Großmarkthalle - 100 Jahre täglich frisch

Die Münchner Großmarkthalle feiert einen runden Geburtstag. Das Münchner Stadtmuseum dokumentiert in einer aufwendigen Ausstellung an Hand von Filmen, Fotos und Objekten die Geschichte eines Marktplatzes, der weit über Untersendling Auswirkungen hat.

 

Hinter der Versorgung der täglichen Münchner Märkte – Viktualienmarkt, Elisabethmarkt, Pasinger Viktualienmarkt und dem Markt am Wiener Platz – steht die Distributionsmaschine der Münchner Großmarkthalle. Auch der Obst- und Gemüsefachhandel, Gastronomen und Supermarktkettenversorgen sich in Europa drittgrößtem Umschlagplatz für Obst und Gemüse.

Mit der aufwendigen Ausstellung „Täglich frisch! Großmarkthalle München – seit 2012“ dokumentiert das Stadtmuseum die vielseitigen Aspekte  des Bauch von München. Dazu gehören das logistische Netzwerk von Süd- und Südosteuropa, der Arbeitsalltag von rund 3000 Beschäftigten sowie Großabnehmer und Endkunden. Gezeigt werden Objekte, Fotos und Filme.

Nach 100 Jahren des Bestehens ist die Münchner Großmarkthalle im Umbruch. Diesem Handelsplatz ist Bewegung eigen – in seinem täglichen schnellen Geschäft genauso wie in den veränderten Bedingungen, unter denen die Geschäfte ablaufen. Ein beachtenswerter Fakt der Kontinuität in der Geschichte der Großmarkthalle ist die Erhaltung des Standortes, die auch für die kommende Epoche gesichert ist. Ein Rückblick anlässlich des Jubiläums sollte einer Definition der Werte, die ein städtischer Platz für den Fruchtgroßhandel bietet, dienen und den Diskurs zwischen Stadtpolitik, städtischer Marktleitung, privatwirtschaftlichen Händlern und den Anwohnern im Stadtteil Sendling unterstützen. Im Zusammenwirken dieser Gruppierungen besteht die besondere Konstellation dieses Marktplatzes, der mit seinen 31 Hektar ein bedeutendes Terrain im Stadtgebiet einnimmt.

Die Debatten um das Ob und Wie eines zentralen Handelsplatzes sind aus vielen Phasen der Geschichte bekannt. Bereits der Gründung im Jahr 1912 gingen zwei Dekaden des Abwägens voraus. Die Entwicklung der Stadt München im 20. Jahrhundert spiegelt sich in den heterogenen Phasen der Großmarkthalle und so eröffnet die Betrachtung dieser Institution neue Aspekte auf das politische, soziale und wirtschaftlichen Leben. Die Kriege mit ihren Handelsbeschränkungen, Versorgungsengpässen und Zerstörungen schlagen sich hier genauso nieder wie ganz aktuell die Gentrifizierung, die nach etwa dem Glockenbachviertel und dem Westend nun den Stadtteil Sendling erreicht hat. Nicht zuletzt wegen der Großmarkthalle war Sendling bislang ein unterbewertetes Viertel, das durch die anstehende Sanierung, Bebauung und Öffnung des riesigen Marktgeländes deutlich an Attraktivität gewinnen kann. Zu den architektonisch interessanten Gebäuden des Areals gehören dder Fruchthof, die Halle 1, die Gaststätte Großmarkthalle und das Kontorhaus.

Der Fruchthof ist zwar das älteste zum Großmarkt gehörige Gebäude und wird durch die Großmarkthalle München selbst betrieben, er liegt aber nicht mehr auf dem Gelände, sondern direkt neben dem Großmarkt (Bild links, beim Durchblick vor den Kirchtürmen). Er beheimatet Gewerbeflächen, Wohnungen, Ateliers und Einzelhandelsgeschäfte und wurde Ende der 1930er Jahre vom Großmarkt übernommen. Im Zweiten Weltkrieg wurde es stark zerstört, nach dem Krieg wieder aufgebaut und von 1995 bis 2005 komplett saniert.

Bereits 1912 wurde die Halle 1 von Richard Schachner entworfen (siehe großes Aufmacherbild ganz oben und Bild oben links). Zu den  „Ur-Hallen“ des Großmarkts gehören zudem die Hallen 2 bis 4, wo bis heute der „klassische“ Verkauf von Obst und Gemüse an den Ständen der verschiedenen Händler stattfindet.

