Der Meister für Gottes Acker

Ende des 19. Jahrhundert erfuhr München den stärksten Bevölkerungszuwachs seit Jahrhunderten. Architekten und Bauunternehmer hatten alle Hände zu tun, um neue Behausungen zu schaffen. Doch nicht nur die Lebenden, auch für die Toden musste wie nie zuvor geplant und gebaut werden. Der bedeutendste Friedhofsarchotekt nicht nur für München Stadtbaumeister Hans Grässel.

 

Grässel wurde am 8. August 1860 im oberfränkischen Rehau bei Hof geboren. Von 1877 bis 1881 studierte er Architektur an der Technischen Hochschule München unter anderem bei Gottfried von Neureuther. Nach dem Studium war er ab 1881 als Staatsbaupraktikant in Nürnberg und Bad Kissingen tätig, bis er 1885 die Prüfung für den Bayerischen Staatsbaudienst ablegte. 

Der junge Architekt arbeitete dann ein Jahr im Büro des Erbauers von Münchens neuem Rathaus, dem Hochschullehrer Georg von Hauberrisser. Von 1886 bis 1888 war er im Staatsbaudienst beim Königlichen Landbauamt München angestellt. Grässel lieferte dort die Pläne für insgesamt 13 Pflaster Zollhäuschen die Ende des 19. Jahrhunderts in München errichtet wurden. Die Stadt München hatte 1850 an den damaligen Burgfriedensgrenzen Aufsichtsstationen zur Kontrolle der städtischen Zoll- und Aufschlagsgefälle errichtet. Pflasterzoll wurde erhoben für die "Bestreitung der Kosten der Herstellung eines Granitpflasters", wie es im Bewilligungsschreiben des königlichen Staatsministeriums des Inneren 1878 lautet. Mit den Eingemeindungen schoben sich diese sogenannten "Pflasterzollstationen" weiter hinaus, jeweils an die äußeren Burgfriedensbereiche. Der junge Architekt hatte daher einiges zu tun, diese Anpassung mit neuen Bauten zu begleiten. Die Zollhäuschen glichen eher kleinformatigen Villenbauten, denn einer banalen Zollstation.

Bald kletterte Grässel die Karriereleiter hoch, sein Aufgabenbereich wuchs: 1888 wurde er Bezirksingenieur der Lokalbaukommission, 1890 Bauamtmann für Hochbau und 1900 Stadtbaurat am Stadtbauamt München. In dieser Position entwarf er auch selbst große Bauten, wie das Waisenhaus, die Schule und das Altersstift am Dom Pedro-Platz in Gern, aber auch zahlreiche Schulen in anderen Stadtvierteln sowie weitere öffentliche Gebäude wie das Arbeitsamt in der Thalkirchner Straße und das Wehramt. Von 1920 bis 1928 erreichte Grässel mit dem Amt des Stadtbaudirektor von München seine höchste berufliche Stellung.

Grässel war auch in grundlegenden theoretischen Fragen und an der Lehre interessiert. So war er 1912 bis 1930 Dozent an der Technischen Hochschule München. Vor allem beschäftigte er sich mit den Friedhofsbauten. Für München entwickelte er ein dezentrales Friedhofskonzept. Hans Grässel hat nahezu alle größten Friedhofsanlagen in München gestaltet: den Neuen Israelitischer Friedhof im Norden der Stadt, den Waldfriedhof bei Schloss Fürstenried, den Westfriedhof, Nordfriedhof und den Ostfriedhof.

Auch außerhalb Münchens galt er bald als führender Friedhofsarchitekt seiner Zeit und gestaltete die Waldfriedhöfe in Schaffhausen und in Memmingen. Er verfasste darüber hinaus zahlreiche Schriften über die Münchner Architektur und die Friedhofsgestaltung. Aber auch in anderen Bereichen zeigte er sich als Vordenker und war seiner Zeit voraus. So hatte er bereits 1914 erste Pläne für den Bau einer U-Bahn in München entwickelt.

Als Stadtbaudirektor ließ er Fotografien von Gebäuden anfertigen, die abgerissen werden sollten, um so die alte Bausubstanz Münchens zu dokumentieren. 1999 erschien eine Sammlung dieser Bilder in Buchform.

Hans Grässel starb am 10. März 1939 in München. Sein Leichnam wurde auf dem Alten Teil vom Waldfriedhof in einem Ehrengrab gegenüber der von ihm entworfenen Aussegnungshalle beigesetzt. 

