür von Kronprinz Ludwig gelegt und nach ständiger, kriegsbedingter verzögerungen und dem Brand des Dachstuhlholzes im Jahr 1817 das Nationaltheater am 12. Oktober 1818 eingeweiht. Obwohl es bereits am 14. Januar erneut und diesmal fast vollständig abbrannte, wurde es später weitgehend nach Fischers Originalentwurf wieder aufgebaut. Er ist der monumentalste Bau der Ära des ersten bayerischen Königs und bis heute nach dem Festspielhaus in Baden-Baden Deutschlands größtes Opernhaus.

Der Workaholic der Residenzstadt

Nach dem Tode von Bau-Direktor Schedel von Greifensteins (1752 – 1810), seit 1806 Ober-Baukommissär im Ministerium des Innern, führte Carl von Fischer auch kommissarisch dessen Bauten zu Ende: das Krankenhaus vor dem Sendlinger Tor, das Erziehungsinstitut Fräuleinstift, später Polizeidirektion, eine Markthalle und die Fassade der Sankt Jakobskirche am Anger.

Der Kronprinz nahm Fischer zudem für seine Lieblingsideen, das Antikenmuseum für seine seit 1805 angelgte Skulpturensammlung (später Glyptothek) und die Gedächtnishalle berühmter Deutscher (später Walhalla) in Anspruch, für die Fischer grundlegende Entwürfe ausarbeitete. Die Ruhmeshalle wünschte sich der Kronprinz von Fischer als „eine Kopie des Pathenon“...“im reinsten griechischen Styl“.

Der tiefe Fall des Architekturstars

Carl von Fischer musste sich aufgrund der Fülle der Aufträge und der Beauftragung der Wunschprojekte von Ludwig sicher in seiner Schlüsselrolle als stilbildender Architekt Bayerns fühlen. Umso heftiger traf ihn die Ablösung aus dieser Rolle durch den Kronprinz. Der noble Klassizismus Carl von Fischer mit den reduzierten Baukörpern entsprach seit 1812 immer weniger den architektonischen Vorstellungen von Ludwig.

Als Gegner Napoleons und Befürwörter der Unabhängigkeit Bayerns betrieb er zudem bereits seit 1810 verstärkt die Ablösung von Montgelas, dem Förderer von Fischer. Als in Folge von Napoleons gescheiterten Russlandfeldzug 1813 die Befreiungskriege ausbrachen, musste Montgelas auf Drängen des Kronprinzen abermals die Seiten zu Gunsten Österreichs wechseln. Auch in der Architektur drängte Ludwig zum Seitenwechsel und Emanzipation von Montgelas Anhängern. Anfang 1814 hatte Ludwig den Architekten Leo von Klenze kennengelernt, den er im Sommer 1815 zum Wettbewerb für die Glytothek einlud. Obwohl Fischer als Preisrichter eklatante Schwächen in Klenzes Entwurf erkannte, setzte Ludwig Klenze in einem abgekarteten Spiel als Sieger durch.

Später griff Klenze in der Verwirklichung der Glyptothek und der Ruhmeshalle ausgerechnet auf Fischers grundlegende Entwurfsideen zurück. In der Folge überhäufte Ludwig Leo von Klenze mit Ämtern und Aufträge, während Fischer aufs Abstellgleis geriet.

Rastlos hatte sich Fischer in seiner Tätigkeit als Akademielehrer und Baumeister, der das Baugeschick Münchens in entscheidender Zeit steuerte, aufgezehrt. Am 11. Februar starb Carl von Fischer im Alter von 37 Jahren wahrscheinlich durch Tuberkulose hervorgerufener Lungenkrebs. Von seinen rund 35 privaten und öffentlichen Bauwerke sind mit wenigen Ausnahmen fast alle durch Krieg, Abriss oder bauliche Veränderungen zerstört oder verschwunden.

Werke (Auswahl)

1806: Palais Salabert (Prinz-Carl-Palais), Franz-Josef-Strauß-Ring 5, Schönfeldvorstadt, München

1808: Karolinenplatz, Maxvorstadt, München

1809: 1. Entwurf für die Walhalla

1809: 1. Entwurf für die Glyptothek, Königsplatz, München

1810: Wohnhaus Carl von Fischer (1933 abgerissen: heute: NSDAP-Verwaltungsbau / Haus der Kulturinstitute), Katharina-von-Bora-Straße 10, Königsplatz, München

1810: Palais Asbeck / Lotzbeck (1954 abgebrochen, heute Amerikahaus), Karolinenplatz 3, Maxvorstadt, München

1810: Stall- und Remise zum Palais Asbeck (heute Anthropologische Staatssammlung, Karolinenplatz 2a, Maxvorstadt, München

1810: Gartenhaus zum Palais Asbeck, Karolinenplatz 3a, Maxvorstadt München

1810: Gartensalon Biederstein, München

1812: Generalbaulinienplan Maxvorstadt (mit  Ludwig von Sckell)

1812: Wohnhaus Joseph Kirchmayer (nach 1945 abgebrochen, heute: Bayerische Landesbausparkasse), Karolinenplatz 1, Maxvorstadt, München

1812: Kronprinzenpalais (1945 zerstört, heute Staatliche Lotterieverwaltung), Karolinenplatz 4, Maxvorstadt, München

1812: Linkes Nebengebäude zum Kronprinzenpalais, Karolinenplatz 4, Maxvorstadt 

1812: Rechtes Nebengebäude (heute Neubau) zum Kronprinzenpalais, Karolinenplatz 4, Maxvorstadt 

1813: Palais Asbeck / Hompesch (1895 zerstört, Neubau 1896, heute: Bayern Versicherung), Karolinenplatz 5, Maxvorstadt, München

1813: Nebenbau zum Palais Hompesch mit Stall und Remise (um 1900 abgerissen, heute: Müllerhaus , Karolinenplatz 5a, Maxvorstadt, München

1814: Armeedenkmal

1814: Krankenhaus (Entwurf von Schedel von Greifenstein), Sendlinger Torplatz, München

1818: Nationaltheater, Graggenau, München

Quellen: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118533363.html#ndbcontent

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_von_Fischer

https://www.youtube.com/watch?v=JT143nUkQZ8

https://deu.archinform.net/arch/71578.htm

Fotografien: Ulrich Lohrer