Architekt des Wiederaufbaus

Nach dem 2. Weltkrieg setzte sich in München eine stark konservative Strömung in der Architektur beim Wiederaufbau durch. Wie modern und zeitlos der Umgang mit den zerstörten Gebäuden sein konnte, zeigte in gekonnter Weise einige wenige Architekten. Der unbestrittene Meister darin war Hans Döllgast.  

 

 

Hans Döllgast (Bild links) wurde am 1. April 1891 eines Schullehrers in Bergheim geboren. Er studierte von 1910 bis 1914 an der Technischen Hochschule München unter anderem bei Theodor Fischer Architektur und erhielt 1913 für seine Pläne für die Rekonstruktion der Pliniusvilla den Hochschulpreis. „Wer alles sich bemüht hat, (mir) dem Querkopf die Baukunst beizubringen: ... Thiersch, Hocheder und der Baron von Schmidt Entwerfen – Verschwendung als mitten im Examen der Krieg ausbrach.“ (Döllgast, Journal Retour). 1914 bis 1918 nahm er als Infanterist am ersten Weltkrieg teil.

1919 bis 1922 arbeitete er im Atelier von Richard Riemerschmid. „Zeitungsinserat – Stellenangebot bei Richard Riemerschmid...Zu Anfang nichts aufregendes, Hypothekenbanken.. Umbau der Praterinsel-Schnapsfabrik. Auf jeden Fall von Jugendstil war keine Rede oder alles Jugendstil, oder wie er gesagt hat: Jugendstil ist immer.“ (Döllgast, Journal Retour).  1922 bis 1926 dann im Atelier und in der Meisterklasse von Peter Behrens in Wien, Berlin und Frankfurt am Main. „Wohnblock in Möding, Wohnblock in Heiligenstadt, gute Hoffnungs-Hütte Essen-Oberhausen, Farbwerke Hoechst im Ausbau... Da existiert ein Foto, wo Gropius, Mies van der Rohe, Corbusier dem Garten posieren. Müssen wohl gleichzeitig dort gewesen sein, keiner über längere Zeit, keiner ahnend, dass eine späterre Ära ihren Namen tragen wird.“

1925 heiratet Hans Döllgast die  Leichtathletin Marie Kießling, der es 1920 als einzige deutsche Leichtathletin im 100 Meter Lauf, Weitsprung, Kugelstoßen und dem Staffellauf gelang die Meisterschaft zu erringen

In den Jahren 1927 bis 1929 war Döllgast als selbständiger Architekt in München, Wien und Augsburg tätig. 1929 erhielt er seinen ersten Lehrauftrag für das Fach Innenausstattung an der TH-München. „An der TH ging es damals jeder seine Wege: Vorhoelzer, Werner, Abel, Hart und Leitenstorfer. Zugänglicher war Herr Bestelmeyer, der Präsident, der mich so um die Jahre 28/29 zwischen Tür und Angel auf Zeit und Widerruf beschlagnahmt hat.“ 1939 erhielt er einen außerordentliche Professur und wurde schließlich 1943 bis 1956 als ordentlicher Professor an die Technische Hochschule berufen.

Döllgast hatte sich in München bereits vor dem Zweiten Weltkrieg durch Kirchenneubauten sowie die Planung der Siedlung Neuhausen einen Namen gemacht. Nach dem Krieg prägte er durch sein Wirken als Professor für Architekturzeichnen und Raumkunst an der Technischen Hochschule (heute TU) Generationen von Architekten. „Da waren der E.M. Lang, der Hürlimann, Paolo Nester, Gottfried Böhm, Franz Kiessling, Rosiny, Spengelin, von Seidlein, Ruile, Amslinger, von Branca, Buddeberg, von Busse, Ackermann. Da waren Grothuysen, Schwaiger, Knopp, Hackelsberger, Betz, ...Gulbranson und Angerer... Bei denen war mit Beweisen wenig, mit Eifer gar nichts auszurichten, mit Beispielen einiges, aber alles mit Courage – Vorschuß auf spätere Kollegialität.“ 1958 wurde er Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Bekanntheit erlangte Döllgast aber durch den Wiederaufbau und Eigengestaltung bekannter kriegszerstörter Bauwerke. Er war am Wiederaufbau der Münchner Residenz und der Abtei St. Bonifaz in München beteiligt sowie der schwer beschädigten Alten Pinakothek. In den letzten Lebensjahren arbeitete Döllgast zusammen mit Sep Ruf an dem Erweiterungsbau der Bayerischen Staatsbibliothek (1966) und an der Konservierung der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz. Er starb am 18. März 1974 in München.

