Olympia Kunst Terror

Olympia & Kunst München 1972-2012 – Unter diesem Namen findet zurzeit eine Ausstellung beim Olympiapark statt. Anlässlich des 40jährigen Jubiläum der XX. Olympischen Sommerspiele in München 1972  zeigt die TAG Temporary Art Gallery am Sapporobogen Künstler- und Sportlerplakate sowie Fotografien und historische Exponate.

 

Die Organisatoren der Olympischen Spiele in München 1972 wollten damals das Gastgeberland Deutschland in einem neuen Licht präsentieren, als moderne, weltoffene demokratische Gesellschaft. Willy Brandts Slogan „mehr Demokratie wagen“ (Regierungserklärung vom 28.10.1969) sollte Wirklichkeit werden.

Die Gestalter des äußeren Erscheinungsbildes hatten maßgeblichen Anteil daran. Es waren drei große Namen, die bis heute für alle stehen, die daran mitgewirkt haben, und deren Werk als Wahrzeichen für München 1972 im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit fest verankert sind. Dabei standen nicht nur ihre Arbeiten, sondern auch ihre Biografien für das andere Deutschland, das hier zum ersten Mal für die Weltöffentlichkeit Gestalt annahm.

Architekt Günter Behnisch, Planer der Olympiaanlagen und Erbauer des Olympiastadions, hatte stets das Bauen „für den Menschen“ gefordert und propagierte das „demokratische Bauen“. Architekt Frei Otto, der sich auch immer als Bildhauer empfand, war geprägt durch die Trümmerstädte der Kriegszeit und lieferte die Zeltdachkonstruktion des Olympiastadions. Diese Konstruktion ist bis heute Wahrzeichen der Spiele und Garant dafür, dass die Anlage als Erbe gepflegt wird.

Bildhauer und Designer Otl Aicher, als Sympathisant der Geschwister Scholl Kritiker des Naziregimes, wurde berühmt für seine Piktogramme und entwarf ein Gestaltungsprogramm, das sich für die zweiten Olympischen Spiele auf deutschem Boden dezidiert gegen die Farbgewalt von 1936 absetzte. Auch die zivile Bekleidung der Sicherheitskräfte sollte eine Gegengewicht gegen das vom Militarismus geprägte Deutschlandbild entwerfen.

Mit dem Beginn der Spiele schien das Konzept aufzugehen und alle Teilnehmer und Besucher wurden von der heiteren Stimmung getragen, als durch den palästinensischen Terroranschlag und die Geiselnahme und Ermordung israelischer Athleten die dramatische Wende eintrat. Das Trauma dieses Einschnittes scheint bis heute nicht wirklich überwunden zu sein und erst in letzter Zeit wurde versucht, es in Spielfilmen wie von Stephen Spielberg (MUNICH, 2005) oder dem ZDF-Fernsehfilm (MÜNCHEN 72, 2012) auf zu arbeiten. Hier wird deutlich, wie ahnungslos und dilettantisch man damals mit dieser schrecklichen Situation umging. Spätestens seitdem ist der Nachkriegsgeneration in Deutschland schmerzlich bewusst geworden, wie sehr Sport und Politik miteinander verquickt sind. Die gegenwärtigen Diskussionen um die WM 2012 in der Ukraine rufen das wieder ins Gedächtnis.

Beide Aspekte – Heitere Spiele und Schwarzer September, ästhetische Konzepte und Sport & Politik - sollen in der Ausstellung repräsentiert werden. Für diese spannungsgeladeneKonzeption stehen Idealerweise zwei Ausstellungsräume zur Verfügung, die entsprechend unterschiedlich gestaltet werden.

Die Zeltdachkonstruktion von Frei Otto & die Piktogramme sowie das Farbspektrum von Otl Aicher, die zwei visuelle Symbole der neuen Ästhetik sind nicht nur zu Wahrzeichen der XX. Olympischen Spiele geworden. Sie haben zudem ihre Arbeitsfelder Architektur und Design nachhaltig beeinflusst. Beide rücken die Kommunikation der Gestaltung in den Blickpunkt. Es sind dies die Funktion und die Kommunikation selbst. Die angewandten Künste stehen im Spannungsfeld zwischen Gebrauchswert und Freiheit, zwischen Auftrag und Selbstbestimmung. Frei Otto, der immer während seiner Architektentätigkeit auch als Bildhauer gearbeitet hat und die Architektur als eine besondere Art der Bildhauerei betrachtet, überbrückt die vermeintlichen Gegensätze mit seiner Anlehnung der Überdachung an die Zeltkonstruktion. Sie wurden angestoßen durch seine traumatischen Erlebnisse der zerbombten Städte während und nach dem 2. Weltkrieg und gaben damit Anstoß, eine auf die Ewigkeit abzielende Architektur infrage zu stellen. Sie hat damit auch zu einer generelle Neuausrichtung der Städteplanung beigetragen.

