150. Geburtstag für den Wegbereiter der Moderne

Auf Theodor Fischer gehen ganze Viertel und die moderne Stadtplanung Münchens zurück. Er prägte so unterschiedliche Architekten der Moderne wie Dominikus Böhm, Paul Bonatz und Erich Mendelsohn. Anlässlich seines Geburtstages am 28. Mai finden zahlreiche Veranstaltungen statt.

 

"Harter Realismus, Hingabe an das Seiende und Dienst am Wirklichen ist die Aufgabe des Städtebaus“, so Theodor Fischer, dessen Geburtstag sich am 28. Mai 2012 zum einhundertfünfzigsten Male jährt.

Anläßlich diesen runden Geburtstag finden in Fischers Geburtsstadt Schweinfurt und in den Städten, deren Stadtgestaltung er maßgebend beeinflusste – München und Stuttgart – zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen statt.

Obwohl er eigentlich Maler werden wollte, studierte er auf Drängen der Familie Architektur an der Technischen Hochschule in München. Wegen seiner Begabung verschaffte ihm Friedrich von Thiersch eine Stelle bei Paul Wallot in Berlin, der beim Bau des Reichstages eine Schar junger Architekten um sich versammelte. 1893 zog er nach München und arbeitete unter anderem mit Gabriel von Seidel zusammen. Als auf Vorschlag des Bauunternehmers Jakob Heilmann 1893 das Münchner Stadterweiterungsreferat geschaffen wurde, wurde Fischer zum Vorstand ernannt. In dieser Position stellte er einen Generalbebauungsplan für München auf, der bis zum Zweiten Weltkrieg verbindlich galt und die Staffelbauordnung, die bis Anfang der 1990er Jahre akzeptiert wurde (siehe Bild oben).

Trotz einer 1901 verliehenen Honorarprofessur für Städtebau an der Technischen Hochschule folgte er einem Ruf als Professor für Bauentwürfe in Stuttgart. Als Universitätsprofessor prägte Fischer neben Dominikus Böhm, Bonatz, Elsässer, Niemeyer, Mendelsohn, Riemerschmid die Avantgarde des 20. Jahrhunderts mit. Über 100 Bauwerke hat er ausgeführt, als Städteplaner München und Stuttgart geprägt.

Zu seinen Werken gehören die Philharmonie und das Kunstgebäude in Stuttgart, die Pauluskirche im Jugendstil in Ulm und das Museum in Wiesbaden.

Als Städteplaner und Architekt verwirklichte er in München "malerischer Plätze und Gebäudeensemble“ wie die Erlöserkirche an der Münchner Freiheit, den Laimer Straßenzügen der Stadtlohnerstraße und Lechfeldstraße. Fischer war aber auch mit den Zeilenbauten der  Siedlung Alte Heide und dem klaren Rohziegelbau des Ledigenheim (Bild unten) auch ein Wegbereiter der Moderne. Theodor Fischer starb 1938 in München.

 

 

 

 

Veranstaltungen:

Matinee: Theodor Fischer zum Einhundertfünzigsten

Der Schauspieler Stefan Hunstein liest im Rahmen der Matinee in dem von Fischer entworfenen und im Jahre 1900 errichteten Marionettentheater aus Fischers Texten, Briefen und Vorlesungen.

Ort: Münchner Marionettentheater, Blumenstraße 32, München

Zeit: 28. Mai 2012, 10.00 Uhr

Eintritt: 12 Euro

Veranstalter: Bayerische Architektenkammer

 

Buchvorstellung: Theodor Fischer Atlas

Städtebauliche Planungen in München

Gespräch mit Autoren

Zeit: 5.06.12, 19.00 Uhr

Ort: Vorhoelzer Forum, TUM, Arcisstraße 21

 

Architekturclub Theodor Fischer

Referenten, die täglich mit dem Erbe Fischers umgehen, diskutieren über die Aktualität seiner Theorien, Herangehensweisen und Definitionen.

