Graft: Coole Höhle am Winthirplatz

Sie gründeten ihr Architekturbüro vor 15 Jahren in Los Angeles – und gelten heute als Trendsetter. Nun soll Graft ausgerechnet Deutschlands älteste Stadtjugendherberge im konservativen München in eine geschwungene Skulptur verwandeln.

 

Mit „Grafting“ bezeichnen Botaniker „das Aufpropfen eines Triebes auf einen genetisch andersartigen Wirtsstamm“. Als Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit 1998 in Los Angeles ihr Architekturbüro gründeten, nannten sie es Graft. Mit ihrer organischen Architektur machten sie sich bald einen Namen als Trendsetter.

Als typisches Grafting kann der Entwurf des Berliner Büros von Graft für die Modernisierung und Erweiterung der Jugendherberge in Neuhausen angesehen werden. 1929 wurde das Gebäude in der Wendl-Dietrich-Straße 20 (siehe Bild links) durch den Architekten Max Fleissner als „Jugendhaus“ im neuklassizistischen Stil errichtet. Es ist Deutschlands älteste und auch die am meisten besuchte Stadtjugendherberge. Um die JH an die gestiegene Auslastung sowie den heutigen Anforderungen anzupassen, vor allem aber um ihr ein frisches Image zu geben, entschied sich der DJH-Landesverband Bayern zu einem Architektenwettbewerb. Neben Graft wurden die avantgardistischen Architekturbüros haascookzemmrich in Stuttgart, Snøhetta in Oslo und YES architecture in München eingeladen, ihre Pläne für „eine zukunftsweisende Architektur des Neubaus und der Modernisierung des denkmalgeschützten Gebäudes“ vorzulegen.

Der Siegerentwurf von Graft Architekten füllt durch einen Neubau die aktuell offene Blockrandbebauung gegenüber dem Winthirplatz und verlegt den Haupteingang vom denkmalgeschützten Fleissner-Bau in den geschwungenen Neubau. Der über zwei Geschosse reichende Eingangsbereich durchbricht das mit Bändern durchzogene futuristische Gebäude wie ein moderner Höhleneingang. Die Parkanlage des Winthirplatzes wird durch die Neuausrichtung zum „Vorgarten“ der Jugendherberge. Diese großflächige Verglasung stellt den Sichtbezug zwischen innen und außen her und verbindet zudem über den eingeschnitten Durchgangsbereich mit Foyer, Empfang, Lounge, Speisesaal und Seminarbereichen den Park mit dem Innenhof. Damit kann laut DJH das angestrebte Gemeinschaftserlebnis in einem zeitgemäßen Design gefühlt werden.◊Der Entwurf bietet Räume mit einer Aufenthaltsqualität, die einlädt mit Reisenden aus der ganzen Welt ins Gespräch zu kommen und Freundschaften zu schließen.“

 

Die über dem Gemeinschaftsbereich liegenden fünf weiteren Stockwerke bieten Raum für zusätzliche Unterkünfte, wodurch sich die Anzahl der Betten von heute 335 auf 446 Betten erhöht.

Ein Entwurf, der sicher auf Begeisterung bei den JH-Gästen stoßen wird und frischen Wind in Münchens Architektur bringt. Doch der Bautermin ist noch offen. Unklar sind die wichtigsten Entscheidungskriterien: Die Kosten und die Beurteilung des mutigen Entwurfs durch die nicht so couragierte Stadtgestaltungskommission.

Bilder: Graft