 

 

Bräuhaus am Kapuzinerplatz (1892-1893)

Zwischen dem Schlachthofviertel und der Altstadt entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts das Klinikviertel und nördlich der neuen Kapuzinerstraße ein Gewerbe- und Industriequartier. Auf dem Gelände zwischen dem Kapuzinerplatz und der Maistraße ließ sich ab 1881 auch die in Kempten ansässige Thomasbrauerei nieder. Am Kapuzinerplatz vor den Produktionsanlagen wurde Hans Grässel beauftragt einen „Bierpalast“ zu errichten. Dafür erstellte der junge Architekt einen Mehrzweckbau im Stile der deutschen Renaissance mit Gastronomiebetrieb und Wohnungen wird durch eine mächtige Fassade beherrscht, die Grässel mit Erker und Schmuckgiebel auflockerte. Der Gastronomiebereich ist durch einen gewölbeartigen Raum mit große Fenstern zum Kapuzinerplatz und mit dicken Säulen gekennzeichnet. Im Innenhof befindet sich ein Biergarten.

Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gebäude wurde wieder aufgebaut und ist heute im Besitz der Paulaner Brauerei. Die ehemaligen umliegenden Fabrikationshallen wurden zwischen 1983 und 1984 abgerissen und durch Geschosswohnungsbauten der so genannten Thomashöfe ersetzt. 

 

Ehemaliges Volksbrausebad, Bavariaring 5 (1894)

Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein hatten viele Münchener Wohnungen keine Bäder. Die öffentlichen Badeanstalten boten daher für viele Bewohner die einzige Möglichkeit, innerhalb der Stadt ihre Körperpflege angemessen durchzuführen. Aufgrund des starken Anstiegs der Bevölkerungszahlen in München seit Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Ausbruch von Epedimien wie die der Cholera, reagierte die Stadtverwaltung systematisch mit der Verbesserung der hygienischen Standards. Der Bau öffentlicher Badeanstalt war ein wichtiger Bestandteil der kommunalen Politik. Das von Grässel erstellte Volksbrausebad wurde allerdings nicht gerade in einem Wohngebiet ärmerer sozialer Schichten, sondern in dem neuen Villenviertel St. Paul an der Theresienwiese positioniert. Eine Gegend, in der viele Gebäude bereits mit Bäder ausgestattet waren. Der fünfeckige Stahlbetonbau hat dann auch für seine Funktion eine eher gehobene Erscheinung: Er ist mit Carraramarmor ausgekleidet und wurden mit großbürgerlicher Architekturelementen wie einem Säulenportikus und Laterne geschmückt. Eine für die Zeit sehr fortschrittliche Zentralheizung versorgte die 14 Duschen für Männer und die vier für Frauen mit fliefenden Warmwasser. Heute dient das Gebäude als öffentliche Bedürfnisanstalt und wird besonders während der Wiesn-Zeit stark frequentiert. Das wohl architektonisch nobelste Pissoir der Theresienwiese. 

 

 

Ostfriedhof (1894-1900)

Der Ostfriedhof in Obergiesing ist der erste der von Grässel angelegten Friedhöfe in München. In den folgenden Jahren des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhundert baute er alle großen Friedhöfe Münchens. Dabei wählte er für jede Anlage einen anderen  architektonischen Stil. Für den Ostfriedhof in Obergiesing wählte er einen klassischen Stil aus der griechisch-römischen Antike. Zur Vorderseite am Sankt Martins-Platz befindet sich ein Hof, der von ein mit Säulen getragener Vorbau begrenzt wird. In dessen Zentrum liegt ein monumentaler Kuppelbau. Auf der Rückseite öffnet sich das Gebäude zu einer Terrasse, die zu den Grablagen übergeht. Mit dem Gebäude mit römischer Prägung beginnt die Phase des Neoklassizismus in München Mitte der 1890er Jahre. Grässel stattete den zentralen Kuppelbau mit seinem Durchmesser von 20 Metern und einer lichten Höhe von 22 Meter reich mit Stilelementen aus. Das monumentale Kuppelgemälde stammt von Josef Guntermann.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude von Bomben zerstört. Den neugestalteten Wiederaufbau führte Hans Döllgast 1952 durch, in dem er die Kuppel etwas niedriger und ohne Wanddekoration mit reinem Ziegelmauerwerk gestaltete.

