Die Fassadenkünstler

Renovierung und Sanierung lässt sich weit phantasiereicher verwirklichen, als nur den ursprünglichen Zustand widerherzustellen. Wie kreativ die Auseinandersetzung mit Bestandsbauten, Material und die Antwort auf neue Anforderungen sein kann, dass zeigen die Münchner Hild und K Architekten.

Hild und K ist ein von dem Architekten Andreas Hild (*1961) ursprünglich mit Tillmann Kaltwasser  gegründetes Münchner Architekturbüro. Nach dessen Tod wurde das Büro von Hild und Kaltwasser in Hild und K umbenannt. Partner von Hild und Büroteilhaber ist Dionys Ottl (*1964). Hild und K haben sich auf Bauen im Bestand spezialisiert. Weitere Bereiche sind Wohnungsbau sowie Büro- und Gewerbebau. Durch eine phantasievolle Neuinterpretation bei der Umgestaltung bestehender Gebäude, dass die Einhaltung architektonischer Konventionen sprengt, hat sich das Büro einen Namen gemacht.

Hild, der zuerst an der Technischen Universität München und dann an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich Architektur studierte, wurde an der ETH stark von dem Konzept der Analogen Architektur von Professor Miroslav Šik beeinflusst. Danach werden Elemente von bestehenden architektonischen Vorbilder verfremdeten und miteinander verbunden eingesetzt. Besonders deutlich zeigt sich die Neuinterpretation an der interssanten und handwerklich ausgefeilten Fassadengestaltung.  

 

 

Bauzentrum Riem (2002)

 

Das städtische Bauzentrum gegenüber den Messehallen in Riembietet Herstellerfirmen von Bauelementen wie Dämmsystemen, Dachziegel, Heizungsanlagen eine Ausstellungsplattform.

Interessierte private Bauherren können sich hier kostenfrei über Materialien und Produkte informieren. Zudem werden hier Vorträge und Schulungen angeboten.

 

 

Hild und K haben haben dafür auf einem nur sechs Meter breiten, L-förmigen Grundstück ein sechsgeschossiges Gebäude mit etwa 3000 Quadratmetern Ausstellungsfläche errichtet. Errichtet wurde das Bauzentrum in Stahlbeton-Fertigbauweise. In den Betonwänden wurden in Richtung Norden – 3,5 mal sechs Meter – große, rahmenlose Fenster  eingesetzt.

Im Inneren verbindet  eine   offenen Treppe an der Fensterseite die sechs Stockwerke. Außer den, entlang des schmalen Gebäude durchgehenden Ausstellungsflächen auf allen sechs Stockwerken befinden sich zudem Büros, ein Vortragssaal und verschiedene Seminarräume ergänzen. Auch die Bereiche im Hof nach Süden und das Dach können als Ausstellungflächen genutzt werden. 

Direkt an der der südlichen Seite des Bauzentrums schließt das ebenfalls von Hild und K geplante Parkhaus an. Es hat 687 Stellplätze, die in einem gelben gestrichenen Inneren über die Stockwerke verteilt sind. Von außen belebt Richtung Westen eine gewellte Gliederung der Betonelemente das Parkhaus.

 

 

 

Forschungsinstitut B.F.T.S. (2004)

Für den Erweiterungsbau des BFTS Forschungszentrum für Spartwissenschaften in der Connolystraße am Olympiadorf waren einige Hürden zu bewältigen. Mit begrenzten und zudem noch während der Erbauung gesenktem Budget war ein Gebäude für verschiedene Seminarräume, Büros, Labors, eine Tierversuchsstation sowie ein Rundfunk- und Fernsehstudio zu planen. 

Das 50 Meter lange Stahlbetonfertigteil-Gebäude wurde mit einem engmaschigen Fassadenraster überzogen. Das Raster lockerte dadurch das Wärmedämmverbundsystem, dass den Standard eines Niedrig-Energiehaus erfüllt, auf. Das Muster wurde durch einfache Mittel gestaltet: Es bestehen ausschliesslich zwei verschiedene Fensterformate, die die unterschiedliche Geschossigkeit des Gebäudes widerspiegeln. Durch dünne Farblasuren , die durch Überlagerungen an den Kreuzungspunkten farblich an Intensität gewinnen sowie durch die Transparenz, durch die die feinkörnige Putzstruktur durchschimmert, wird ein besonderer optischer Effekt erzeugt.