 

 

Siedlung Neuhausen (1928-1931)

Im Auftrag der Hemeinnützigen Wohnungsfürsorge AG – kurz GEWOFAG – entwarf Döllgast zwischen 1928 bis 1930 ein Planungskonzept für die Arbeiter- und Angestellten-Siedlung Neuhausen. Vorwiegend in Nord-Süd-Richtung angeordnete mehrgeschossigen Häuserzeilen bestimmten die Struktur der neuen Siedlung. Diese wurden durch lange Häuserzeilen an der Arnulf- und Wendl-Dietrich-Straße vom Verkehrslärm abgeschirmt. Im Osten, am Steubenplatz und nördlich der Arnulfstraße bestehen Blockbebauungen. Die gesamte Anlage umfasste das Gebiet zwischen Arnulf- und Nibelungenstraße sowie dem Steuben- und Winthirplatz. Bis 1930 wurden 1900 Wohnungen mit 58 bis 105 Quadratmeter Wohnfläche sowie 33 Ladengeschäfte und vier Gaststätten erbaut.

 

 

Verschiedene Architekten entwarfen die einzelnen Häuserzeilen und Blockbebauungen. Döllgast selber plante den Bau der langen Häuserzeile entlang der Wendl-Dietrich-Straße (Bild oben, Häuserzeile links sowie Detail Hauseingang Bild links). Für die markante Blockbebauung am Steubenplatz zeichnete Otho Orlando Kurz, einer der führenden Vertreter der Neuen Sachlichkeit in München,  verantwortlich (Bild oben, Häuserzeile rechts). Andere Architekten waren Wolfgang Vogl, Gustav Gsaenger, Peter Danzer, Hans Haedenkamp und Martin Mendler. Die einzelnen Häuserzeilen weisen durch die individuelle Gestaltung der jeweiligen Architekten durchaus Unterschiede auf und grenzen sich daher auch von der etwa zeitgleich entstandenenen Versuchssiedlung des Bayerischen Post- und Telegraphenverbandes unter der Gesamtplanung Robert Vorhoelzers ab. Diese Anlage befindet sich südöstlich von Döllgasts Siedlung Neuhausen auf der anderen Seite der Arnulfstraße.

Eine Besonderheit der Anlage ist der von Uli Seeck geschaffene Künstlerhof. Die relativ niedrigen Gebäuden mit hoher Dachstruktur befinden sich in einem grünen Innenhof der Häuserzeilen zwischen Arnulfstraße und Karl-Schurz-Straße (Bild links und rechts). Die künstlerische Ausgestaltung der öffentlichen Plätze sollte die sparsame Gesamtgestaltung der Siedlung auflockern. Vor einigen Jahren wurden die alten Künstlerateliers durch einen Erweiterungsbau mit ähnlicher Gestaltung ergänzt.

 

 

 

 

 

Wiederaufbau von St. Bonifaz (1945-1950)

 

Nach dem Krieg wurde Döllgast für den Wiederaufbau zum Teil weitgehend zerstörter bekannter Bauwerke herangezogen. Der sensible Umgang beim Wiederaufbau bei gleichzeitiger großer Änderungen der ursprünglicher Bausubstanz begründeten bald seinen Ruf als „Architekt des Wiederaufbaus“.

Erstes dieser vom Krieg beschädigte Bauwerke war die von Georg Friedrich Ziebland im Auftrag von König Ludwig I 1835 bis 1850 erbaute  Basilika St. Bonifaz, die auch Ludwigs eigener Sarkophag und der seiner Gemahlin, König Therese, aufnahm. Das Gebäude war durch Bomben stark zerstört. Döllgast verkürzte den Bau und ließ es verändert, unter Einbeziehung bestehender Gebäudeteile wieder aufbauen.

Heute ist Döllgasts Konzeption durch weitere bauliche Maßnahmen weitgehend zerstört. So bestand nach Döllgasts Wiederaufbau zwischen seiner Rumpfkirche und der freistehenden Schale der Apsis ein Freiraum aus Trümmern. 

 

 

Mitte der 1960-er Jahre errichtete Döllgast nach Abbruch der Apsis Neubauten aus Trümmersteinen, die von dem Architekten Carl Theodor Horn fertiggestellt wurde (Bild links). Horn fügte zwischen diesem Teil und Döllgasts Rumpfkirche zwischen 1968-1971 zudem ein Stahlbetonbau ein, der die bestehende Lücke schloss (Bild oben, etwas sichtbar links vom "verwundeten Rumpfbau). Auch wurde der Innenraum der Rumpfkirche zwischen 1993 und 1996 durch Friedrich Koller und Peter Burkart neu gestaltet. 