Das alte, von Karl Meitinger entworfene Kontorhaus (Bild rechts) wird durch die GMH betrieben und ist Sitz der meisten Fruchthandelsagenturen und verschiedener anderer Unternehmen. Die Gaststätte Großmarkthalle wurde ebenfalls bereits 1912 erbaut und ist nicht nur architektonisch interessant, sondern auch ein „Geheimtipp“ für gute bayrische Küche

Im Vorfeld des Jubiläums kam die Direktion der Münchner Markthallen auf das Münchner Stadtmuseum mit dem Anliegen zu, die Geschichte der städtischen Institution Großmarkthalle den Mitbürgerinnen und Mitbürgern in einer Ausstellung bekannt zu machen und damit die abgeschiedene Welt der Gärtner, Händler, Importeure, Transportunternehmen und Marktkaufleute ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Dank der Kooperation mit dem Kommunalreferat konnte die Ausstellung nun realisiert werden.

Ausgehend von der Darstellung der Entwicklung Münchens zur Großstadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und den alten Marktplätzen Viktualienmarkt und Schrannenhalle erzählt die Ausstellung von der Veränderung der Lebensmittelversorgung der Münchner Bevölkerung. Durch die internationalen Handelsbeziehungen der Händler der Großmarkthalle – anfangs vor allem mit Süd- und Südosteuropa, heute weltweit – konnte im Lauf der Jahre eine ständig steigende Vielfalt von Früchten angeboten werden. Auf diese Logistikleistungen wird in der Ausstellung genauso eingegangen wie auf den Arbeitsalltag der Beschäftigten hunderter mittelständischer Unternehmen auf dem Gelände. Daneben werden die Kunden der Großmarkthalle vorgestellt, von denen die Endverbraucher ihren täglichen Vitaminnachschub beziehen. Alle diese Themen werden anhand von Objekten, Foto und Film der vergangenen 100 Jahre präsentiert. Die aufwendigen Inszenierungen der Ausstellung begleiten den Besucher durch die Geschichte. Im Ausstellungskino werden Ausschnitte aus Fernsehdokumentationen über die Münchner Großmarkthalle gezeigt. Ein visuelles Highlight stellt die Installation der Videokünstlerin Betty Mü dar, die sich für die Ausstellung mit dem Thema „Essen und Lifestyle“ auseinandergesetzt hat. Zum Abschluss bietet die Ausstellung Raum für die aktuelle Diskussion um die zukünftige Entwicklung des städtischen Areals.

 

Das Ausstellungsprojekt konnte nur sehr eingeschränkt aus den Sammlungen des Münchner Stadtmuseums bestritten werden. Die Recherche vor Ort mit stundenlangen Streifzügen durch die Hallen, Gesprächen mit Händlern und intensiven Beobachtungen war die Basis, um die Abläufe des Marktgeschehens zu verstehen. Es folgten Termine mit Importeuren, Agenturen, der Werkleitung und dem Kommunalreferat. Allein im Stadtarchiv München ist die Institution in Foto und Film ausführlich dokumentiert. Mit diesen neu gehobenen Materialien wird die Jubiläums-Ausstellung nun bespielt.

Das besondere Interesse gilt neben der Darstellung der Organisationsform und Struktur dieses komplexen Wirtschaftsbetriebes der Internationalität, die die Handelsform per se mit sich bringt und sich auch bei den Akteuren auf dem Münchner Gelände wiederspiegelt. Die Ware, um die sich alles Tun an der Großmarkthalle dreht, entzieht sich dem Museum gänzlich. Frisches Obst und Gemüse hat hier keinen Platz. In der Umsetzung der Ausstellung wurde aus dieser Not eine Tugend gemacht: die Transportkisten, mit denen Äpfel, Gurken oder Orangen in die Großmarkthalle gebracht werden, sind meist mit Graphiken von ihrem Inhalt gestaltet. Sie repräsentieren anschaulich die Handelsware.

 

Täglich frisch! 100 Jahre Münchner Großmarkthalle

Münchner Stadtmuseum 

Bis 15. Juli 2012

 

Zur Ausstellung ist eine Festschrift erschienen:

„Täglich frisch! - 100 Jahre Münchner Großmarkthalle“, Neuer Umschau Buchverlag, 58 Euro

 

 

Bilder: Luftbild: Großmarkthalle München Vertrieb, Frederic Weihbeder/Wikipedia

Schwarz-weiß: Münchner Stadtmuseum