Der Minimalist

Das Architekturmuseum in Pinakothek der Moderne zeigt bis Mitte Mai eine Auswahl von Werken des berühmten Architekten und Designers John Pawson. Der Brite gilt als führender Vertreter des Minimalismus. Die Spannweite seiner Arbeit reicht von Modeshops über Yachten bis zu privaten Häusern und öffentlichen Kirchen und Klöster.

 

John Pawson wurde 1949 in Halifax, Yorkshire geboren. Ohne Schulabschluss verbrachte er zunächst  einige Jahre im familieneigenen Textilgeschäft, erkannte aber, dass er nicht über den Geschäftssinn seines Vaters verfügte. Nach längeren Reisen durch Indien und Australien,ging er für mehrere Jahre nach Japan, um dort Englisch an der Business University von Nagoya zu lehren. Das letzte Jahr in Japan war er in Tokyo, wo er viel Zeit im Studio des japanischen Designers und Architekten Shiro Kuramata verbrachte.

 

Weil im das Geld ausging und das Leben in Japan zu teuer war, kehrte er nach Großbritanien zurück und begann 1979 in London mit dem Studium an der Architectural Association. Pawson brach das Studium jedoch im dritten Jahr ab, und nahm einen Auftrag des galeristen Leslie Waddingtons für eine Galerie an und eröffnete sein eigenes Büro.

Pawson Bauten und Objekte zeichnen sich durch eine Kunst des Weglassens aus, sie faszinieren durch die reine Wirkung von Raum, Proportion, Licht und Material. Beeinflusst von japanischer Kultur und minimalistischer Kunst definiert Pawson seine Vorstellung vom Minimum als Perfektion und Qualität, die entstehen, wenn jedes Detail und jede Verbindung auf das Wesentliche reduziert wird. Zu seinen ersten Aufträgen gehörten die Innengestaltung der Wohnung des Schriftstellers Bruce Chatwin, der Operndirektor Pierre Audi und des Kunsthändlers Hester van Royen sowie der Kunstsammlerin Doris Lockhart Saatchi. Zudem gestaltete er Kunstgalerien in London, Dublin und New York. Die Spannbreite seiner folgenden Arbeiten reicht von Calvin Klein´s Flagship store in Manhattan und Flughafen Lounges für Cathay Pacific in Hong Kong.

Mit Modellen, großformatigen Fotografien, Materialstudien und Objekten gibt die Ausstellung einen Überblick zum Werk John Pawsons und zeigt das Phänomen der „Leere“ auf. Vorgestellt werden unter anderem sein eigenes Wohnhaus in London (1999), das Zisterzienserkloster Novy Dvur in Tschechien (2004), die Fußgängerbrücke Sackler Crossing in Kew Gardens in London (2006), das Stone House für die Triennale in Mailand (2010) sowie die zurzeit in Planung befindliche Innenraumgestaltung der St.-Moritz-Kirche in Augsburg, Pawsons bislang einziges öffentliches Projekt in Deutschland. 

 

Pawson House in London

Bauvorgaben und Regularien der Städteplanung verboten Änderungen in der Gestaltung der Front dieses Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert im Westen von London. Wegen dieser Restriktionen wurden Änderungen nur im Inneren und in der Rückseite des Gebäudes vorgenommen. Allerdings wurden im Rahmen des möglichen radikale Neugestaltungen durchgeführt: „Floor layouts are radically redrawn to give the maximum amount of unencumbered space, while cuts made to the envelope allow natural light into the full depth of the plan. At the top of the house a glazed slot running the length of the ceiling allows light to spill down a triple-height staircase. Outside the conventional street elevation gives only a tantalising glimpse of the new life which has been flipped into the frame of the old.“

 

 

 

 

 

Zisterzienserkloster Novy Dvur

 

1999 wurde Pawson von Zisterzenser Mönche zur Gestaltung eines neuen Klosters in Böhmen beauftragt. Die Arbeit kombiniert erhaltene Elemente des ursprünglich barocken Klosterklomplexes mit einer völlig neuen Architektur. Währen einige Teile der Architektursprache ohne Vorbild sind, wurde für andere Elemente auf die Order des heiligen Bernhard von Clairvaux zurückgegriffen, der bereits im zwölften Jahrhundert eine Vorlage für die Qalität von Licht und Proportion und die Einfachheit der Architektur festgeschrieben hatte. Die Klosteranlage, die sich durch die Helligkeit der Räume und Wärme der Materialien wie Holz auszeichnet, wurde 2004 fertig gestellt.