 

 

 

 

Aufbau Alte Pinakothek 

Im Zweiten Weltkrieg wurde Leo von Klenzes Alte Pinakothek zerstört. Das zwischen 1826 bis 1836 erbaute Museum für Gemälde war mit einer Länge von 137 Meter der größte Galeriebau seiner Zeit. Von den 25 durch Stützen abgetrennte Gewölbeabschnitten waren auf der Südseite neun und auf der Nordseite acht vollständig zerstört. Das Museum, das wegen seiner Lichtführung und wegen der Abfolge von Sälen als Vorbild für viele Galerien im 19. Jahrhundert diente, war völlig ausgebrannt und ohne Dach. Wegen der hohen Wiederaufbaukosten für die Herstellung an den Originalzustand wurde auch ein Abbruch des Gebäudes in Erwägung gezogen.

 

Döllgast arbeitete einen Plan für eine vereinfachte Herstellung mit zum Teil starken baulichen Änderungen von Klenzes Bau aus, der wesentlich niedrigere Kosten vorsah wie die herstellung des ursprünglichen Bauzustandes. Aufgrund dieser Vorlage stellte der Bayerische Landtag eine Summe von einer halben Million Mark für die Sicherung der Ruine zur Verfügung.

Döllgasts „schöpferische Wiederherstellung (1946-1957)sah eine wesentliche Änderung des Grundrisses durch die Verlegung des Eingangs vom Osten des Gebäudes an den Mittelteil des nördlichen Längsseite vor. Das Treppenhaus wurde entlang der gesamten Südseite des Gebäudes als zweiläufiger Treppenaufgang verlegt (Bild rechts). Auch an der Außenfassade ist die Wunde des ehemaligen 40 Meter breiten Bombentrichter sichtbar gemacht: Die Ziegelwand grenzt sich vom umbeschädigten teil des Gebäudes optisch ab, bei der Fassadenstruktur wurde die Fensteranordnung jedoch analog des ursprünglichen Zustandes zurückgegriffen. Die Alte Pinakothek ist ein überragendes Beispiel eines Wiederaufbaus mit der Bewahrung der Spuren der Geschichte.

 

 

 

Wiederaufbau Aussegnungshalle Ostfriedhof (1952)

Im Ostfriedhof war die von Hans Grässel 1894 bis 1900 erbaute Aussegnungshalle niedergebrannt. Döllgast, der 1951 den Auftrag zur Wiederherstellung erhielt, lehnte eine Rekonstruktion ab. Stattdessen gestaltete er die Kuppel völlig neu, indem er den Kuppelfuß höher setzte und die Kuppel mit einer geringeren Neigung wölbte. Im Gebäude ließ er den verbliebenen Putz abnehmen und die Ziegelmauer freilegen.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wohnhaus Hans Döllgast in der Nederlinger Straße (1953-1954)

Wiederaufbauarbeit leistete Döllgast auch in eigener Sache: „Das eigene Haus ist 1944 abgebrannt, acht Jahre später aus Abbruchsteinen frisch aufgebaut mit einem anderen Wand an Wand, wie zu erwarten war, geziegelt mit Dach und grünen Fensterläden. Diesmal in der Nederlinger Straße. Noble Gegend. Damals 1952 fast lauter Wiese bis ins Uferlose.“ (Hans Döllgast, Journal Retour).

Der einfache Grundriß mit großem Treppenhaus wird durch eine tragende Mauer in einen Wohn- und Ateliertrakt sowie einen Wirtschaftsbereich geteilt. Das Gebäude hat drei Geschosse: Das Erdgeschoss ist ein halbes Stockwerk nach oben versetzt. Dies ist an der Fassade sichtbar durch das über der Eingangstüre angeordnete Fenster. Wie in vielen seinen wiedererbauten öffentlichen Gebäuden wirkt auch Döllgasts eigens Haus durch die unverputzten Abbruchziegel und Details wie das schlichte Vordach aus gewalztem Blech.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wiederaufbau des Südfriedhofs (1954-1955)

Im Südfriedhof hatte die halbrunde Anlage von Friedrich von Gärtner mit Aussegnungshalle  schwerste Schäden erlitten. Döllgast erbaute die halbrunde Exedra nur in ihrer Mitte wieder auf, und deutete nur mit Pfeilern den ursprünglichen Zustand an (Bild unten).

Vor der nördlichen Umfassungsmauer wurde nach Döllgast Entwurf (Zeichnung rechts) ein leichtes Dach auf dünnen Stahlrohrstützen errichtet, das auf einfache Weise die zerstörten Arkaden des Campo Santo ersetzt (Bild links).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur:

Hans Döllgast: Journal Retour I-III

Winfried Nerdinger und Inez Florschütz (Hrsg.): Architektur der Wunderkinder – Aufbruch und Verdrängung in Bayern 1945-1960 (Katalog zur Ausstellung des Architekturmuseum der Technischen Universität München 2005)

Winfried Nerdinger (Hrsg.): Architekturführer München, Dritte Ausgabe