Unterschätzte Bauten

Bislang wurde den Münchner Bauwerke der 1950er, 1960er und 1970er Jahre wenig Beachtung geschenkt. Ein Buch schließt nun die Lücke und lädt zu Entdeckungsreisen durch Münchens Stadtviertel ein.

 

Der Architekt Alexander Fthenakis, zeitweilig Mitarbeiter bei Herzog & de Meuron, Peter Zumthor und Roger Boltshauser, hat zusammen mit dem Fotografen Oliver Heissner jahrelang Münchens Bauwerke der Jahre 1949 bis 1979 erkundet und dokumentiert. Das Buch vereint knappe informative Begleittexte und Dokumentationsmaterial mit aktuellen Aufnahmen der zahlreichen Gebäude bekannter (z. B.  von Branca,  Döllgast,  Eiermann,  Freymuth,  Gsaenger,  Hart,  Henn,  Maurer,  Franz und Sep Ruf,  von Werz,  Wiedemann), aber auch vieler unbekannter Architekten. Einige Gebäude, die sich mit architektonischer Qualität unspektakulär in das Stadtbild einfügen, sind heute zum Teil vom Abbruch bedroht. Beschlossen ist der Abriss der ehemaligen Osram-Hauptverwaltung in der Candidstraße. Für Fthenakis ist das Gebäude mit eleganter Vorhangfassade aus Aluminium und eines der ersten Großraumbüros Deutschlands, „einer der leuchtenden Sterne am Firmament des deutschen Verwaltungsbaus der 60er-Jahre“.  Angesichts der historischen Bedeutung und architektonischen Qualität des Gebäudes hält er die Genehmigung der Stadtverwaltung zum Abriss des Gebäudes nicht für nachvollziehbar.

Einige Gebäude fallen aufgrund ihrer Größe, Gestaltung und ihrem Standort ins Auge, obwohl der Autor für sie kein Architekt aufführt. Ein Beispiel dafür ist das Wohnhaus am Flaucher (siehe Bild oben), das aufgrund seiner Größe und Lage an der Isar,  „wie (ein) aus dem Kontext  entrissenes, surrealistisches Objekt aus dem dichten Grün des Ufers heraus(ragt)“. Auf der fernen Perspektive des Fotos nicht erkennbar, zeigt sich jedoch dem Betrachter bei direkter Anschauung des Bauwerkes, dass das Gebäude keinesfalls so gewöhnlich ist, wie es aus der Ferne erscheint. So ruht das riesige Hochhaus auf mächtigen Betonstützen, die – ähnlich wie Corbusiers Wohnmaschine in Marseille – einen freien Platz darunter für Stellplätze bietet.

Das Buch enthält aber auch viele auf den ersten Blick unscheinbare Gebäude, die aber interessante Gestaltungsmerkmale wie etwa die Sgraffiti und Putzschnitte der Fassade enthalten. Fthenakis ist es zu verdanken, auch die Aufmerksamkeit auf diese architektonische und gestalterische Details zu lenken. Ausgangspunkt des Buches war die Studie „Die Jahrzehnte im Münchner Stadtbild“ aus dem Jahre 2007, die Fthenakis als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Professor Victor López Cotelo zusammen mit Rolf Berninger konzipierte und leitete. Die Studie bildete die theoretische Grundlage des Buches und wurde mit Schwarzplänen, Themenbereichen und Fotografien verkürzt im Mittelteil auf gelben Papier wiedergegeben.

Hervorzuheben sind aber vor allem auch die Fotografien von Oliver Heissner. Sie sind in ihrer  Fülle und Qualität sowie ihrer exzellenten Gestaltung ein unaufdringliches “Augenfutter“, der den Band auch für die wenig architektonisch interessierten Betrachter aufgrund der Optik fesselt.

Die 850 Fotografien der Bauwerke wurden geografisch zu zehn Stadtspaziergängen eingeordnet, die zur Entdeckungstour einladen. Orientierung gibt eine herausnehmbare Stadtkarte, in der die im Buch abgebildeten Bauwerke als Schwarzplan-Umriss gekennzeichnet sind und die auf der Rückseite ein Architekten- und Straßenverzeichnis enthält. Der 672 Seiten dicker Wälzer regt zum schmöckern und blättern an – ein Standardwerk zur Münchner Nachkriegsarchitektur.

Alexander Fthenakis (Hrsg.), Oliver Heissner (Fotograf): 50 60 70; 672 Seiten; 850 Farbfotos, Dölling und Gallitz Verlag; Broschur, 48,00 Euro

Bildnachweis: Wohnhaus am Flaucher - Abbildung aus dem besprochenen Buch des Dölling und Gallitz Verlag, Foto: Oliver Heissner