Architekturpreis: Vertikaler Wald in Mailand erhält Hochhauspreis

Der Projektentwickler Hines Italia erhielt mit seinem nach Plänen des Architekturbüro Boeri Studio erbauten Wohnhochhaus-Duo Bosco Verticale in Mailand den Internationalen Hochhaus Preis 2014. Der Sieger konnte sich gegen eine Konkurrenz von über 800 Bewerbungen durchsetzen.

 

 

Mit dem Bosco Verticale – der erste vertikale Wald Europas, eine Symbiose von Architektur und Natur, hält der zur Zeit beobachtete Trend zum Wohnhochhaus weiter an. Unter den vier Finalisten zeichnete sich zum Beispiel auch das „One Central Park“ in Sydney, Australien des Pariser Stararchitekten Jean Nouvel durch die Verbindung von Natur und Wohnen in der „vertikale“ aus.

Doch die Jury des Internationalen Hochhaus Preises (IHP) 2014 hat einstimmig entschieden: Die Wohnhochhäuser Bosco Verticale in Mailand/Italien gewinnen den mit 50.000 Euro dotierten Wettbewerb um das weltweit innovativste Hochhaus. Das Architekturbüro Boeri Studio (Stefano Boeri, Gianandrea Barreca, Giovanni La Varra), heute Stefano Boeri Architetti und Barreca & La Varra, und Bauherr Manfredi Catella (Hines Italia SGR S.p.A.), nahmen die Preisstatuette und das Preisgeld heute im Rahmen eines Festakts in der Frankfurter Paulskirche entgegen. Überreicht wurde der Preis von Prof. Dr. Felix Semmelroth, Dezernent für Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main, und Dr. Matthias Danne, Immobilien- und Finanz-vorstand der DekaBank. Mit Bosco Verticale wurde ein Projekt aus-gezeichnet, das Pionierarbeit für die Bepflanzung von Hochhäusern geleistet hat und als Prototyp für die Städte von morgen gelten kann.

Aus über 800 Hochhäusern, die innerhalb der letzten zwei Jahre weltweit fertiggestellt wurden, hat das Deutsche Architekturmuseum (DAM) 26 herausragende Gebäude aus 17 Ländern nominiert. Eine internationale Expertenjury aus Architekten, Tragwerksplanern und Immobilienspezialisten wählte daraus fünf Finalisten.

Der Internationale Hochhaus Preis wird seit 2004 alle zwei Jahre von der Stadt Frankfurt am Main ausgelobt. 2012 gewann Christoph Ingenhoven mit einem Bürohochhaus in Sydney. Initiiert wurde der IHP 2003 gemeinsam von der Stadt Frankfurt, dem Deutschen Architekturmuseum und der DekaBank. Finanziert wird er vom Deutschen Architekturmuseum und der DekaBank. Im Jahr 2014 wird er zum 6. Mal verliehen. Kriterium ist, dass das Gebäude Nachhaltigkeit, äußere Form und innere Raumqualitäten wie auch soziale Aspekte zu einem vorbildlichen Entwurf verbindet. Der IHP richtet sich an Architekten und Bauherrn, deren Gebäude mindestens 100 Meter hoch sind und in den vergangenen zwei Jahren fertiggestellt wurden.

Der diesjährige Gewinner überzeugte die Jury auf mehreren Ebenen: Die beiden begrünten Wohnhochhäuser basieren auf einfachen rechteckigen Grundrissen und sind mit 19 bzw. 27 Stockwerken (80 Meter und 112 Meter) unterschiedlich hoch. Jede der 113 Wohnungen hat Zugang zu mindestens einer Terrasse, die einem kleinen Garten oder einem kleinen Waldstück gleicht: Mehrere hundert Bäume, durchmischt mit Stauden, Sträuchern und Bodendeckern wachsen an den Fassaden. Die Pflanzen sorgen für eine natürliche Klimatisierung der Wohnungen und bieten den Bewohnern eine außergewöhnliche Wohnqualität. Die Pionierarbeit, die für die Bepflanzung einer Hochhausfassade in Europa notwendig war, wurde von Boeri Studio zusammen mit den Botanikern und Landschaftsplanern Laura Gatti und Emanuela Borio entwickelt.

„Bosco Verticale ist ein wunderbares Projekt! Es ist Ausdruck des allumfassenden menschlichen Bedürfnisses nach Grün. Die ‚bewaldeten Hochhäuser‘ sind ein anschauliches Beispiel einer Symbiose von Architektur und Natur“, so das Urteil der Expertenjury unter dem Vorsitz des letzten IHP-Preisträgers Christoph Ingenhoven. Das Projekt sei definitiv ein Vorbild für die Bebauung dichter Gebiete in anderen europäischen Staaten. Die beiden verhältnismäßig kleinen Wohntürme sind Teil einer umfangreichen Quartiersentwicklung im Mailänder Norden. Neben der hohen skulpturalen Qualität und der innovativen Begrünung beeindruckten die Doppeltürme von Boeri Studio auch kontextuell: Die Lobbys bieten den Bewohnern nicht nur einen Eingangsbereich für gemeinschaftliche Nutzungen, vielmehr sind sie direkt an den künftigen Park angebunden und gehen visuell in diesen über, wodurch die vertikale Bepflanzung fortgeführt wird. 

