Karl Preis: Visionär und Pionier des sozialen Wohnungsbaus

Der ehemalige Wohnungsbaureferent und berufsmäßiger Stadtrat der Stadt München hat für den geförderten Wohnungsbau in München ein solides Fundament geschaffen. Zum 70. Mal jährt sich in diesem Jahr sein Todestag. Die von ihm gegründete GEWOFAG widmet ihm eine noch bis zum 13. Oktober geöffnete Ausstellung.

 

Zu seiner Würdigung hat heute Dr. Klaus-Michael Dengler, Sprecher der GEWOFAG-Geschäftsführung, zusammen mit Stadträtin Bettina Messinger und Karl-Preis-Enkel Hannes S. Macher eine umfassende Gedächtnisschau eröffnet. Sie steht unter dem Titel „Karl Preis – Visionär und Pionier“ und bietet zahlreiche historische Bilder und Zeitzeugnisse. Die Ausstellung in der GEWOFAG-Hauptverwaltung in Ramersdorf ist noch bis zum 13. Oktober zu sehen.

„Karl Preis ist ein starkes Vorbild. Er gilt als Visionär und Pionier, weil er mit seinen innovativen Ideen und seiner Durchsetzungskraft den sozialen Münchner Wohnungsbau vor 1933 und nach 1945 revolutionierte. Er hat die Wohnungsnot entspannt, neue Standards etabliert – auch beim Wiederaufbau – und: Er setzte sich stark für Menschen ein, die auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung waren. Für sie ließ er nicht einfach nur Wohnungen bauen, sondern entwickelte ganze Lebensraumkonzepte. So manche Selbstverständlichkeit, wie wir sie heute kennen, geht auf Karl Preis zurück“, erklärte Dr. Klaus-Michael Dengler zu Beginn der Ausstellung und verwies auf den Lebensweg jenes Mannes, der sich schon vor rund hundert Jahren dafür stark machte, der Münchner Wohnungsnot die Stirn zu bieten.

Die umfassende Ausstellung zeigt Fotos, Aufzeichnungen und Korrespondenzen aus der Gründerzeit der GEWOFAG rund um das Leben und Wirken von Karl Preis. Sein Enkel und Autor Hannes S. Macher setzte sich für die Umsetzung der Gedächtnisschau zusammen mit Renate Wirthmann vom Arbeitskreis Stadtteilgeschichte Ramersdorf e.V. ein. Spannend sind vor allem Vergleichsdokumente wie etwa eine Auflistung der Lebenshaltungskosten um 1929 oder der Aufbau der Gründersiedlungen Neu-Ramersdorf (wie es damals genannt wurde), Neuhausen, Giesing, Harlaching und Friedenheim/Laim. Zunächst gastierte die Ausstellung in der Stadtteilbibliothek in Ramersdorf, nun holt die Geschäftsführung der GEWOFAG ihren Gründervater im wahrsten Sinne des Wortes in die Zentrale „nach Hause“.

Leben und Wirken von Karl Preis

Karl Sebastian Preis wurde am 13. November 1884 in Auerbach in der Oberpfalz als fünftes von fünf Kindern des Bergmanns Johann Joseph Preis (1838 – 1916) und dessen Gattin Anna, geb. Peisar, (1847 – 1939), geboren. Nach der Volksschule be- suchte er die Gewerbliche Fortbildungsschule und bildete sich im Selbststudium weiter. Bereits mit 16 Jahren wurde er – wie es damals hieß – „außeretatsmäßiger Staatsbeamter“ und 1906 dann „Königlicher Rentamtssekretär“. 1908 wurde er stellvertretender Rentamtsvorstand der Bayerischen Finanz- verwaltung im Finanzamt in Landau an der Isar. Karl Preis veröffentlichte Aufsätze zu Steuerfragen in ver- schiedenen Fachpublikationen sowie Fachbücher, wie beispielsweise den „Führer durch das bayerische Einkommensteuergesetz und die Gesetze über die ergänzenden Nebensteuern“. 1908 erschienen. 1914 bewarb er sich für die von der Stadt München ausgeschriebenen Stelle eines „Oberstadtsekretär“ in der Städtischen Steuerstelle. 1917 trat Karl Sebastian Preis, der während des 1. Weltkrieges 1915/16 der „Kaiserlich Deutschen Südarmee“ in Siebenbürgen und Galizien eingesetzt war, in die SPD ein. 1918 wurde er Vorstandsmitglied der Münchner SPD.

Inzwischen hatte er bei Professor Edgar Jaffé an der Handelshochschule München Vorlesungen in Finanzwissenschaften und Volkswirtschaft belegt. 1919 wurde er zum Leiter der Münchner Steuerstelle, dem heutigen Stadtsteueramt, ernannt. Im Mai des gleichen Jahres trat er zur USPD über, einem von der SPD abgespalteteten linken Flügel. Kurz danach kehrte er aber zur Mehrheits-SPD zurück. 1920 wurde er zum berufsmäßigen Stadtrat als Referent für die Übergangswirtschaft und für die Wohnungswirtschaft ernannt.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts war Münchens Stadtbild geprägt von Wohnungsnot und sozialer Ungleichheit. Viele Familien, darunter Kriegsheimkehrer und Zuzügler vom Land, lebten auf engstem Raum zusammen, oftmals in einem Zimmer. Karl Preis initiierte als Referent für Wohnungsbau im Münchner Stadtrat den Bau von 5000 Wohnungen bis 1925. Am 6. Juni 1926 legte Karl Preis dem Münchner Stadtrat das „Münchner Sonderbauprogramm“ vor. Darauf aufauend veröffentlichte er im Dezember 1927 als Wohnungsreferent und aus sozialer Verantwortung heraus die grundlegende Denkschrift „Die Beseitigung der Wohnungsnot in München“. Auf 172 Seiten und mit 76 Beilagen legte er dar, wie mit der Errichtung von 12.000 Wohnungen der Wohnungsnot in der bayerischen Landeshauptstadt begegnet werden kann. Mit seinem umfassenden Programm gewann er den Stadtrat für den Bau für die rund 20.500 Wohnungssuchenden.

