Bausünden: Mut zum häßlichen Entlein

Die Berliner Kunsthistorikern frönt einer ungewöhnlichen Leidenschaft: Sie sammelt sammelt sich architektonische Scheußlichkeiten. Nun hat Fröbe diese Arbeit ausgewertet und das Buch „Die Kunst der Bausünde“ veröffentlicht.  

 

Fröbe hat in 120 Städten zwischen 3500 und 4000 Objekte geknipst, die Ihrer Ansicht nach besonders schöne Exemplare der Bausünden darstellen. Architektonische Mißgeburten aus Beton oder Ziegel, die zum Gespött ihrer Schöpfer wurden. 

Die Autorin bricht eine Lanze für diese Objekte. Die Bausünde wurde ihrer Ansicht lange missachtet und unterschätzt. Sie galt als hässlich und austauschbar.

Nach Meinung Fröbes zu Unrecht! Denn Bausünde ist nicht gleich Bausünde! Manches, was landläufig als Bausünde bezeichnet wird, ist nur aus der Mode geraten, einiges wurde bereits als Bausünde geplant und anderes wiederum ist erst nachträglich durch Anbauten, Überformung oder Anstrich in den Stand der Bausünde erhoben worden.

So unterschiedlich wie ihre Genese ist auch ihre architektonische Qualität. Für Turit Fröbe unterliegt die Auswahl, was eine gute Bausünde ist, harten Kriterien.

Ein wichtiges Kriterium ist der emotionale Faktor. Es sollte ein Gebäude sein, das den Volkszorn erregt und eine starke Bildqualität hat. Je mehr Ablehnung und Unverständnis sie beim Betrachter auslöst, je größer ihr Störfaktor im Stadtbild, desto wahrscheinlicher ist es, dass es sich um eine gute Bausünde handelt, die eine Bereicherung für ihre Stadt sein kann. Denn eine gute Bausünde hebt sich souverän aus dem unendlichen Meer der schlechten Bausünden ab und besitzt bei genauerer Betrachtung sogar eine gewisse Schönheit und einen ureigenen Charme. 

Auf hässliche Architektur können sich die meisten Menschen auch einfach gut einigen. Eine gute Bausünde ist ein Störfaktor in ihrer Umgebung: Wer hat denn das genehmigt, fragt man sich. Etwa, eine Hamburger Kirche, die einem Hochbunker gleicht (Bild oben links) oder ein Wohnhaus in Augsburg (Bild links), in dem sich keine Fenster befinden.

Weiterer Indikator für eine Bausünde laut Fröbe: Der Volksmund gibt solch einem Bau einen Spitznamen. So etwa die Fußgängerüberführung in Gießen mit grotesk großen Löchern, die als „Elefantenklo“  (siehe Bild links unten) verschrien ist.

Schlechte Bausünden sind laut Fröbe dagegen Investorenbauten im Stil einer  gesichtslosen und austauschbaren Einheitsarchitektur. Falls sie überhaupt im Gedächtnis hängenbleiben, erzeugen schlechte Bausünden nur Gähnen und Langeweile.

Interessanter sind da schon sichtbare Ärgernisse. Deshalb fotografiert die Kunsthistorikerin seit zwölf Jahren lieber gute Bausünden. 2007 hat sie damit einen Kalender zusammengestellt. Der doppeldeutige Titel: Abreisskalender mit 365 Bausünden. 

 

Turit Fröbe: Die Kunst der Bausünde;

Quadriga Verlag, 2013; Hardcover; 16,99 Euro

 

 

 

 

 

Bilder: © Die Kunst der Bausünde, Turit Fröbe; Quadriga Verlag; wikipedia: Klaus Föhl (Fußgängerbrücke Gießen)