Chef ist Frau Architekt

Seit über 100 Jahren gestalten Frauen Architektur. Eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main zeigt deren Leben und Werk am Beispiel von 22 Architektinnen.

 

Obwohl mehr Frauen als Männer Architektur studieren,  gibt es im Vergleich zu den Architekten kaum weibliche Architekturstars. Die Ausstellung ◊Frau Architekt“ im Deutschen Architekturmuseum präsentiert Frauen in Deutschland, die die Architektur seit 1900 maßgeblich beeinflusst haben oder bis heute prägen.

Die Geschichte beginnt mit Emilie Winkelmann (1875 - 1951), die in der Baufirma ihres Großvaters in die Lehre ging und in Hannover als Gaststudentin Architektur studierte, ohne den Abschluss machen zu dürfen. Dennoch gründete sie 1907 in Berlin ihr eigenes Architekturbüro. Ihre Mitgliedschaft in der führenden Frauenvereinigung der Stadt, dem Lyceum Club, verschaffte ihr bald eine Kundschaft, die bereit war, eine Architektin zu beauftragen. Ihr Büro florierte und sie realisierte Wohngebäude und Gewerbeprojekte für private Auftraggeber und Frauenorganisationen in Berlin und Nordostdeutschland.

Frauen im Schatten der Architekturstars

Lily Reich (1886 – 1947) hatte dagegen eine eine Ausbildung, die auf Mode, Textiltechnik und Innenausstattung ausgerichtet war. In den 1 920er Jahren waren es genau diese Fertigkeiten, die sie eindrucksvolle Innenraume, Mobel und Ausstellungen gestalten ließ, die zu Ikonen moderner Architektur werden sollten. 1912 wurde sie in den Deutschen Werkbund aufgenommen und 1920 in dessen Vorstand gewahlt. Anfang der 1920er Jahre lebte sie in Frankfurt am Main und entwarf Prasentationen für die Frankfurter Messe. Dort machte sie die Bekanntschaft mit dem Stararchitekten Ludwig Mies van der Rohe und war ihm auch privat eng verbunden. Später, zwischen 1926 und 1937 in Berlin, unterhielt sie ein eigenes Atelier und arbeitete mit Mies van der Rohe zusammen. Ihre gemeinsamen Ausstellungen, Mobelentwurfe und Innengestaltungen wurden 1927 auf der Weissenhofausstellung in Stuttgart und 1929 in der deutschen Abteilung der Weltausstellung in Barcelona gezeigt, 1931 auf der Berliner Bauausstellung und 1934 auf der Ausstellung Deutsches Volk, Deutsche Arbeit, ebenfalls in Berlin. Beide schufen außerdem temporare Installationen für Produkte wie Glas, Seide und Linoleum und bauten Privathäuser. Viele ihrer Stahlrohrentwürfe wurden häufig van der Rohe allein zugeschrieben. Als Mies van der Rohe in die USA auswanderte, trennten sich ihre Wege.

Auch einige Werke der Bildhauerin Marlene Moeschke-Poelzig (1894 - 1985, Bild links) wurden ihrem Mann, dem bekannten Architekten Hans Poelzig  zugeschrieben. Sie trug kühne, beschwörende Formen zum gemeinsamen Werk bei, etwa die kelchförmigen Säulen des Großen Schauspielhauses. Obwohl  ritker wie Fritz Stahl sich über die Beiträge Moeschke-Poelzigs im Klaren waren, wurde vieles davon immer wieder Hans Poelzig zugeschrieben. Marlene Moeschke-Poelzig führte selbständige Arbeiten aus, darunter der Entwurf des Poelzig-Wohnhauses (1930) im Berliner Westend.

Bekannte Architektinnen heute

Unter den zeitgenössischen Architektinnen werden zum Beispiel Ingeborg Kuhler (*1943), der Gestalterin des Mannheimer Technoseum. Zur Pionierin wurde sie wenig später auch in der Architektenausbildung:1984 wurde sie als erste Entwurfsprofessorin an eine westdeutsche Architekturfakultaät berufen –an die Hochschule der Künste (heute: UdK) in Berlin, wo sie bis 2007 gelehrt hat.

Gesine Weinmiller (*1963, Foto links) studierte an der Technischen Universität München entschied, u.a. bei Karljosef Schattner. Später prägten sie Josef Paul Kleihues und Hans Kollhoff, in dessen Berliner Büro sie im Anschluss für zwei Jahre arbeitete. Noch keine 30 Jahre alt, nahm sie, die 1992 ihr eigenes Architekturbüro gegründet hatte,  an hochkarätigen Wettbewerben teil. Ihr Entwurf zum Umbau des Reichstages kam gleich hinter Norman Foster auf den 2. Platz. Später erhielt sie den Auftrag den Neubau des Bundesarbeitsgericht in Erfurt zu planen. Der strenge viergeschossige Bau in der Thüringer Landeshauptstadt mit der typischen klaren, reduzierten Architektursprache, die ihr Markenzeichen werden sollte, ist sicherlich ihr Meisterwerk.

Almut Grüntuch-Ernst studierte dagegen an der Technischen Universität in ihrer Geburtsstadt Stuttgart und ging 1987 an die Architectural Association (AA) in London. Dort lernte sie ihren Partner Armand Gruntuch kennen, mit dem sie 1991 das Büro in Berlin gründete. Seit 2008 befinden sich Wohnung und Büro in einem selbstentworfenen Baugruppenhaus –kurze Wege erleichtern den fünffachen Eltern das Changieren zwischen Familie und Beruf. Das Werk umfasst Wohn- und Bürogebäude, Verkehrsbauten, Hotels und Bildungseinrichtungen, aber auch die Konzeption des deutschen Beitrags auf der Architekturbiennale 2006 in Venedig.

Almut Grüntuch-Ernst wurde 2011 als Professorin an die TU Braunschweig berufen und leitet dort das Institute for Design and Architectural Strategies (IDAS). Sie war von 2010 bis 2015 Mitglied der Kommission für Stadtgestaltung in München und ist seit 2016 Mitglied der Akademie der Künste Berlin.

Frau Architekt: Seit mehr als 100 Jahren – Frauen im Architektenberuf

Zeit: Ausstellung findet bis zum 8.03.2017 statt, Öffnungszeiten sind Dienstag, Donnerstag bis Sonntag von  1 1 bis 1 8 Uhr und  Mittwoch von 1 1 bis 20 Uhr.

Ort: Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main

 

Bildnachweis (von oben nach unten): Ingeborg Kuhler - Mitarbeiterinnen im Büro: Ruth Jureczek/ Irene Keil, Foto: Marina Auder;  Marlene Moeschke Poelzig und Hans Poelzig, beim Richtsfest in der Tannenburgallee, Berlin 1930 Quelle: Erbengemeinschaft Marlene Poelzig;  Gesine Weinmiller, Weinmiller Architekten Foto: André Rival; Almut Grüntuch-Ernst (Grüntuch Ernst Architekten) Foto: Edgar Rodtmann