Schwerter zu Pflugscharen, Kasernen zu Wohnungen

München war eine der größten Garnisonsstädte Deutschlands. Seit 1990 werden die ehemaligen Militäranlagen nach und nach in Wohnquartiere verwandelt oder gewerblich genutzt. Eine Ausstellung in der Rathausgalerie dokumentiert die Entwicklung.

 

Wenn statt Panzer Bagger über das Gelände rollen, ist der größte Kraftakt schon vollzogen. Die Ausstellung „München: Quartier beziehen“ in der Rathausgalerie zeigt die Umwandlung von acht ehemaligen Militärarealen und gibt einen Ausblick auf künftige Entwicklungen.

 Der Bau der umfangreichen Kasernenanlagen ist historisch gewachsen. Die ersten Kasernen wurden von Kurfürst Max Emanuels für das erste feststehende Heer in Bayern vor dem Schwabinger Tor (Odeonsplatz) angelegt. Später entstand auf der heutigen Museumsinsel die Isarkaserne. Nach der Säkularisierung von 1802 werden neue Unterkünfte für Soldaten in früheren Kirchenanlagen eingerichtet. 1825 besteigt Ludwig I. den Thron und reduziert die Militärausgaben. Der Ausbau der Türkenkaserne wird gestoppt, auf weitere Kasernenneubauten wird verzichtet. 

Maximilian II. plant den Kasernenneubau nach Berliner und Wiener Vorbild. Die Neue 
Isarkaserne wird erweitert, eine Reitschule und ein Zeughaus auf dem Oberwiesenfeld gebaut.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg und der Reichsgründung wird der Militärstandort München umfangreich ausgebaut und  modernisiert. Das Militär zieht sich aus der Innenstadt zurück, neue Standorte auf dem Oberwiesenfeld und dem Marsfeld werden erschlossen. Kasernen für die Telegraphentruppe, die 
Eisenbahnpioniere, die Luftaufklärung und die Wohnanlage für Bedienstete – die Barbara-Siedlung in Schwabing entstehen. München wird, nach Berlin, zur größten Garnisonsstadt in Deutschland. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs hat die Bayerische Armee eine Präsenzstärke von 90.000 Mann.

Nach Ende des Kriegs wird diese Armee in die Reichswehr übernommen. 1927 entsteht auf dem Oberwiesenfeld der erste Flughafen Münchens. Die Nationalsozialisten  beginnen ein umfangreiches Bauprogramm für militärische Einrichtungen. In München werden zwischen 1933 und 1938 sieben Kasernen neu errichtet, vorhandene Areale werden ausgebaut und weiter militärisch genutzt. 

Die neu errichteten und zum größten Teil nicht bombardierten Kasernenanlagen 
werden nach Ende des Zweiten Weltkriegs von der US-Armee übernommen, so die Henry-Kaserne (heute: Bayernkaserne) und 
die Luitpoldkaserne. Die Amerikaner nutzen weitere Bauten als Depots 
(Alabama-, Indiana-, Virginia- und Texas-Depot). Nach der Gründung der Bundeswehr 1955 werden die Münchner Kasernen schrittweise 
an die Bundeswehr übergeben. Auf dem Areal der fast völlig zerstörten Max-II-Kaserne entstehen Wohnanlagen in der Hilble-, Schachenmeier-, und Pfänderstraße. Im Namrn des Viertels im Bezirk Neuhausen-Nymphenburg – dem Bezirksteil Alte Kaserne lässt sich die Herkunft noch herauslesen. Wo die Türkenkaserne stand, findet man heute Institute der Ludwig-Maximilians-Universität, die Pinakothek der Moderne sowie das Museum Brandhorst. Das Oberwiesenfeld wird Austragungsort für die Olympischen Spiele 1972. 

Nach der Wiedervereinigung 1990 und dem Ende des Kalten Krieges orientiert sich die Bundeswehr neu. Die Truppenstärke wird radikal reduziert, viele Standorte geschlossen. Von den 13 großen Standorten der Garnison München sind heute nur noch drei von der Bundeswehr belegt: die Ernst-von-Bergmann-Kaserne an der Neuherbergstraße, die Fürst-Wrede-Kaserne an der Ingolstädter Straße und das Bundeswehrverwaltungszentrum an der Dachauer Straße. Der Münchner Stadtrat beschließt 1992 die Einleitung von städtebaulichen Entwicklungsmaßnahmen für eine Reihe militärischer Konversionsflächen der Bundeswehr.