 „Die organisatorische Forderung nach einem strengen Raster wird als Spiel mit Variationen zum Gestaltungsmittel. Anstatt identische Öffnungen monoton zu adidieren, rythmisieren die Architekten mit einer alternierreenden Abfolge schmaler und breiter Fensterformate gleichermaßen die Fassaden wie Innenräume. Durch sich überlagernde, grüne Farbschichten wird die Putzfassade geometrisch gegliedert.“

Nicolette Baumeister, neues München

 

 

 

Louis Hotel, Viktualienmarkt (2009)

Ein Beispiel für das Bauen im Bestand ist das Ende 2009 eröffnete Hotel Louis in der Altstadt. Hild und K Architekten haben im Auftrag der Firma Kustermann bestehende Gebäude mit einer Boutique in ein Hotel mit Ladenpassage umgewandelt, die eine Verbindung vom Viktualienmarkt hin zum Rindermarkt herstellt. Hier mündet sie ins Foyer eines bestehenden Ärztehauses, dessen Fassade ebenfalls saniert wurde. Die Gebäude leuchten nach dem Entfernen einer früheren Verkleidung nun in hellem Grau.

Andreas Hild und Dionys Ottl fanden einen Bezug zur Altstadt, ohne die Anforderungen an modernes Bauen zu vernachlässigen. Sie entschlossen sich zu einer Neuinterpretation unterschiedlicher Münchner Bautraditionen, des Barocks und der Wiederaufbauarchitektur der fünfziger Jahre, augenfällig repräsentiert durch die beiden unmittelbar benachbarten Gebäude am Rindermarkt, das zu Münchens ältester Gemeinde gehörige Peterskirchen-Pfarrhaus und das Kaufhaus Kustermann. Das architektonische Konzept verschränkt beide Stilrichtungen, am eindeutigsten vielleicht auf der Kopfseite des Hotels. Vom Viktualienmarkt sichtbar erzeugt die regelmäßige Anordnung der raumhohen Fenster mit französischen Balkonen eine moderne Anmutung der Fassade. Zugleich sorgen Stuckprofile um die Fensteröffnungen für barocke Bewegtheit. Hier finden sich auch die mächtigen Lettern, die sich als Putzrelief von der dritten bis zur fünften Etage vertikal über die Hauswand ziehen. Sie bilden das Wort „Hotel“ und geben so weithin sichtbar Auskunft über die Nutzung des Gebäudes.

Narrativ ist auch die Ästhetik der Innenausstattung, welche die Architekten im Zuge des Projektes gestaltet haben. Dabei wurde Wert auf Individualität gelegt: Keines der zweiundsiebzig unterschiedlich großen Zimmer gleicht von der Möblierung und vom Zuschnitt her einem anderen. Eine Reihe von selbstentworfenen Möbeln und Accessoires erzählt nun vom Reisen und vom Ankommen. Etwa die Kleiderschränke, die in Form von großen Reisekoffern im Raum stehen. Oder die Fliesen, deren Vorbilder in der Pariser Metro zu finden sind. Durchweht vom Geist der weiten Welt vermitteln die Zimmer zugleich Geborgenheit: Einheimische Hölzer, Stoffe in Naturfarben und Naturstein aus der Region sorgen für eine anheimelnde Atmosphäre und verstärken zugleich den Bezug zum Standort, wie ihn auch die Fassade vermittelt.  

 

 

 

Umbau des Institutsgebäude der TUM, Theresienstraße (2008-2013)

 

Das Institutsgebäude der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der TUM an der Luisenstraße Ecke Theresienstraße war bautechnisch und energietechnisch als auch hinsichtlich des Brandschutzes stark sanierungsbedürftig. Im Rahmen einer größeren Sanierungsmaßnahme der Gebäude der TUM wurde auch für diesen Teil ein Wettbewerb ausgeschrieben. Als Folge daraus  wurde an die Münchner Hild und K Architekten der Auftrag einer Sanierung mit neuer Fassadengestaltung des von Franz Hart 1963 entworfenen Stahlbetonbau vergeben. Dabei sollte die Neugestaltung im Kontext der alten und neuen TU-Gebäude stehen.

Andreas Hild und Diony Ottl haben über Harts Gebäude eine Vormauer aus anthrazitfarbenen Ziegeln gesetzt. Ihre Fassade mit in unterschiedlichen Ebenen ausladenden Mauerpfeiler erzeugen eine geschwungene Dynamik und greift wie die benachbarten Altbauten mit ihren Natursteinarbeiten in den Stadtraum von Luisen- und Theresienstraße ein. Die dunklen, silbern schimmernde Ziegel korrespondieren zu der gegenüberliegenden hellen Sichtziegelwand der Hochvolthalle von Werner Eichberg und Franz Hart (1957-1960). Die silbern-schimmernde Erscheinung wurde durch das „Sintern“ verursacht, indem vor dem Brennen den Ziegeln metallische Pulver beigemischt wurden. Mit ihrer silbernen Erscheinung stellt die neue Fassade auch die optische Verbindung zu dem im Innenhof befindlichen, aluminiumverkleideten Auditorium Maximum von Rudolf Wienand aus den 1990er-Jahren her. 

