Jan Gehl und der Wettbewerb um mehr Lebensqualität

München will die Lebensqualität durch autofreie Zonen und Verkehrsberuhigung erhöhen. Vordenker dafür ist Jan Gehl. Nun liegt sein und Birgitte Svarres Buch über die Untersuchung des öffentlichen Raums in Deutsch vor.

 

Weniger Autostraßen und weniger Parkplätze schaffen Platz für Radfahrer, Fußgänger, Cafés und Plätze – kurz: das Leben. Darum sollten sich Bürgermeister kümmern“, rät Jan Gehl. In Münchens Stadtspitze werden die Ideen des dänischen Stadtplaners zunehmend aufgegriffen.

Seit 1. Juli dieses Jahres ist nach dem nördlichen Abschnitt auch der südliche Teil der Sendlinger Straße eine Fußgängerzone. Zumindest testweise für ein Jahr. Seit 24. November erhalten die Anwohner der Sendlinger Straße einen Fragebogen, den sie bis zum 19. Dezember beantworten können. Zudem werden im Auftrag der Stadt Beobachtungen zu „Raumwahrnehmung, Nutzung und Verhalten“ durchgeführt. In einer Informationsveranstaltung am 23. Februar 2017 sollen dann im Münchner Stadtmuseum die Ergebnisse vorgestellt werden. Danach will der Stadtrat entscheiden, ob die Sendlinger Straße dauerhaft komplett für Autos gesperrt werden soll.

Die Untersuchungsmethoden könnten aus dem Bestseller „How to study public life“ von Gehl und Birgitte Svarre stammen, der nun im Birkhäuser Verlag unter dem Titel „Leben in Städten“ in deutscher Übersetzung erschienen ist. Während Gehls Klassiker „Life between Buildings“ und „Cities for People“ seine Ideen für eine bessere Lebensqualität in Großstädten durch Verkehrsberuhigung oder Begegungszonen propagiert, liefert das neue Buch Untersuchungsmethoden zum öffentlichen Raum. Das fast fünfzig Jahre umspannendes Werk untersucht die Wechselwirkung von öffentlichem Raum und öffentlichem Leben. Die Analyse des Lebens im öffentlichen Raum ist jedoch nicht nur eine Forschungsaufgabe, sondern auch ein politisches Werkzeug: mit seiner Hilfe lassen sich Veränderungen über einen längeren Zeitraum hinweg dokumentieren und die Bedingungen zur Verbesserung der urbanen Lebensqualität schaffen. Einfache Untersuchungsmethoden erweisen sich als effektiv: Das Zählen von Passanten oder Bauwerke, das Aufzeichnen der Aktivitäten, das Tracing – das Nachzeichnen von Bewegungslinien, die Suche nach Spuren wie Abfälle – sie geben Aufschluss über die Art und Intensität der Nutzung des jeweiligen Raums. Es wird Fotografiert, Tagebuch geführt und Testspaziergänge gemacht. Die geschilderten Methoden und Beschreibungen sind das Resultat der von Gehl und Svarre in ihrer Heimatstadt Kopenhagen gemachten Erfahrungen. So geht die Gestaltung der von Gehl veranlaßte längste Fußgängerzone Europas, der Strøget in Kopenhagen, auf seine Auswertungen zurück. Gezeigt wird in dem Buch von Gehl und Svarre aber auch, wie das öffentliche Leben in der Literatur der Forscher, Stadtplaner und Architekten in der Vergangenheit von den Anfängen der modernen Stadtplanung von Carlo Sitte und Ebenezer Howard über Corbusier, Jane Jacobs bis in die heutige Zeit in Werken von Rem Koolhaas und Richard Florida wahrgenommen und analysiert wurde.

Gehls Ansatz, die Städte nicht für den Verkehr zu bauen, sondern wieder den Menschen zurückzubringen, ist in wohlhabenden Metropolen en vogue. Den die Städte und Standorte ringen um qualifizierte Arbeitskräfte, weshalb sie auch bei der Lebensqualität im Wettbewerb stehen. Die Umwandlung der Sendlinger Straße in eine Fußgängerzone hat allerdings nicht nur Befürworter. Einzelhändler und Bewohner befürchten höhere Mieten, Anliefer müssen die Straße illegal befahren, Gehbehinderte erreichen schwerer Bereiche der Altstadt, und Autohalter stehen weniger Parkplätze zur Verfügung. Gehl wendet ein, dass Menschen, die sich mehr bewegen, gesünder leben. Nach Aussagen der Anwohner und Einzelhändler hat sich die Passantenfrequenz erhöht.

Auch in anderen Münchner Stadtteilen wird sein Konzept angewandt. Aktuell ist im Plantreff die „Konzeptstudie Südliches Bahnhofsviertel“ zu sehen (siehe Seite 10), die unter anderem eine Verkehrsberuhigung und Begrünung der Schwanthaler Straße zur Förderung des Einzelhandels vorsieht.

Kopenhagen ist eine der Großstädte mit der saubersten Luft und dem höchstem Radfahreranteil, aber die hochfrequentierten Fußgängerzonen weisen auch mit die höchsten Ladenmieten in Europa auf. 

 

Jan Gehl, Birgitte Svarre: Leben in Städten Wie man den öffentlichen Raum untersucht; Birkhäuser Verlag; 192 Seiten; 29,95 Euro

Bildnachweis: Sendlinger Straße, Foto Ulrich Lohrer; Jan Gehl, Danish architect and urban design consultant, at the Eurogel2006 conference in Copenhagen. Gene Driskell, Atlanta, GA - flickr: Jan Gehl