Der Ostfriedhof ist auch Zeugnis eines makaberen Teils der deutschen Geschichte: Im Krematorium wurden die Leichen tausender Gegner und Opfer des Dritten Reiches verbrannt. Anfang Juli 1934 wurden die sterblichen Überreste von 17 während des „ „Röhmputsches „ ermordeten Nationalsozialisten und von Gegnern des Nationalsozialismus dort verbrannt, am 17. Oktober 1946 wurden die Leichen der nach dem Nürnberger Prozess hingerichteten Hauptkriegsverbrecher im Krematorium verbrannt. Beide Aktionen wurden vor der Öffentlichkeit geheim gehalten.

 

Nordfriedhof,

Ungererstraße (1896-1899)

Bei der Gestaltung des Nordfriedhofs in Schwabing-Freimann entschied sich Stadtbaurat für einen Stil, der sich an das frühchristliche Ravenna orientierte. Wie in seinen anderen Aussegnungshallen und Kirchen für Friedhöfe legte er auch hier einen Bau mit einer Kuppel an. Die Spannweite und die Scheitelhöhe bemisst sich auf 20 Meter. 20 Säulen aus poliertem Marmor in verschiedenen Farben bilden Kuppelumgang, auch der Gewölbeschmuck ist farbig gehalten. Der Baukomplex und das Gräberfeld ist symmetrisch angeordnet.

 

Westfriedhof (1897 – 1902)

Für den Westfriedhof im heutigen Stadtbezirk Moosach wählte er eine frühchristlich-italienische Variante (Aufmacherbild ganz oben und Bild rechts). An einem Platz an der Baldurstraße Höhe Dantestraße befindet sich ein Kuppelbau mit Flügelbauten. Westlich daran schließt sich ein Verwaltungsgebäude mit einem Campanile an (Bild links).

 

Östlich vom Kuppelbau befindet sich ein Säulengang, der sich nach Norden zum Friedhof auf eine großzügige Terrasse hin öffnet. „Der Hauptbau ist ein verputzter Mauerwerksbau mit farbigen Kalkmörtelreliefs, die Säulen der Arkaden und die Portale bestehen aus Kehlheimer Kalkstein, die Eisenstützen im Inneren des Versammlungsraums sind mit Kunstmarmor verkleidet. Der Durchmesser der Kuppelhalle beträgt 15 Meter, mit Umgang 23 Meter, die lichte Höhe 20,5 Meter.“ (Nerdinger, Architekturführer München, Seite 157)

Auf der Terrasse befindet sich der Ölbergpavillon, Brunnen und Feuersäulen. In der Mitte der Terrasse führt ein Weg zum Gräberfeld direkt auf eine monumentale Kreuzigungsgruppe. 

 

 

 

Gebäude am Dom-Pedro-Platz (1896-1907)

Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Idee Camillo Sittes, unregelmäßige Plätze und Märkte als Zentren „malerischer Stadtbaukunst“ viele junge Architekten, wie Karl Henrici, Theodor Fischer, aber auch Hans Grässel, beeinflusst. In dem stark wachsenden Wohngebiet in Nymphenburg und Gern realisierte Grässel mit dem Dom-Pedro-Platz dieses Konzept, die trotzdem auf eine einheitliche Gestaltung der öffentlichen Gebäude Wert legt. Zuerst (1896-1899) baute Grässel das Waisenhaus an der Südseite des Platzes, das zugleich den Abschluss des Nymphenburger Kanals markiert. Östlich von der Anlage des Waisenhauses errichtete er dann anschließend von 1899 bis 1900 die Schule als hohen kompakten Bau nach dem von Carl Hocheder entwickelten neuen Münchner Schultyp. Dennoch wurde die Schule nur mit drei Geschossen erbaut, um die Wirkung der nördlich gegenüberliegende von Max Littmann erbaute prozeszantische Christuskirche nicht zu beeinträchtigen. An der Nordseite entstand dann zwischen 1904 und 1907 nach Grässels Plänen der größte Bau des Platzes: Das Heilig-Geist-Spital, eine aus Stiftungsmitteln finanzierte „moderne Musteranstalt für Altersfürsorge.“ Teile des Alterstifts wurden vor kurzem von dem Projektentwickler Bauwerk Capital füür die GEWOFAG im Rahmen des Projekts Gern64 zu luxuriösen Lofts umgestaltet und als Eigentumswohnungen verkauft.

 

Neuer Israelitischer Friedhof,

Garchinger Straße 37 (1904–1908)

 

Mit dem Anwachsen der jüdischen Gemeinde wurde in München auch die Neuanlage eines Iraelitischen Friedhofs notwendig, da der bestehende in der Thalkirchner Straße in Neuhofen/Obersendling nicht mehr ausreichte. Die neue Friedhofsanlage wurde in Schwabing-Freimann erbaut. Grässel wählte für die Hauptgebäude einem dem Waldfriedhof – der etwa zeitgleich entstand – sehr ähnliche Gestaltung. Eine Ausnahme bildet der Versammlungsraum, in dem auf eine bildliche Darstellung verzichtet wurde, aber der mit reicher und farbiger Ornamentik ausgestattet wurde.