 

 

Wohnhaus Reichenbachstraße (2008-2010)

 

Im Gärtnerplatzplatzviertel wurde ein Wohnhaus aus dem Jahre 1860 umgebaut und saniert. Obwohl das Haus heute unter Ensembleschutz steht, wollten die Architekten es als Wohnort im Zentrum modernen urbanen Lebens modern gestalten.  Dessen ursprünglich spätklassizistische Fassade war durch bauliche Eingriffe unwiederbringlich zerstört worden. Nicht die angesichts mangelnder Quellen ohnehin unmögliche Rekonstruktion der Straßenansicht, sondern deren architektonische Neuinterpretation war ausschlaggebend für das Sanierungskonzept.

Die dreiteilige Gliederung der Fassade greift ein seinerzeit gängiges Gestaltungsmittel, sogenannte Bossen, auf und verfremdet es zugleich: Mit der Bosse – vom mittelhochdeutschen bozen (schlagen) – ist im Bauwesen das überstehende Material eines Natursteines innerhalb einer Mauer gemeint. Dies kann gezielt als Wandgestaltung eingesetzt werden, indem man zum Beispiel an der fertigen Mauer gezielt die Bossen abschlägt und so ein Facettenmauerwerk erhält.

Durch unterschiedliche Höhe der einzelnen – hier in Putz ausgeführten – überstehenden Elemente entsteht ein wellenförmiges Relief. Diese Fassadenstruktur erzeugt ein je nach Sonnenstand und Blickwinkel differenziertes, eindrucksvolles Schattenspiel. Die ursprünglich antikisierende „Schwere“ der Bossen gerät dadurch in einen reizvollen Gegensatz zur Beweglichkeit der Lichtstimmungen. Das Konzept der freischwingenden Bewegungen wurde in der dritten Dimension mit den organisch geformten, in den Etagen intelligent zueinander versetzte Balkonflächen im Innenhof fortgesetzt.

Im Inneren bleibt die bestehende, bürgerlich repräsentative Raumeinteilung weitgehend erhalten. Teilweise wird auch hier die Belichtung durch neue großzügige Durchgänge verbessert. In Kombination mit  beeindruckenden Raumhöhen, modern interpretiertem Stuck an Decke und Wandflächen, elegantem Fischgrätparkett und profilierten Doppelflügeltüren ergibt sich auch hier der Eindruck eines „zeitgenössischen Altbaus“. Im Sinne der ökologischen Nachhaltigkeit liefert eine Solarthermieanlage einen erheblichen Teil der zur Warmwasserversorgung des Gebäudes benötigten Energie.

„Statt der Reproduktion historischer Gestaltungselemente wird hier der vorgefundene Bestand einer Metamorphose unterzogen und in der notwendigen Auseinandersetzung mit dem Ort, dem Kontext und der Bauaufgabe eine zeitgemäße Architektursprache für die Umgebung des Bauwerks gefunden.“

(Heinz Wirz, Hild und K)

 

 

Das „Giesinger“ (2009-2011)

 

Das Bürogebäude in Obergiesing direkt am Mittleren Ring ist in einer Struktur aus Beton und Metall eingeflochten. Weil die Landeshauptstadt München nicht so recht glücklich mit einer Errichtung des „Giesinger“ ohne Bebauungsplan war, schrieb der Investor Park Immobilien GmbH & Co. KG einen Wettbewerb für die Fassade des Büroriegels an der Tegernseer Landstraße aus. Den realisierten Siegerentwurf von Hild und K Architekten können seit vergangenen Jahr nun die Autofahrer des Mittleren Rings bestaunen. „Jedes Material, jedes System hat eine ihm innewohnende Logik“, erläutert Andreas Hild in der aktuellen Ausgabe des „Baumeister“. „Als Architekt habe ich die Aufgabe, diese Logik zu finden – zumindest die Möglichkeiten auszuloten und ihre Grenzen zu erforschen.“

 

 

Für die Fassade des fast 300 Meter langen Bauriegels des Giesinger setzten Hild und K auf das Material gegossener Betonteile und Metall, die sie – ähnlich den Bändern eines Korbs – miteinander verflechteten. Nach dieser Logik des Über einem zweigeschossigen braunen Betonsockel, wurde ein darüberkragender schneeweißer Gebäudeteil gesetzt. Davon grenzt sich der braune Gebäudequader ab, in dem unter anderem das Motel One untergebracht ist. Die braune Farbe des gesäuerten Betons wurde durch die Zugabe von Sand und Pigmenten erzeugt. Die strahlend weiße Fassade ergibt sich durch die Verkleidung mit in unterschiedlichen Weißtönen pulverbeschichteten Aluminiumblechen.

Auch an die Nutzer der Waben wurde gedacht: Eine Isolierverglasung sorgt für hohe Schalldämmwerte, eine außen liegende Jalousie für Sonnenschutz.

 

 

 

 

 

Weitere Informationen:

Heinz Wirz (Hrsg.): Hild und K, Luzern 2011

Nicolette Baumeister:Architektur – neues München, 2008