Alles O.O.K.

Seine Wohnungsbauten aus den 1920er Jahren zeichnen sich durch einen eigenen Stil aus, der der Neuen Sachlichkeit eine besondere Ausprägung gab. Der Künstlersohn Otho Orlando Kurz wuchs in Italien und in Münchner Künstlerkreisen auf und verband mit Herkunft und Arbeit Tradition mit der Moderne. Ein obskurer Tod ersparte ihm ein wahrscheinlicher Konflikt mit den Nazis. 

 

Otho Orlando Kurz wird am 1. Juni 1881 in Florenz, Italien,  geboren. Dort arbeitet sein Vater, der Bildhauer Erwin Kurz, als Mitarbeiter Adolf von Hildebrand. Als von Hildebrand 1893 Professor an der Münchner Kunstakademie wird, erhält auch Erwin Kurz einen Ruf an die Kunstakademie. Otho Orlando besucht in München das Gymnasium.

Nach dem Abitur studiert er zunächst Elektrotechnik, wechselt dann aber ins Fach Architektur. Nach dem Diplom arbeitete Kurz unter anderem bei Friedrich von Thiersch, Hans Grässel und Heinrich von Schmidt als Praktikant. 1908 wurde er mit dem Bau der katholischen Pfarrkirche Milbertshofen beauftragt und gründete zusammen mit Eduard Herbert ein eigenes Architekturbüro. Durch Wettbewerbserfolge erhält das Büro zahlreiche Bauaufträge und kann sich rasch in der Münchner Architekturszene etablieren.

1911, im Alter von knapp über dreißig Jahren, wird O.O. Kurz an der Technischen Hochschule München zum königlichen Professor ernannt, erteilt dort ab 1913 Zeichenunterricht und betreut Studenten bei Bauaufnahmen. Während des Ersten Weltkriegs wird Kurz zunächst im Denkmalschutz eingesetzt, scheidet aber 1917 aus dem Kriegsdienst aus, um den Bau einer neuen Industrieanlage in München für die Bayerischen Motoren-Werke durchzuführen. Bis 1928 ist er als Hausarchitekt für BMW tätig. Daneben arbeitet er in der Nachkriegszeit als Planer für den Wohnungsbau in München.

Durch diese Wohnanlagen bereichert er die Architektur der Neuen Sachlichkeit durch einige wichtige Gebäude. Neben seiner Bautätigkeit entwirft Kurz aber auch Möbel und Grabmonumente wie etwa für den Dichter und Nobelpreisträger Paul Heyse auf dem Münchner Waldfriedhof. Auch errichtet er fünf Sakralbauten, unter anderem die katholische Pfarrkirche Sankt Gabriel in Haidhausen (1925/26). Am 11. Mai stirbt Otho Orlando Kurz, erst 51-jährig an den Folgen einer Blutvergiftung, die er sich bei der Rasur zugezogen hat. Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Architekturdoktrin und dem neuen Regime bleibt ihm durch seinen frühen Tod erspart.

 

 

Knorr-Werksanlagen, Haupttor (1917–1918)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In seiner Zeit als „Hof-Architekt“ für die Bayerische Motorenwerke errichtete Kurz zusammen mit Eduard Herbert an der Moosacher Straße das Haupttor (Bau E und F) sowie Verwaltungsbau (Bau B) der heutigen Knorr-Werke. Hinter dem repräsentativen Torbau und den zur Straße vorgelagerten Wohnungen mit Anklängen an das Art Deco liegen ein Garagenhaus sowie die Waschräume für die Arbeiter. Die Preppenaufgänge sind mit Lisenen und Voluten dekoriert. 1920 ging das Werksgelände von BMW in den Besitz der Knorr-Bremse AG über. Heute ist die Anlage eines der wenigen industriellen Baudenkmale Münchens.