 

 

Waldfriedhof, Schloss Fürstenried (1905-1907)

Der Waldfriedhof ist heute Münchens größter Friedhof. Die Grabanlagen wurden in einem Wald mit unregelmäßigen Kieswegen angelegt. Für die Anlage mit der Leichen- Aussegnungshalle sowie dem Gärtnerhaus wählte Grässel eine deutsch-heimatliche Gestaltung. Die Baugruppe ist in zurückhaltenden Dimensionen gestaltet und zwischen einem Wäldchen aus Nadelbäumen angelegt. Grässels eigenes Grab befindet sich gegenüber der Aussegnungshalle.

Der Waldfriedhof wurde in den 1960er Jahren erheblich nach Süden erweitert und mit einem zweiten Gebäude als Aussegnungshalle ausgestattet. Der tempelartige Bau mit massiven Betonstützen und weit auskragendem Dach lehnt sich an die Architektur von Gunnar Asplunds Kirche des Stockholmer Waldfriedhofs an.

 

 

Ehemaliges Arbeitsamt, Thalkirchner Straße 54/60 (1912–1913)

Im "Städtischen Amtsgebäude für Arbeiterangelegenheiten" wurden die zuvor über die Stadt verstreute Behördenstellen, etwa die auf der Kohleninsel, der heutigen Museumsinsel mit dem Deutschen Museum, zusammengefasst. Das Grundstück westlich des Südlichen Friedhofs war bislang unbebaut, das Gebiet generell nach dem Abbruch des Gaswerks ein neues Erschließungsgebiet zwischen Altstadt und dem Schlachthofviertel. Das Gebäude ist als Dreiflügelbau angelegt, der sich unregelmäßig um einen Innenhof mit einem malerischen Brunnen gruppiert. Für die äußerliche Erscheinung griff Grässel mit den Erkern, der Dachform, Giebeln und der Komposition auf Elemente des Heimatstils zurück. Das Gebäude selbst wurde allerdings in der damals sehr fortschrittlichen Eisenskelettbauweise mit einer großen Gestaltungsfreiheit für die Raumgliederung erstellt.

Nach dem Umzug des Arbeitsamtes in einen Neubau in die nahegelegene Kapuzinerstraße entlang des Schlachthofs wurde das Gebäude zwischen 1987 und 1992 grundlegend saniert. Auch wurde damals im nördlichen Treppenhaus ein allegorisches Deckenbild von Martin Herz freigelegt.

 

Vor kurzem wurde das Innere des Gebäude komplett von dem französischen Designer Philipp Starck neu gestaltet und als Eigentumswohnungen unter der Marke „yoo“ im gehobenen Segment verkauft.

 

 

 

 

Altersheim Sankt Josef am Luise-Kiesselbach-Platz (1925-1927)

 

Mitte der 1920er Jahre entschloss sich die Stadt München für den Bau eines Altersheims in dem Neubaugebiet am Luise-Kiesselbach-Platz 2. Der Bau wurde notwendig, weil sich das bestehende St. Josef Spital in der Herzog-Spital-Straße nicht mehr erweitern ließ. Grässel erstellte ein Komplex mit 294 Zimmern für insgesamt 710 Bewohner auf einer Fläche von über 8200 Quadratmetern. 

 

Der Bau erinnert in seiner Gestaltung und in seinen riesigen Ausmaß an ein Schloß oder Kloster aus der Barockzeit. Der Komplex mit U-förmigen Grundriss ist nach Süden ausgerichtetund enthält neben dem Hauptgebäude für die Altersheimbewohner Wirtschaftsräume, eine katholische Kirche sowie eine evangelische Kapelle. In den 1980er –Jahren wurde der Komplex umgebaut und an den mordernen Erfordernissen angepasst. Die Zahl der Heimbewohner wurde mit etwa 390 auf ca. die Hälfte der ursprünglichen Bewohnerzahl reduziert, um den Komfort entsprechend  zu verbessern.

 

Literatur:

Hans Grässel: Der Waldfriedhof in München, München 1907

Denis A. Chevalley, Timm Weski: Denkmäler in Bayern – Landeshauptstadt München, Südwest, Band 1 und 2

Winfried Nerdinger (Hrsg.): Architekturführer München, Dritte Auflage