Die meisten Kasernenanlagen liegen im Norden der Stadt.Hier der Überblick:

 

1.Nordheide

Am Rande der „bayerischen Tundra“ mit ihren Golddisteln, Frauenmantel-Gewächsen, Felsennelken und Graslilien entstand das neue Viertel Nordheide, wo früher Panzer rollten. Es entstand das Einkaufszentrum Mira mit der Fassadengestaltung von Léon Wohlhage Wernik Architekten, die Studentenwohnungen von bogevischs büro am Felsennelkenanger (Bild links) und das Dominikuszentrum von Andreas Meck.

Der Truppenübungsplatz Panzerwiese in der Nordheide an der Neuherbergstraße wurde 1990 von der Bundeswehr freigegeben und von 1998 bis 2011 zu einem Quartier mit Studentenwohnheim sowie 2500 Wohnungen für 5500 Bewohner umgewandelt. 

 

2.Ackermannbogen

 

Das Wohnquartier am Ackermannbogen ist bereits zu drei Viertel fertiggestellt. Die Ansprüche sind durch die gelungene Bebauung der ersten Bauabschnitte hoch. So haben die Münchner 03 Architekten mit dem Gebäude am Gustav-Landauer-Bogen bewiesen, dass geförderter Wohnungsbau eine Vielfalt von Haushaltsformen unter einem Dach zulässt. Auch andere namhafte Münchner Architektenbüros wie fink + jocher oder Andreas Meck sind mit Wohnungsbauten vertreten. Die Stadt München entwickelte hier am Ackermannbogen ein erstmaliges und bisher einmaliges Pilotprojekt in Deutschland mit der Vorgabe einer Solarwärmeanlage. Interessant wurde das Konzept beispielsweise am Centa-Herker-Bogen von der Concept Bau mit einem ausgeklügelten Niedrigenergiehaus umgesetzt. Große Solarflächen auf den Dächern und auf ein unterirdischer Wärmespeicher mit 5,7 Millionen Liter Wasservolumen garantieren umweltfreundliche Energie.

Die Stettenkaserne wurde 1995 und die Waldmannkaserne 1996 von der Bundeswehr freigegeben. Von den geplanten vier Bauabschnitten wird der letzte bis 2015 fertiggestellt sein. Es werden dann etwa 4000 Menschen in etwa 2250 Wohnung leben.

  

3.Funkkaserne

Die militärische Einrichtungen am Frankfurter Ring wurde 1994 von der Bundeswehr freigegeben. Die Bebauungspläne (Bild rechts) sind rechtsverbindlich, die Ausschreibung und Vermarktung der Wohn- und Gewerbegrundstücke soll 2013 abgeschlossen und der Baubeginn dieses Jahr erfolgen. Es sollen unter anderem ein Kunsthof, Kitas etwa 1600 Wohnungen entstehen. 

Im Januar 2012 entschied ein von der GEWOFAG ausgelobter Architektenwettbewerb über die Bebauung im nördlichen Abschnitt der Funkkaserne beziehungsweise des Domagkquartiers. Die GEWOFAG baut rund 420 Wohnungen und soziale Einrichtungen. An dem Realisierungswettbewerb hatten sich 18 Planungsteams beteiligtt. Das Preisgericht unter dem Vorsitz von Prof. Manfred Ortner entschied sich einstimmig für den Entwurf des Architekturbüros Léon Wohlhage Wernik, Berlin, mit Atelier LOIDL Landschaftsarchitekten, ebenfalls Berlin (Bild links).

 

4.Kronprinz-Ruppert-Kaserne

Zwischen 1936 und 1940 wurde hier eine Depotanlage für das Heeresverpflegungsamt errichtet. Die Kronprinz-Rupprecht-Kaserne wurde erst zwischen 1958 und 1962 erbaut und wurde dann von der Bundeswehr genutzt.  Die Depotanlage wurde später durch das amerikanische Militär in das Alabama- und das Virginia-Depot aufgegliedert.

Die Kaserne und das ehemalige Virginia-Depot an der Schleißheimer Straße erklärte die Bundeswehr 1994 beziehungsweise 2001 die Freigabe. Teilbebauungspläne sind in der Umsetzung oder in Planung. So soll dieses Jahr mit der Erweiterung des BMW FIZ – dem Forschungs- und Informationszentrum des Automobilkonzerns BMW (siehe Bild links) – begonnen werden.  