 

 

Laufwasserkraftwerk Finsing, Neufinsing am Mittlere-Isar-Kanal, Landkreis Erding (1924–1925)

Das von O. O. Kurz entworfene und 1924 eröffnete Kraftwerk war ursprünglich das erste der die Kraftwerkstreppe am Mittlere-Isar-KanalDas Kraftwerk ist ein umfangreicher Komplex, der vor allem aus dem rund 100 m langen, quer zu den Betriebskanälen gelagerten Maschinenhaus besteht. Neben dem Maschinenhaus steht ein rechteckiger Turm, in dem sich die Leitzentrale, Büros und früher auch die Wohnung des Betriebsleiters befanden. Um den Turm gruppieren sich vier weitere Büro- und Werksgebäude. An der Einfahrt steht ein Pförtnerhaus mit einer Pfeilervorhalle. Im rückwärtigen Teil des Pförtnerhauses ist eine Kantine eingerichtet. Die Anlage, die heute von E.ON Wasserkraft betrieben wird, steht unter Denkmalschutz.

 

 

Wohnblock Moll

Ganghoferstraße 52, 54, 56,58 (1927–1928)

Der Bauunternehmer Leonhard Moll ließ Ende der 1920er Jahre an der Ganghoferstraße zwei Wohnblöcke errichten. Während der Architekt Theodor Fischer das nördliche Gebäude zwischen der Sandtner- Angler- Ganghofer- und Gerolstraße entwarf, baute das Architektenteam Kurz und Herbert den südlich davon gelegenen dreiecksförmig zugespitzen Wohnblock zwischen Anglerstraße und Ridlerstraße.

Das Gebäude beeindruckt durch seine sparsame Fassadengestaltung, seinen mächtigen Proportionen und seiner für die damlige Zeit in München ungewöhnliche Modernität. Als dynamische Gestaltungselemente wirken in der sonst flächigen Komposition die Eckbalkone, die vorkragenden Traufe über dem Halbgeschoss unter dem Dach, schräge Fallrohre sowie monumentale Figuren. An den Fronten wurde jeweils das Treppenhaus angebracht, von denen sich die Fensteröffnungen der Einzelhäuser ausbreiten. Die Ecke Ganghofer- Anglerstraße wird durch den Einbau einer Gastwirtschaft betont. An der spitz zulaufenden Ecke zur Ridlerstraße wird der Kopf des Westflügels durch einen markanten Loggientrakt abgeschlossen. Dort befindet sich im Erdgeschoss die Hofeinfahrt, die die Verbindung zum Ostflügel herstellt.

Die einzelnen Häuser weisen unterschiedliche Grundrisse der Wohnungen auf, jedoch ist der häufigste Haustypus  mit zwei Wohnungen pro Stockwerk beiderseitig des mittleren Treppenhauses symetrisch angelegt. Die großzügigen viereinhalb Wohnungen im Moll Block galten zu der damaligen Zeit als luxuriös. So wurde das Gebäude mit Aufzügen ausgestattet, was in den 1920er Jahren eine Besonderheit war. Neben den Küchen befinden sich kleine Loggien, ein in der weitgehend balkonlosen Architektur der damaligen Zeit häufiges Gestaltungselement.

 

St. Sebastian, Schleißheimer Straße 212 (1928–1929)

Schon 1905 wurde geplant, eine weitere katholische Pfarrei in Schwabing zu errichten, um die Pfarrei St. Ursula zu entlasten. Eduard Herbert und O.O. Kurz erhielten schließlich den Auftrag den Kirchenbau zu errichten. Sie entwarfen den Klinkerbau mit Turm im Stil zusammen mit der zweigeschossigen Pfarrhaus der Neuen Sachlichkeit. Es gilt städtebaulich als spätes Beispiel einer peripheren Zentrenbildung im Sinne Karl Henricis: die Kirche tritt an der Kreuzung Schleißheimer/Karl-Theodor-Straße platzbildend zurück. Das Gebäude ist im Zusammenhang der umliegenden Wohnanlagen zu sehen, die ebenfalls von Herbert und Kurz gestaltet wurden. Am 9. Dezember 1928 wurde dann der Grundstein für St. Sebastian gelegt und ein Jahr später von Erzbischof Michael Kardinal Faulhaber eingeweiht. Am 31. Juli 1944 wurde die Kirche fast vollständig durch Brandbomben zerstört, nach dem Krieg aber wierder aufgebaut. 1964 wurde der Innenraum neugestaltet und die Anlage renoviert. Der Kirchenabau steht heute unter Denkmalschutz.

