Zaha Hadid ist gestorben

Als erste Frau überhaupt bekam die britische Architektin irakischer Herkunft den Pritzkerpreis verleihen, der als Nobelpreis für Architektur gilt. Ende März verstarb Zaha Hadid, mit ihren fließend gestalteten Gebäuden eine der weltweit bedeutendsten Architektinnen, überraschend in den USA.

 

Zaha Hadid verstarb an einem Herzinfarkt in einem Krankenhaus in Miami, wo sie wegen einer Bronchitis behandelt wurde. Die Architekturwelt verliert mit ihr eine der wichtigsten Figuren der Gegenwart. 2004 hatte als sie erste Architektin den Pritzker Architektur Preis, vor Kurzem noch von Queen Elisabeth II die Royal Gold Medal 2016 des Royal Institute of British Architects (RIBA) bekommen. Zaha Hadid war eine der weltweit bedeutendsten Architektinnen. Lange galten die Entwürfe ihrer Gebäude im fließenden Stil als unbebaubar. Mit dem Vitra-Feuerwehrhaus in Weil am Rhein gelang ihr den Durchbruch. Nun bestehen in aller Welt Museen, Konzerthallen und Verwaltungsgebäude von ihr.

 

Zaha Mohammad Hadid wurde als Tochter von Wajiha Sabunji (gest. 1983) und Muhammad Hadid (1907–1999) am 31. Oktober 1950 in Bagdad, Irak, geboren. Ihre Familie hatte mit Handel, industriellen Investitionen und Immobilien Reichtum erlangt, ihr Vater Muhammad Hadid war mehrmals Finanzminister und war 1946 Mitbegründer der Iraqi Democratic Party und 1960 der Mitbegründer und Leiter der Progressive Democratic Party.

Ausbildung und Lehrzeit

Ihre Schulzeit verbrachte sie in einer von katholischen Nonnen geleiteten Klosterschule in Bagdad, später in einem Schweizer und einem englischen Internat. Mit elf Jahren wusste sie, dass sie Architektin werden wollte.

Bis 1971 studierte sie Mathematik an der Architectural Association School (AA) in London, wo sie die Dozenten und progressiven Architekten Bernhard Tschumi und Rem Koolhaas kennenlernte. Als ihre architektonischen Vorbilder nennt sie vor allem die russischen Suprematisten und Konstruktivisten wie Kasimir Malewitsch oder El Lissitzky. Ihre Abschlussarbeit am AA, ein Entwurf für ein Hotel an der Londoner Hungerford Bridge, nannte sie Malevich’s Tectonics.

1977 nahm sie das Angebot an, Mitarbeiterin an Koolhaas Office for Metropolitan Architecture (OMA) zu werden und zu werden und lehrte nun selbst auch an der AA mit ihren OMA-Partnern Rem Koolhaas und Elia Zenghelis.

 

Londoner Büro und erste Arbeiten

1980 eröffnete Zaha Hadid in London ihr eigenes Architekturbüro und erregte mit ihren kühnen Entwürfen in Wettbewerben bald international Aufmerksamkeit. Doch ihrer ausgezeichneten Entwürfe für den Freizeitpark The Peak Leisure Club an einem Berghang in Hongkong (1983)  dem Bürohaus am Kurfürstendamm 70 in Berlin (1986) und für den neuen Zollhof in Düsseldorf (1990) wurden nicht verwirklicht.

Erst 1993 schaffte sie aufgrund des Mutes und Innovationsfreude von Rolf Fehlbaum, des Inhabers des Stuhlfabrikanten Vitra, den Durchbruch. Das Feuerwehrhaus (siehe Fotografie links, Quelle: Vitra)  des Vitra-Werkes in Weil am Rhein sorgte aufgrund seiner dekonstruktivistischen Gestaltung für Furore. Doch auch dann konnte sie erst zögerlich ihre auffällige Entwürfe, wie etwa das Pavillon LF one für die Landesgartenschau in Weil am Rhein (1999) und die Bergiselschanze (siehe Bild links unten) in Innsbruck realisieren.

 

Internationale Großprojekte

Danach folgten zunehmend größere Aufträge für Großunternehmen, die auch aufgrund der Medienwirksamkeit auf die fließenden Gestaltungen von Zaha Hadid zurückgriffen. Hinzu kam, dass aufgrund des technischen Fortschritts und der Einsatz neuer Materialien die bislang kaum als bebaubar geltenden Entwürfen von Zaha Hadid sich leichter verwirklichen ließen. 2004 wurde das Zentralgebäude im BMW-Werk Leipzig fertig gestellt. Für die Parfummarke Chanel entwarf sie Pavillons, für die französische Reederei CMA CGM in Marseille das Hochhaus „Tour CMA CGM“ (siehe Bild unten links).

 

Öffentliche Bauten in futuristischer Erscheinung

2005 wurde ihr bislang größtes Projekt in Deutschland, das Wissenschaftsmuseum phæno in Wolfsburg, fertiggestellt. Mit dem phæno erprobte Zaha Hadid neue Möglichkeiten der dynamischen Gestaltung des Raumes erprobte. Trotz seiner komplexen Konstruktion wirke das Gebäude schwerelos.  Auch Infrastrukturprojekte wie die Hungerburgbahn in Innsbruck oder die Sheikh-Zayed-Brücke in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) fielen durch ihre visuelle Auffälligkeit und der komplexen Umsetzung ebenso auf, wie das Guangzhou Opera House in China oder die Wohnanlage Zaha-Hadid-Haus in Wien.

