Carlo Mollino - Maniera Moderna

Sammler von Design Möbeln sind erpicht auf die Stühle aus gebogenem Holz und die aeronautischen Tischgestelle mit organisch-geschwungenen Glasplatten des Architekten Carlo Mollino (1905-1973). Bis zu 3,8 Millionen Euro wurde 2005 für ein Schreibtisch bezahlt.

 

Dabei sind Möbel nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Oevre des manisch-kreativen Turiner Universalkünstlers. In einer sehr aufwendigen Ausstellung zeigt Chris Dercon, bis zum Frühjahr Direktor des Hauses der Kunst, nun Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, das vielschichtige Werk des italienischen Architekten, Piloten, Rennfahrer, Schriftsteller und Fotografen. Die Ausstellung "Carlo Mollino – Maniera Moderna" ist bis zum 8. Januar 2012 im Haus der Kunst in München zu sehen.

Durch seinen Vater Eugenio, den bekanntesten Baumeister Turins, wird bei ihm nicht nur das künstlerisch-technische Interesse, sondern auch die Liebe zu den Bergen geweckt. Carlo erschließt die Alpen mit dem Flugzeug und mit Skiern, baut das Skirestaurant am Lago Nero, Sauze d´Oulx, das Wintersportzentrum Casa del Sole in Cervina am Matterhorn und Apartmenthäuser in Aosta. Er entwirft Theater, Rennautos, die er auch im 24 Stunden-Rennen von Le Mans selber fährt, gestaltet die Inneneinrichtungen von Villen. Zu seinem Werk gehört eine umfangreiche erotische Polaroid-Fotos, Bücher über Picasso, der Insel Moreni und zur Architekturgeschichte. Sein Lebensmotto: „Tutto è permesso, sempre salva la fantasia“ - Alles ist erlaubt, solange es fantastisch ist.

 

 

Carlo Mollino - Maniera Moderna

Haus der Kunst

15.09.11 - 08.01.11

 

 

 

 

Die Werkauswahl der Ausstellung spiegelt die Vielseitigkeit von Carlo Mollinos Werk: zu sehen sind seine Zeichnungen und Architekturplänene, Möbel und Einrichtungsgegenstände, sein Rennauto "Bisiluro", seine Fotomontagen, die Polaroids mit den weiblichen Aktdarstellungen, seine Essays über Architektur, Fotografie und Abfahrtski und weiteres Archivmaterial.

Besonders die von ihm entworfenen Möbel sind bei Sammlern längst stark begehrt: 2005 wurde ein Tisch für 3,8 Millionen Dollar versteigert. Zeitgenössische Künstler wie Karole Armitage und David Salle, Nairy Baghramian, Steven Claydon, Armin Linke, Mai-Thu Perret, Heidi Specker und Simon Starling beziehen sich in eigenen Arbeiten ausdrücklich auf Carlo Mollino. Bei Jü╠žrgen Teller und anderen Fotografen ist die Casa Mollino für Shootings begehrt.

 

Mollino – der Architekt

Ein fotografischer Essay von Armin Linke, der anlässlich der Ausstellung entstanden ist, gibt einen Überblick ü╠žber Mollinos Bauten und ihren Erhaltungszustand. Lange war der Umgang mit Mollinos Bauten nachlässig. Bezeichnend ist, dass der Turiner Stadtrat 1960 den Abriss der erst 1940 fertiggestellten Societa Ippica Torinese beschloss. In den letzten Jahren hat Carlo Mollino zwar zunehmend Aufmerksamkeit erfahren. Dennoch steht seine volle Anerkennung als Architekt noch immer aus.

1905 in Turin geboren, fällt Mollinos Berufsanfang in die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Mollino lernt die Grundbegriffe der Architektur von seinem Vater Eugenio, im ersten Viertel des 20. Jh. ein angesehener Ingenieur und Architekt. Auf diese Weise fällt ihm der Einstieg leicht, und er besitzt von Anfang an eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. 1931, nach Abschluss der Ausbildung, nimmt ihn der Vater in sein Büro auf. 1936 entsteht die Inneneinrichtung der Casa Miller, Carlo Mollinos Domizil und Studio für weibliche Porträts. Wie bei anderen Anfang des 20. Jahrhunderts geborenen Architekten sind Gegensätze ein prägendes Element seiner Arbeiten:

 

Bei seinem ersten Auftragswerk, dem Headquarter für die Federazione Agricoltori Cuneo (1933-35), kommt die Strenge und Monumentalität faschistischer Prägung zum Einsatz. Anschlieflend geht Mollino für immer auf Distanz zu politischen Regimes. Schon der zweite Auftrag, die Societa Ippica Torinese (1937-1940), zeigt die dynamischen Kurven, die für sein weiteres Werk typisch bleiben. Mit ihnen macht Mollino Anleihen beim Barock. Wiederholt setzt er auch Elemente des Surrealismus ein: Bei der Inszenierung weiblicher Modelle in seinen Interieurs lässt er Materialen, die weich und seidig sind, auf harte und stark spiegelnde Oberflächen treffen. Die Art, wie er Licht und Schatten, Stofflichkeit und Oberflächen behandelt, lässt an Man Ray denken. Die Effekte leben vom Kunstlicht, wie es einem Nachtmenschen gemäss ist.

 

Mollinos Aneignung von alpenländischen Baumethoden, von Elementen des Barock und Surrealismus ist konzeptuell und hält von Ideologien Abstand. Die rein funktionale, geometrisch einfache Architektur mancher Zeitgenossen lehnt er als steril und mechanistisch ab. "Unser Leben ist unglücklich, denn es ist nützlich und schnell" ("we live unhappy because it is useful and fast"), urteilt er und sucht Schönheit in der Zweckfreiheit.

Dazu passt das ihm von einigen attestierte Dandytum: Wiederholt entwirft er für die privaten und intimen Bedürfnisse von Individualisten und nicht zuletzt für sich selbst. Projekte, die Mollino  während des Zweiten Weltkriegs entwirft, werden nicht realisiert, aber in "Domus" und "Lo Stile" publiziert. 1947 vollendet er die Bergstation und Skihütte am

Lago Nero in 2400 m Höhe, die bald darauf schon sich selbst bzw. dem Zahn der Zeit  ╠žberlassen bleibt. Bauten wie das Auditorium für Radiotelevisione Italiana oder der Lutrario Ballsaal in Turin von 1959 sind in letzter Zeit stark verändert worden. Zu sehen sind heute in Turin die Casa Mollino (1961-1970), die von Fulvio und Napoleone Ferrari betreut wird, und das postum eingeweihte Teatro Regio mit seiner fächerörmigen Decke (1965-1973).

In allen Entwürfen kommt Mollinos Faszination von der Schönheit einer schwungvollen, körperlichen Bewegung zum Ausdruck. Das Dach der Seilbahnstation Lago Nero strebt so dynamisch aufwärts, als wollte es förmlich abheben. Beim Entwerfen dieser Schwü╠žnge kann Mollino auf eigene Erfahrung zurückgreifen.

Ab 1953, dem Todesjahr des Vaters, weitet er seine sportlichen Aktivitäten aus: Gleichzeitig Amateur und Virtuose, übt er sich in Abfahrtski, Kunstfliegen und Rennfahren. Seltsam gleichzeitig wagt er in diesen Disziplinen Experimente, bei denen alles schief gehen könnte, ihm aber nie etwas zustösst. 1955 nimmt er mit dem eigens dafür entworfenen "Bisiluro" an einem Autorennen in Le Mans teil.

 

 

 

Mollino – der Designer

Die Kurven dieses Rennautos, Mollinos Fotos von Skispuren im Tiefschnee (1950 erschien seine Lehrpublikation "Introduzione al Discesismo"), von weiblichen Akten, und seine aeronautischen Zeichnungen belegen: Es geht ihm bei allem darum, kunstvoll geschwungene Linien zu schaffen. Man könnte sagen egal was Mollino tut, er zeichnet: auf Papier, in den Schnee, in den Himmel oder entlang weiblicher Körper. Er kann mit beiden Händen zeichnen, auch gleichzeitig, und braucht nach der ersten Skizze bis zur maßstabgetreuen Bauzeichnung kaum einen Zwischenschritt. Seine Zeichnungen können als gedanklicher Ausgangspunkt für seine Entwürfe gelesen werden.