 

Wohnbau Schleißheimer Str.

/Karl-Theodor-Straße  (1928-1929)

Die Pfarrkirche St. Sebastian wird durch verschiedene Wohnblöcke umgrenzt, die Herbert und Kurz im Auftrag der Münchner Wohnbau AG und dem Verein für Volkswohnungen als Mietwohnungen errichteten. Die ausgedehnten drei- und vierflügelige, viergeschossige Wohnblöcke an der Böttingerstraße (1, 3, 5, 7, 9, 11) und Schleißheimer Straße (200, 202, 204, 206, 208, 210) greifen auf Formen der Neuen Sachlichkeit zurück (siehe Bild links, aber auch Aufmachbild ganz oben). Ebenso wie die Kirche St. Sebastion stehen die Wohnblöcke unter Denkmalschutz.

 

 

Amerikanerblock am Steubenplatz (1929–1930)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Rahmen der von der Gemeinnützigen Wohnungsfürsorge AG München (GEWOFAG) unter Leitung von Hans Döllgast erbaute Siedlung Neuhausen gestaltete Kurz einen Wohnblock der die Siedlung zum Steubenplatz abschließt. Das Gebäude ist mit fünf Geschossen ein Stockwerk höher als die übrigen Bauten und deutlich markanter gestaltet. Es handelt sich um eine vierflügelige Anlage mit einem großen Innenhof. An den teilweise abgerundeten Ecken sind mit Klinkern verkleidete Balkone herumgeführt. Die Eingänge sind ebenfalls durch Klinkern betont, die darüber angebrachten Figuren stammen von dem Vater von O.O. Kurz, dem Bildhauer Erwin Kurz. 

Die Blockbebauung wurde als letztes Gebäude am westlichen Ende der Siedlung vollendet und wird auch Amerikanerblock genannt. Seinen Namen verdankt er Krediten aus den Vereinigten Staaten, die der damalige Oberbürgermeister Münchens Karl Scharnagl zu seiner Finanzierung ausgehandelt hatte. Der Steubenplatz, an dem der Amerikanerblock liegt und die Karl-Schurz-Straße sind aus dem gleichen Grund nach berühmten Deutsch-Amerikanern benannt, die Washington-Straße nach dem ersten amerikanischen Präsidenten. Der Amerikanerblock, der als bedeutendes Beispiel der Neuen Sachlichkeit gilt, steht unter Denkmalschutz.

Werksübersicht (Auswahl)

1901: Mietshaus Agnesstraße 14 (mit Eduard Herbert), Schwabing-West, München

1901: Mietshaus Agnesstraße 16 (mit Eduard Herbert), Schwabing-West, München

1901: Mietshaus Agnesstraße 20 (mit Eduard Herbert), Schwabing-West, München

1906: Mietshaus Siegfriedstraße 5 (mit Eduard Herbert), Schwabing-West, München

1907: Mietshaus Aberlestraße 15 (mit Eduard Herbert), Sendling, München

1908: Mietshaus Aberlestraße 17 (mit Eduard Herbert), Sendling, München

1908: Mietshaus Aberlestraße 19 (mit Eduard Herbert), Sendling, München

1908: Mietshaus Siegfriedstraße 8 (mit Eduard Herbert), Schwabing-West, München

1908: Mietshaus Georgenstraße 126, Schwabing-West, München

1909: Wohnhaus „Wasserschlössl“ für Karl Eugen Müller, Emmeringer Straße 43, Fürstenfeldbruck