Mit der Schwimmhalle Aquatics Centre für die Olympischen Spiele 2012 in London konnte Zaha Hadid auch ein großes und prestigeträchtiges Gebäude in ihrer Wahlheimat London verwirklichen.

Auszeichnungen, Einfluss und Kritik

1994 erhielt Hadid den Erich-Schelling-Architekturpreis und 2003 den European Union Prize for Contemporary Architecture (Mies van der Rohe Award) für die Straßenbahnhaltestelle Hoenheim –Nord in Strasbourg. Als erste Frau bekam sie 2004 die bedeutendste Ehrung in der Architektur, den Pritzker Architektur Preis. Im Jahre 2009 wurde ihr das Praemium Imperiale in der Kategorie Architektur verliehen. Auch erhielt sie die Royal Gold Medal 2016 des Royal Institute of British Architects (RIBA). Sie gilt als führende Vertreterin des fließenden oder kinetischen Bau- und Design-Stils, in dem die geordnete Komplexität zu einer nahtlosen Fluidität“ (Fließfähigkeit) umgesetzt wird. Sie lehrte auch als Gastprofessorin an Hochschulen wie der Graduate School of Design an der Harvard University, der School of Architecture der University of Chicago und der Hochschule für bildende Künste in Hamburg an Architekturstudenten weiter.

Von 2000 bis 2015 hatte Hadid eine Professur am Institut für Architektur an der Universität für angewandte Kunst Wien inne, wo das studio hadid, vienna leitete. Ihr Einfluss ist beispielsweise auch bei den Arbeiten des niederländischen UNStudio oder der Wiener Delugan Meissl Associated Architects zu erkennen.

Die auffällige und medienwirksame Architektursprache Zaha Hadids wurde allerdings auch kritisiert. So nannte der Architekturkritiker Michael Murphy sie in seinem Beitrag „The Poverts of Stararchitecture als "famously extravagant", die im Dienste von Diktatoren und Kleptokraten wie dem Libyer Muammar al Gaddafi und dem Aserbaidschaner Heydar Aliyev prestigeträchtige Vorzeigebauten erstellen würde. Der Architekt Sean Griffiths kennzeichnete Hadids Arbeit als ein leeres Gefäß – ideal für Ideologien jedweder Couleur.

 

Werke (Auswahl)

1993: Vitra Feuerwache, Weil am Rhein

1994: Geschäftshaus mit Wohnhochhaus und Wohnhof zur IBA, Berlin

1999: LFone Landesgartenschau, Weil am Rhein

2001: Straßenbahn-Haltestelle Hoenheim –Nord (Bild links), Strasbourg, Frankreich

2002: Bergisel Skischanze, Innsbruck, Österreich

2003: The Richard and Lois Rosenthal Center for Contemporary Art, Cincinnati, Ohio, USA

2004: BMW Central Building, Leipzig

2005: phæno Science Center (großes Bild unten), Wolfsburg

2005: Zaha-Hadid-Haus, Spittelauer Lände 10, Wien

2005: Erweiterungsbau des Ordrupgaard Museum, Charlottenlund, Dänemark

2005: Hotel Puerta America, Madrid, Spanien

2008: Hungerburgbahn, Innsbruck, Österreich

2008: Brückenpavillon für Expo 2008, Saragossa, Spanien

2010: Hochhaus Tour CMA CGM, Marseille, Frankreich

2010: Sheikh-Zayed-Brücke, Dubai, Vereinigte Arabische Emirate

2010: Guangzhou Opera House, Guangzhou, China

2010: Kunstmuseum MAXXI, Rom, Italien

2011: Aquatics Centre, London

2011: Riverside Museum, Glasgow, Schottland

2011: Roca London Gallery, London

2012: Galaxy SOHO, Peking, China

2012: Eli and Edythe Broad Art Museum, East Lansing, Michigan, USA

2013: Universitätsbibliothek der Wirtschaftsuniversität Wien, Wien

2013: Salerno Maritime Terminal, Salerno, Italien

2013: Jockey Club Innovation Tower (Bild links), Hongkong, China

2014: Heydar Aliyev Center, Baku, Aserbaidschan

2014: Messehalle 3A, NürnbergMesse (Bild links), Nürnberg

2014: Dongdaemun Design Plaza, Dongdaemun, Südkorea

2014: Citylife office tower (Storto), Mailand, Italien

2015: MMM (Messner Montain Museum) Corones, Italien

2015: Investcorp Building, St Antony´s College, Oxford, Vereinigtes Königreich

2015: Wangjing SOHO, Wangjing, China

 

 

Bildnachweis: großes Bild oben – Heydar Aliyev Cultural Center in Baku, Azerbaijan, Foto: Zaha Hadid; Porträt Zaha Hadid, Knight Foundation ; Feuerwehrhaus von Zaha Hadid, Vitra Campus, Weil am Rhein, Foto: Vitra; Bergisel Schanze, Foto: Richard Wasenegger; La Tour CMA-CGM (à Marseille) vue depuis la mer, Foto: Exmagina; Guangzhou Opera House CC BY 3.0, Foto: Mr a; Bahnhof Hoenheim Strasbourg, Foto: Philip Schäfer;Innovation Tower Hongkong, Sebastian Wallroth; NürnbergMesse, Foto:  obx-news/MesseNürnberg; phæno Wolfsburg Südseite (Bild unten), Foto: Richard Bartz;