Die von Mollino entworfenen Möbel sind Einzelstücke. Sie folgen nicht der Warenlogik des in Serie gefertigten Möbels. Dadurch bleiben sie sowohl dem industriellen Design wie dem Kunsthandwerk fremd und erhalten erst als autonome Kunstwerke Sinn. Nur wenn es vom Auftraggeber bestellt wird, produziert Mollino eine höhere Auflage; so bei den Sesseln für die Casa Minola (1944-1946) oder der Bestuhlung für den Lutrario Ballsaal (1959-60). Fü╠žr seine Stühle kombiniert Mollino traditionelle Elemente wie den alpenändischen Brettstuhl mit Techniken der Holzverformung und dringt dabei an die Grenze des Möglichen vor. Charakteristisch für die Sessel ist die Kombination von elegant gebogenem Holz und körperhafter Polsterung. Die Gestelle von Schreibtischen konstruiert er nach aeronautischem oder naturhaft-organischem Muster. Glas- und Marmorplatten montiert er mit gebogenem Metallrohr.

Die Möbel sind ein weiterer Höhepunkt in Mollinos Schaffen. Alle Phasen wie die surrealistische, die naturhaft-organische und die modernistische mit den geraderen Formen sind in der Ausstellung vertreten. Gezeigt werden Entwürfe für Cadma, Casa Orengo, Casa Rivetti, Uffici Lattes, Casa del Sole, Mostra USA, Casa Devalle, Auditorium RAI und Casa Mollino. Drei verloren geglaubte Stühle aus einer Privatsammlung sind zum ersten Mal zu sehen.

 

 

Mollino – der Fotograf

Mollino fotografiert über Jahre weibliche Akte in von ihm gestalteten Interieurs. Anfangs sitzen ihm Bekannte wie Ada Minola oder Lina Modell. Zentrales Bildelement ist das wellige, gänzende Haar, das Mollino mit der Genauigkeit von Hochglanzmagazinen arrangiert. Säter ersetzt er die Leica durch eine Polaroid. Dunklere Fantasien über Begegnungen mit einer Fremden treten in den Vordergrund: Mollino lässt nun Prostituierte für sich posieren. Die Polaroids sollten ihn in seinem Leben nach dem Tod begleiten. Von 1961-1970 baute Carlo Mollino sein Apartment in der Via Napione, in dem er auch einige der Polaroids aufnahm. Es sollte ihm möglicherweise als Äußere Hülle für den Übergang in die nächste Seinsstufe dienen. Umgeben von den Frauen der Polaroids und anderen perönlichen Schätzen wollte er in einem Bett in Bootsform davonsegeln: "Wie die Chinesen von Rang zu ihren Lebzeiten ihr eigenes Mausoleum ausschmücken, bereite ich den Flur meines Hauses als eine Zwielicht-Avenue auf, wo Fotografien und viele andere Andenken eines Lebens aufeinander folgen: alle schön, jedenfalls fast", ("I am preparing, like the Chinese of rank who in life adorns his own mausoleum, a corridor of my house to be a twilit avenue where the photographs and many other mementos of life shall follow in sequence: all beautiful, or almost") schreibt er 1973, dem Jahr, in dem er an einem Herzinfarkt stirbt. Mehr als zweitausend Polaroids wurden später in diesem Apartment heute die Casa Mollino, betreut von Fulvio und Napoleone Ferrari gefunden.

Zu Lebzeiten hat Mollino dieses Apartment nie bewohnt und nie jemanden dorthin eingeladen. So haftet der Casa Mollino die Aura geheimnisvoller Einsamkeit an. Auch die anderen Interieurs wirken wie höchst private Settings, für das Auge einer Kamera geschaffen und wenig am Nutzen für ständige Bewohner interessiert. Die Casa Miller von 1936 zum Beispiel war ein Zweizimmer-Apartment mit Badezimmer, aber ohne Küche.

 

 

Photo & Rechte:

Aufmachbild, Skilift: flickr; Carlo Mollino um 1950: Haus der Kunst; Tisch, Casa del Sole (Hütte): flickr (Außenaufnahme), Armin Linke (Innenaufnahme); Teatro Regio: Cavalli; Rennauto Bisiluro: © Alessandro Nassiri, Archivio Museo Scienza; Apartment Mollino in Triest: Armin Linke; Sessel: flickr; Polaroid-Bild: Carlo Mollino/Haus der Kunst