1909: Mietshaus Eduard-Schmid-Straße 28, Au, München

1909: Mietshaus Tengstraße 33, Schwabing-West, München

1909: Mietshaus Tengstraße 35, Schwabing-West, München

1909: Mietshaus Tengstraße 37, Schwabing-West, München

1910: Villa Eisolzrieder Straße 1, Allach, München

1910: Katholische Pfarrkirche St. Georg Milbertshofener Platz 1, Milbertshofen, München

1910: Mietshaus Ohmstraße 22, Schwabing-Freimann, München

1911: Mietshaus Tengstraße 24, Schwabing-West, München

1911: Mietshaus Tengstraße 26, Schwabing-West, München

1911: Villa Wolfratshauser Straße 50, Thalkirchen, München

1912: Mietshaus Tengstraße 22, Schwabing-West, München

1913: Mietshausgruppe Engelhardstraße 30, Sendling, München

1914: Mietshaus Widenmayerstraße 38, Lehel, München

1914: Pfarrkirche St. Otto, Bamberg

1917: Werksanlagen (heute: Knorr Bremse) Moosacher Straße 80, Milbertshofen, München

1923: Mietshausgruppe Rosenbuschstraße 1, Lehel, München

1925: Kraftwerk Neufinsing am Mittlere-Isar-Kanal, Neufinsing

1925: St. Gabriel Prinzregentenstraße 102, Haidhausen, München

1925: Kriegerdenkmal Theresienhöhe, Schwanthalerhöhe, München

1926: Zwei Wohnblöcke Rheinstraße, Schwabing-Freimann, München

1926: Teil einer Wohnanlage Mainzer Straße 1, Schwabing-Freimann, München

1927: Teil eines Miethausblock Ridlerstraße 2, Schwanthalerhöhe, München

1927: Teil eines Miethausblock Geroltstraße 35, Schwanthalerhöhe, München

1927: Wohnanlage Anglerstraße 28, Schwanthalerhöhe, München

1927: Wohnanlage Meindlstraße 11, Sendling, München

1927: Wohnanlage Lindenschmitstraße 52, Sendling, München

1929: Wohnanlage Schleißheimer Straße 200, Schwabing-West, München

1930: Teil einer Wohnanlage Wendl-Dietrich-Straße 23, Neuhausen, München

1930: Teil einer Wohnanlage Steubenplatz 1, Neuhausen, München

1930: Teil einer Wohnanlage Gotelindenstraße 1, Neuhausen, München

1930: Wohnanlage Karl-Theodor-Straße 102, Schwabing-West, München

1930: Teil einer Wohnanlage Hiltenspergerstraße 107, Schwabing-West, München

1930: Teil einer Wohnanlage Bechsteinstraße 1, Schwabing-West, München

1931: Wohnanlage Böttingerstraße 1, 3, 5, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13

1935: Herz-Jesu-Kirche, Weiden in der Oberpfalz

Weitere Informationen:

www.OthoOrlandoKurz.de: Werkskatalog von Sebastian Multerer und Julian Wagner Mitarbeiter Lehrstuhl für Städtische Architektur TUM

Literatur

Winfried Nerdinger (Hrsg.): Architekturführer München, Dritte Auflage

Dennis A. Chevalley, Timm Weski: Denkmäler in Bayern, Landeshauptstadt München – Südwest, Band 1 und 2

 

Quellen: http://deu.archinform.net/arch/43481.htm; Denkmäler in Bayern, Landeshauptstadt München, Mitte, Südwest; http://architekten-portrait.de/otho_orlando_kurz/index.html; www.OthoOrlandoKurz.de; http://stadt-muenchen.net/baudenkmal/d_architekt.php?architekt=Kurz%20Otho%20Orlando

Fotografien: Ulrich Lohrer