Zudem soll hier Anfang 2013 mit dem Bau eines Gymnasiums begonnen werden. Der Architektenwettbewerb wurde bereits zugunsten der Gessert + Randecker Architekten mit Hackl Hofmann Landschaftsarchitekten entschieden (siehe rechts).

 

5.Prinz-Eugen-Kaserne

 

Über drei Millionen Schuttraum aus 35 Kasernengebäuden und 18 unterirdische Schutzräume der ehemaligen Prinz-Eugen-Kaserne wurden bereits geräumt. Das Gelände ist nun reif für die Bauerschließung, auch wurde bereits 2008 durch einen städtebaulicher Wettbewerb die Weichen für den neuen Bebauungsplan gestellt. Der 1. Preis ging an den Entwurf der GSP Architekten zusammen mit Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten. Sie bildet die Basis für das neue Wohnquartier Prinz-Eugen-Park.

Die Militärquartiere an Cosimastraße in Oberföhring wurde 2002 freigegeben. 2012 wurde der Bebauungsplan verabschiedet. 2015 entschied sich ein Wettbewerb der GEWOFAG für ihren Teil des Prinz-Eugen-Parks. Zudem startete die Landeshauptstadt mit der Ausschreibung für Baugemeinschaften.

 

 

6.Luitpoldkaserne

Ausgehend von der Luitpoldkaserne und den beiden Industriedenkmälern Jutier- und Tonnenhalle soll ein neues, etwa 20 Hektar großes Viertel mit rund 900 Wohnungen und Raum für Kultur- und Kreativwirtschaft entstehen. Seit einigen Jahren nutzen Kulturinstitutionen das benachbarte Schwere-Reiter-Areal in der Luitpoldkaserne, darunter befinden sich vor allem Unternehmen aus den Bereichen Neue Medien und Werbung. Die Stadt veranstaltete daher Werkstattgespräche zur Entwicklung eines Kreativquartiers mit Kulturschaffenden, Bürger sowie Fachleuten und lobte einen offenen Ideenwettbewerb für die Bespielung der Jutier- und der Tonnenhalle aus. Auch die weitere Entwicklung soll von öffentlichen Veranstaltungen begleitet werden.

Voraussichtlicher Baustart: 2015

 

 

7.Bayernkaserne

Für die 2009 vom Bund freigegebene Kaserne in der Heidemannstraße in Freimann fand Mitte 2014 ein städtebaulicher Wettbewerb statt. Geplant ist der Bau von 4000 Wohnungen, Schulen und Kitas sowie Einrichtungen der Nahversorgung.  Das Ergebnis eines städtebaulichen und landschaftsplanerischen Wettbewerbs soll bis Mitte 2013 feststehen.Dabei soll der Baumbestand und die mageren Wiesenbestände im Planungskonzept berücksichtigt werden.

 

 

8.Fürst-Wrede-Kaserne

Der Südteil der Fürst-Wrede-Kaserne in Freimann wird noch militärisch genutzt, der Nordteil wurde 2007 an den FC Bayern verkauft. Künftig sollen sportliche Disziplinen wie Handball, Fußball, Turnen und Bogenschießen des FC Bayern, die bislang quer über die Stadt verteilt sind, auf dem neuen Sportgelände für Amateuer- und Jugendsport untergebracht werden. Das Planungsbüro Albert Speer & Partner und Mahl Gebhard Konzepte sollen hier eine Sporthalle für bis zu 5000 Zuschauer und zwei Dreifachsporthallen für 200 und 500 Zuschaer mit Sitzplätzen, sieben Sportplätze und weitere Einrichtungen entstehen.

Im Südteil befindet sich die Bundeswehrfachschule Fürst-Wrede-Kaserne mit 1300 Soldaten/innen und 300 zivile Mitarbeiter. Unterhalten werden die Kasernen bis 2028 durch die Hochtief Solutions – dies gilt als erste öffentlich-private Partnerschaft der Bundesrepublik im Bereich Hochbau.

 

 

München: Quartier beziehen

Wohnen und Leben auf früheren Militärflächen

Zeit: 11. Januar bis 28. Februar 2013, täglich 11 bis 19 Uhr

Ort: Rathausgalerie, Marienplatz 8

Ticket: Eintritt frei
 

 

Weitere Informationen:

Ausstellung: Quartier beziehen