 

 

 

 

Sackler Crossing, Royal Botanic Gardens, Kew, 2006 

 

2004 wurde von einer Kommission der Bau einer Brücke über den See im    Royal Botanic Gardens, Kew beschlossen. Der Wunsch des klassischen Englischen Landschaftsarchitekten  Capability Brown nach einer  Sinuskurve der Gnade wurde für die Brücke aufgegriffen. Die Brücke schwebt in einer minimalen Höhe über der Oberfläche des Sees, so dass Spaziergänger das Gefühl vermittelt wird, sie gehen auf dem Wasser

 

 

 

 

St Moritz in Augsburg

Mit der Neugestaltung von St. Moritz in Augsburg durch das Architekturbüro John Pawson wird der Kirchenraum als solcher zum Ausdruck für die befreiende Botschaft des christlichen Glaubens. Die neue Lichtführung zeigt:‚Ä®Gott ist Licht - ein Licht, das nicht Gegenpol zur Finsternis ist, sondern Licht und Dunkelheit umgreift. Die Reduktion der Materialien macht deutlich:‚Ä®Nicht im Vielen findet der Mensch seine Freiheit, sondern im Schauen auf das Wesentliche. Die klare, symmetrische und anerkennende Ausrichtung des ganzen Raumes überzeugt. ‚Ä®Der Mensch braucht zu allen Zeiten die innere Ausrichtung auf ein Ziel, das er nicht mit eigener Anstrengung erreichen kann, sondern das ihm bereits im Hier und Jetzt entgegen kommt.

Für St. Moritz lässt sich das beispielhaft belegen. Mit ihrer nun beinahe 1000-jährigen Geschichte ist diese Kirche ein Zeichen für eine Wirklichkeit, die dem Menschen zwar immer ganz fremd und doch auch zutiefst vertraut ist - früher wie heute. Sich dieser Wirklichkeit anzunähern, hat jede Zeit ihre eigene Sprache. Der Kirchenraum von St. Moritz ist angefüllt mit Texten und Worten dieser Sprachen vergangener Zeiten. Immer wieder wurde interpretiert, überschrieben, Altes neu ausgesprochen und Neues dazu erzählt. Im Grunde aber hat der konkrete Bau eine unveränderliche Aussage. Um diese Aussage geht es bei der Neuinterpretation des Kirchenraumes durch das Büro John Pawson zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

 

Wir tragen eine Verantwortung für einen der ältesten Kirchenbauten Augsburgs. Die Neugestaltung von St. Moritz ist Respekt vor der komplexen Vergangenheit, aber auch Bekenntnis für die Zukunft der Kirche.

St. Moritz ist eine mittelalterliche Wegekirche. Als dreischiffige romanische Basilika mit später hinzugefügtem, hohem gotischen Chor ist der Bau radikal nach Osten ausgerichtet. ‚Ä®Man betritt die Kirche von Westen her kommend und erfährt einen hohen und schmalen Raum, der einen klaren Weg vorgibt. Der Raum hat im Osten verschiedene Abschlüsse, denen zentrale Bedeutung zukommt. Diese einfache Grundstruktur soll bei der Neugestaltung herausgearbeitet und betont werden.‚Ä®Dazu werden folgende Maßnahmen durchgeführt:‚Ä®- Die Kirche soll vom Westen durch das bisher meist verschlossene Hauptportal betreten werden. Nebeneingänge werden entweder geschlossen oder als Notausgänge neu definiert. ‚Ä®- Ein Hauptaugenmerk liegt auf der Gestaltung des Chores mit der Apsis, sowie auf den anderen östlichen Abschlüssen des Raumes. Unter der ersten Kuppel nach der Apsis werden die Kirchenbesucher auf einer großen Treppenanlage stehend eine Figur des berühmten Augsburg Bildhauers aus dem 17. Jahrhundert, Georg Petel, wahrnehmen. Theologisch betrachtet ist es die bedeutendste aus dem reichen, noch erhaltenen Skulpturenschatz von St. Moritz. Sie stellt Christus als den auferstandenen und wiederkommenden Salvator (Heiland) dar, der mit einer geradezu atemberaubenden Dynamik vom Ende der Treppe den Menschen mit offenen Armen entgegen kommt. Ein Bild des entgegenkommenden Gottes im umfassenden Sinn! Hinter dieser großartigen Darstellung aber öffnet sich die Apsis als reiner Lichtraum - ein Hinweis auf das nicht darstellbare und unaussprechliche Geheimnis Gottes, dessen dreifaltiges Wesen allenfalls durch die wahrnehmbaren großen Fenster der Apsis symbolisiert sein könnte, welches jedoch in Jesus Christus, dem Menschensohn, konkret erfahrbar wird. Letztlich ist dies eine Neuinterpretation des ehemaligen Hochaltares. ‚Ä®Daneben werden auch der Abschluss des nördlichen Seitenschiffes, sowie der Abschluss der so genannten Langenmantelkapelle im südlichen Seitenschiff in das Konzept miteinbezogen. In diesen werden nämlich das große Kreuz und die Silbermadonna aus dem Kirchenschatz von St. Moritz ihren Platz finden. Es entstehen die Kreuz- und die Marienkapelle, die zur persönlichen Andacht einladen. 

 

John Pawson

Pinakothek der Moderne

01.03.2012 - 20.05.2012

 

 

 

 

 

Bilder: Farbige Fotos von Jens Weber, schwarz-weiß Porträt von Orla Connolly/ via Architekturmuseum