Ausstellung: Hollywood-Style in Bollywood-Kinos

Die Münchner Galerie Nusser & Baumgart zeigt Fotografien der Künstlerinnen Sabine Haubitz und Stefanie Zoche (Haube+Zoche) von Filmtheatern in Südindien. Mit ihren Bildern decken sie mit scharfem Blick der Einfluss westlicher Architektur und ihre Neuinterpretation in Südindien auf.

 

Nicht erst seit dem Bollywood-Boom der letzten Jahre sind das Kino und die Welt des Films ein relevanter Faktor und ein gesellschaftlicher Indikator innerhalb der indischen Kultur. Dies zeigen die zahlreichen, bereits in den 1950er bis 1970er Jahren erbauten Filmtheater, deren Architektur auf einer ungewöhnlichen, irritierenden Mischung aus westlichen Einflüssen und lokalen Baustilen basiert.

Die Rezeption modernistischer Architektur wurde maßgeblich durch Le Corbusiers Bauprojekte in Indien in den fünfziger Jahren inspiriert und spiegelt sich auch in den Gebäuden einheimischer Architekten wider. Bei den südindischen Kinogebäuden ist dieser Einfluss deutlich erkennbar, wird aber von Elementen durchbrochen, die aus westlicher Sicht eher als „anti-modernistisch“ bewertet werden. Sie gehen auf die traditionelle indische Architektur ebenso zurück wie auch auf das einflussreiche Art Déco. Starke Farbigkeit, auffälliger bauplastischer Schmuck und das in der Moderne vehement abgelehnte Ornament der Arabeske bleibt hier vor allem in den Interieurs eine häufige Dekorationsform.

Kurzum: Bei den indischen Kinogebäuden handelt es sich um eine kulturell geprägte Neuinterpretation des modernen Baustils, die von der beschriebenen Hybridität und auch von einer stark kulissenhaften Wirkung der Architektur gekennzeichnet ist. Oft erscheinen die Fassaden wie Attrappen, die dem Baukörper vorgesetzt wurden. 

Die den Kinofilm bestimmende Funktion der Kulisse und der damit einhergehende, für die filmische Präsentation so relevante Prozess wird bereits außerhalb des Kinosaals aufgegriffen.



Diese interessante Zuspitzung der Gebäudefunktion wird im Inneren der Kinos fortgeführt. Auch hier trifft man mancherorts auf extravagante, skulpturale Formen und Verzierungen, die den Besucher in eine bühnengleiche Atmosphäre versetzen und ihn dadurch auf das bevorstehende Kinoerlebnis einstimmen.

Mit ihrer Serie „Hybrid Modernism. Movie Theaters in South India“ gelingt es dem Künstlerinnenduo Haubitz + Zoche, sich innerhalb des aktuellen Diskurses der postkolonialen Theorien zu verorten und diese in sehr dichten Bildern zu veranschaulichen. Die Fotografien entstanden auf drei Reisen von 2010 bis 2013 in den südindischen Bundesstaaten Tamil Nadu, Kerala, Karnataka und Andhra Pradesh.

Seit 1998 arbeiteten die Künstlerinnen Sabine Haubitz und Stefanie Zoche zusammen und positionierten sich unter dem Namen Haubitz + Zoche mit ihrem fotografischen und installativen Werken im internationalen Kunstgeschehen. Zu sehen ist übrigens ein Werk der Künstlerinen auch in der Fuß- und Radwegtunnel durch die Nordumgehung (NUP) am Pasinger Bahnhof. Mit ihrer Installation „Sieben Flieger“, ein auf blaue Fliesen gedruckten Wolkenhimmel, lassen sie die Passanten entlang den Wolken der Passage schweben.

Im März 2014 ist Sabine Haubitz tödlich verunglückt. Stefanie Zoche wird das Werk, das die Handschrift beider Künstlerinnen trägt, in beider Namen fortsetzen.

 

Haubitz+Zoche: Movie Theatres

Ort: Galerie Galerie Nusser & Baumgart, Steinheilstr. 18; München

Zeit: Ausstellung bis 13.12.2014; Öffnungszeiten: Mi-Fr 13--18 Uhr, Sa 12-16 Uhr und nach Vereinbarung

 

Weitere Informationen:

Nusser&Baumgart: Ausstellung "Hybrid Modernism. Movie Theatres in South India"

 

 

Bilder: © Haubitz + Zoche/ VG Bild-Kunst, Bonn 2014; courtesy Nusser & Baumgart, München