Ottl Aicher wiederum zieht aus dem Spannungsfeld von Auftrag und künstlerischer Freiheit völlig neue schöpferische Kraft. Die ästhetische Gestalt der Piktogramme ist vordergründig erst einmal ganz fokussiert auf die Funktion des Designs ausgerichtet, nämlich die Kommunikation des Inhalts. Diese Konzentration auf den Sinn eröffnet aber gleichzeitig ganz neue Möglichkeiten der schöpferischen Gestaltung. Dasselbe gilt für das Farbkonzept. Hier tritt damit zum ersten Mal das Konzept der Corporate Identity in das Bewusstsein einer breiteren, deutschen Öffentlichkeit. Mit der willentlichen Abgrenzung zu den Farben der Spiele von 1936 wird dieser auch zum ersten Mal deutlich, wie mit Farben Bedeutungen transportiert und diese zur Emotionalisierung eingesetzt werden.

Im Raum 1 werden historische Exponate präsentiert, die das ästhetische Erscheinungsbild der XX. Olympischen Spiele München 1972 prägten. Dazu gehören auch Entwurfsmodelle der Architekten und Designer. Mit der Darstellung der Ideen, Ansätze und Konzepte von Günter Behnisch, Frei Otto und Otl Aicher soll die damalige Aufbruchstimmung rekonstruiert werden. Dabei werden die wesentlichen Gestaltungsprinzipien sichtbar, gezeigt, wie sie weitergeführt wurden und welche Auswirkungen sie bis heute haben.

Das Spannungsfeld von bildender und angewandter Kunst wird damit zum roten Faden der Gesamtausstellung in den beiden zur Verfügung stehenden Räumen. Dieses Spannungsfeld wird im ersten Raum repräsentiert durch die Ausstellung der offiziellen Plakatreihen des Olympischen Komitees. Sie umfassen die unterschiedlichsten Editionen:

- Künstlerplakate 28 Motive weltbekannter Künstler wie Horst Antes, Tom Wesselmann, Marino Marini, David Hockney, Otmar Alt u.a.

- dazu die Extra-Edition von Künstlerplakate mit Motiven junge Künstler wie Günter Desch, Gernot Babeniuk, Hans Jürgen Kleinhammes u.a.

- Sportlerplakate sie waren das bekannte, überall sichtbare und jederzeit identifizierbare Promotionmittel, sie sind plakatierte Gebrauchsgrafik im Stil der damaligen Zeit mit Polarisationseffekt und Farbfreistellung (alles noch ohne photoshop) und aufgrund der Corporate Identity, streng an der Farbpalette von Otl Aicher ausgerichtet, jederzeit wieder erkennbar

- Image Edition sie demonstrieren Farbpalette, visuelle Gestaltung und Piktogramme etc.

- Veranstaltungsplakate auch sie sind im Sinne der CI im gleichen Design gehalten und informieren bspw. über die Spiele des Olympischen Fussballturniers in Regensburg

- Kulturedition sie informieren über das umfangreiche Begleitprogramm an Ausstellungen (z.B. über Boote), Konzerte (z.B. in der Wieskirche) oder die großartige Veranstaltungsreihe „Weltkulturen und moderne Kunst“

- Weltkulturen und Moderne Kunst auf diese unbekannte Edition sind wir im Zuge der Recherchen gestoßen. Es sind hochwertige Originalsiebdrucke von Motiven aus der Begleitveranstaltung „Weltkulturen und moderne Kunst“

Dazu kommen zahlreiche historische Exponate wie die Originalfackel, Originalsitzblöcke aus dem Stadium, aber auch Maskottchen Waldi und andere Souvenirs, die das Gesamtbild abrunden.

Der terroristische Anschlag auf die israelischen Olympiateilnehmer und deren tragischer Ausgang veränderten den Charakter der XX. Olympischen Sommerspiele grundlegend. Dieses unauslöschliche Moment wird in den Interviews der Zeitzeugen lebendig, die vor einer Fotowand gezeigt werden und vom Haus der Bayerischen Geschichte, Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst zur Verfügung gestellt wurden.

 

 

Olympia & Kunst München 1972-2012

bis 13. September 2012

TAG Temporary Art Gallery Dr. Bernhard Springer Sapporobogen 6-8

80637 München geöffnet täglich Do-So 15 – 20 Uhr