Referenten:

Mathias Castorph, Architekt, Stadtplaner, TUM-Professor

Elisabeth Merk, Münchner Stadtbaurätin

Winfried Nerdinger, Architekturmuseum München

Sophie Wolfrum, Stadtplanerin, TUM-Professorin

Moderation:

Christian Pixis, Galerist

 

Ort: Bayerische Architektenkammer, Waisenhausstraße 4

Zeit: 11.06.2012, 19.00 Uhr

 

 

Buch:

Sophie Wolfrum (Hrsg.): Theodor Fischer Atlas

Franz Schiermeier Verlag, 48 Euro (bis 1.7.2012, dann 64 Euro)

Auszug:

In seiner kurzen Zeit als Leiter des Stadterweiterungsbüros in München hat der Architekt Theodor Fischer zwischen 1893 und 1901 in planerischer und gestalterischer Hinsicht eine grundlegende Basis gelegt für die weitere städte- bauliche Entwicklung der Stadt München. In mehr als 400 einzelnen Planungen definierte Fischer Straßenund Platzräume, die bis heute in vielen Stadt teilen ein cha- rakteristisches Bild der Stadt prägen.

Die Auseinandersetzung Theodor Fischers mit dem konkreten Ort, dem kulturel- len Erbe und den objektiven Bedür fnissen der Zeit, die in seinen vielen einzelnen Pla- nungen dokumentiert ist, hat wiederum selbst authentische Orte geschaffen, die Teil des vertrauten München-Bildes geworden sind.

Zur Umsetzung der Ergebnisse des Stadterweiterungswett- bewerbs von 1891 schlug der städtische Baurat Wilhelm Rettig die Gründung eines

Stadterweiterungsbüros als eigene Behörde vor und für dessen Leitung den Architek- ten Theodor Fischer. In den folgenden acht Jahren seiner amtlichen Tätigkeit gelang es Fischer, dem Drängen der privaten Bauinteressenten und der Grundstücksgesell- schaften gerecht zu werden, ohne die soziokulturellen und ästhetischen Ansprüche zu vernachlässigen.

Die in dieser Zeit von dem Wiener Architekten Camillo Sitte entwickelten Vorstellun- gen eines „künstlerischen Städtebaus“, denen sich Rettig und Fischer verpflichtet sahen, eröffneten auch für München die Möglichkeit, in der Gestal- tung von Straßen, Plätzen und Baulinien vorhandene Wegestrukturen aufzunehmen und auf bestehende Grund- stücks- und Besitzverhältnisse einzugehen. Bis auf wenige Ausnahmen ersetzte Fischer die geometrisch-starren Alignement-Planungen des 1891 verstorbenen Baurats Arnold von Zenetti, deren unflexible Parzellierungsweise

ohne ein entsprechendes Enteignungsrecht auch gar nicht durchsetzbar gewesen wäre. Die Rücksichtnahme der städtebaulichen Planungen auf alte Besitzabgrenzungen hatte für Theodor Fischer neben den praktischen Verein- fachungen der Grundstücks- teilungen und seinen ästhe- tischen Absichten auch eine grundlegende Bedeutung im Sinne einer Bewahrung der Geschichte eines Ortes durch den Erhalt der Struktur von Flurwegen und Feldgrenzen.

In einer großen Zahl von Einzelplanungen legte Fischer neue Baulinien fest, vorwie- gend für die Viertel Schwa- bing-Nord, Bogenhausen, Nymphenburg-Gern, Pasing, Laim, Sendling, Thalkirchen und Harlaching. Auf einen umfassenden Baulinienplan für das ganze Stadtgebiet wurde vorerst verzichtet, auch um die Bauspekulation in Grenzen zu halten. Theodor Fischer blieb bis 1901 Leiter des Stadterweiterungsbüros, danach nahm er einen Ruf an die Technische Hochschule in Stuttgart an...