Das Projekt wurde von Hines Italia SGR S.p.A., entwickelt, einem unabhängigen Marktführer im Bereich Assetmanagement für Immobilienfonds im Auftrag von italienischen und internationalen institutionellen Anlegern, der seinen Hauptsitz in Mailand hat und seinen Fokus auf Sanierungs- und Stadterneuerungsprojekte legt. CEO von Hines Italia ist Manfredi Catella, der zusammen mit dem Architekten Stefano Boeri den Preis entgegengenommen hat.

In dem Bosco Verticale, dem „vertikale Wald“ im Herzen von Mailand, einer der am stärksten verschmutzen Städte Europas, gedeihen bis hinauf zum 27. Obergeschoss gedeihen insgesamt 900 Bäume von drei bis sechs Metern Höhe sowie 5.000 Sträucher und 11.000 Blütenpflanzen. Das Gebäude soll neue Maßstäbe für nachhaltiges Wohnen setzen. Bosco Verticale ist ein neues „Wachstumsmodell“ für Revitalisierungen in urbanem Umfeld: Es bietet einen biologischen Lebensraum von rund 40.000 Quadratmetern. In Anbetracht der stetig zunehmenden Luftverschmutzung in Mailand soll dieses Projekt eine größere urbane Biodiversität schaffen. Die große Pflanzenvielfalt dieser Gebäude fördert die Energieerzeugung. Die einzelnen Pflanzen produzieren Sauerstoff und Feuchtigkeit und absorbieren gleichzeitig CO2 und Staubpartikel. Damit sorgen sie für ein besseres Mikroklima.

In beiden Wohntürmen gibt es vielfältige Wohnungstypen, von Zwei-Zimmer-Wohnungen über Maisonnette-Wohnungen bis hin zu Penthäusern. Wesentliches Merkmal der Gebäude sind jedoch die Balkone, welche schubladenartig um 3,35 Meter auskragen, um die großzügigen Balkongärten aufzunehmen. In der Planung sind auch Photovoltaik-Systeme berücksichtigt, welche dafür sorgen, dass die Türme energetisch in hohem Maße autark sind.

Gemeinsam haben sich die  Gewinner des IHP 2014 entschieden, die Preissumme in Höhe von 50.000 Euro für die Umsetzung von gemeinnützigen Projekten im Isola Viertel in Mailand zu verwenden, in dem sich auch der „Vertikale Wald“ befindet.

 

 

Während der Preisverleihung wurden auch die übrigen vier Finalisten geehrt:

„De Rotterdam“ in Rotterdam, Niederlande (151,3 Meter) von Office for Metropolitan Architecture (OMA) aus Rotterdam (großes Bild rechts, senkrechtes Format Mitte)

„Renaissance Barcelona Fira Hotel“ in Barcelona, Spanien (105 Meter) von Ateliers Jean Nouvel aus Paris (2. großes senkrechtes Bild)

Sliced Porosity Block in Chengdu, China (123 Meter) von Steven Holl Architects aus New York (Bild links)

„One Central Park“ in Sydney, Australien (64, 5 Meter und 116 Meter) von Ateliers Jean Nouvel aus Paris großes Bild unten)

Weitere Informationen:

Internationaler Hochhauspreis 2012: Ingenhoven gewinnt mit Bürohochhaus in Sydney

 

Quellen: Pressemeldung Internationaler Hochhauspreis (Deutsches Architekturmuseum, Deka Bank) 19.11.2014; Arup 20.11.2014

 

Bilder:  Bosco Verticale, Mailand
Architekten: Boeri Studio
Bauherr: Hines Italia SGR S.p.A.
© Foto: Kirsten Bucher; © Foto: Paolo Rosselli

De Rotterdam, Rotterdam
Architekten: Office for Metropolitan Architecture (OMA)
Bauherr: De Rotterdam CV
© Foto: OMA, Fotograf: Ossip van Duivenbode

Renaissance Barcelona Fira Hotel, Barcelona
Architekten: Ateliers Jean Nouvel, Paris, und RIBAS & RIBAS Arquitectos, Barcelona
Bauherr: Hoteles Catalonia
© Foto: Roland Halbe

One Central Park, Sydney
Entwurfsarchitekten: Ateliers Jean Nouvel, Paris
Verantwortliche Kontaktarchitekten: PTW Architects, Sydney
Bauherr: Frasers Property Australia; Sekisui House Australia
© Foto: Simon Wood