Eigens dafür gründete Im Juni 1928 die vom Stadtrat (gegen die Stimmen der NSDAP) mehrheitlich genehmigte „Gemeinnützigen Wohnungsfürsorge AG“ (GEWOFAG). Karl Preis wurde zum Aufsichts-ratsvorsitzenden ernannt. Die GEWOFAG, mit dem Ziel, bezahlbaren Wohnraum für sozial Benachteiligte zu schaffen. Wegen der Wirtschaftskrise wollten sich in den folgenden Jahren die Kreditgeber nicht mehr auf millionenschwere Anleihen einlassen. Sie befürchteten, dass die Hypotheken nicht zurückgezahlt werden könnten und verweigerten 1929 die bereits zugesagten Kredite. Da unterbreitete Preis seinem Freund, dem Oberbürgermeister Karl Scharnagl (Bayerische Volkspartei), die Idee, die notwendigen Finanzmittel in Groß- britannien und in den USA zu besorgen. Mit Erfolg – mit einer Millionen-Dollar-Zusage kam Scharnagl zurück. Drei umfangreiche Wohnungsbauprojekte, die 1928 in Angriff genommen wurden, konnten dank dieser ausländischen Finanzierung fertiggestellt werden: die Siedlungen Neu-Ramersdorf (wie es damals genannt wurde), Neuhausen und die Siedlung rund um den Walchenseeplatz in Giesing. Mit dem Bau zweier weiterer Siedlungen in Harlaching und in Friedenheim/Laim waren die fünf großen Siedlungen des Wohnungsbauprogramms verwirklicht.

Preis arbeitete dabei bei der Errichung der GEWOFAG-Siedlungen mit zahlreichen Architekten zusammen, die sich dem Herausforderung einer Planung und Gestaltung von großen Wohnanlagen für einkommensschwache Bürger annahmen. Dazu gehörten unter andeem Oscar Delisle, Bernhard Ingerwersen, Richard Berndl ((Siedlung Neuramersdorf), Florian Lechner und Fritz Norkauer (Siedlung Neuharlaching), Johanna Loev und Carl Jäger (Siedlung Walchenseeplatz), Roderich Fick und Alwin Seifert (Siedlung Friedenheim) und Hans Döllgast und Otho Orlando Kurz (Siedlung Neuhausen).  

Obwohl die Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus eine große Dimension einnahmen, sind sie in  der architektonischen und städtebaulichen Gestaltung nicht mit den Vorzeigeprojekten des Neuen Bauens/Neuer Sachlichkeit in Berlin, Frankfurt oder Stuttgart vergleichbar. Während Ernst May mit dem Neuen Frankfurt und Walter Gropius in Dessau (Törten), Berlin (Siemensstadt) und Karlsruhe (Dammerstock) durch Rationalisierung und Typisierung, den Einsatz neuer Werkstoffe und Materialien sowie durch sachlich-schlichte Innenausstattungen eine völlig neue Form des Bauens entwickelte und Ludwig Mies van der Rohe in Stuttgart (Weißenhof-Siedlung) der Moderne zum Durchbruch verhalf, hielten sich die von Preis initierten GEWOFAG-Siedlungen trotz aller Fortschritte im Rahmen des konservativen Münchner Bauumfelds (wohl auch im Sinne von Karl Scharnagl), obwohl es mit Robert Vorhoelzer und Theodor Fischer durchaus führende Vertreter der Neuen Sachlichkeit gab.

Am Abend des 9. März 1933 besetzte die SA das Münchner Rathaus. Ein Hausmeister soll dem berufsmäßigen Stadtrat und Wohnungsreferenten durch einen anderen Rathausausgang zur Flucht verholfen haben.

Preis war nach dem Einzug der Nationalsozialisten im Rathaus zunächst untergetaucht. Schließlich drohte ihm wie vielen anderen führenden SPD-Mitgliedern „Schutzhaft“ oder gar die Einlieferung ins KZ Dachau. Zwischen 1933 und 1945 zog sich Preis mit seiner Frau auf seinem 1929 erworbenen Grundstück in Murnau ins „Häusl am Dürnberg 311 1⁄4“ zurück. Einige seiner ehemaligen Mitarbeiter und Architekten, wie Roderich Fick und Fritz Norkauer, arrangierten sich oder nahmen sogar eine Schlüsselposition in der Münchner Wohnungspolitik des NS-Regimes ein. Um seine wirtschaftliche Existenz zu sichern, war Preis in dieser Zeit als Berater für einige Münchner Baufirmen tätig.

Am 10. Mai 1945 erhielt Preis in Murnau einen Brief des von den Amerikanern wieder als Oberbürgermeister eingesetzten Karl Scharnagl einen Brief mit der Bitte, wieder das Referat für das Wohnungs- und Siedlungswesen zu übernehmen. Er arbeitete zunächst als Wohnungs- und Wiederaufaureferent der Landeshauptstadt München und ab November 1945 zudem als Regierungskommissar für das Flüchtlings- und Wohnungswesen in Oberbayern. Ein Jahr später, am 9. Mai 1946, verstirbt jedoch Preis mit 61 Jahren an Gelbsucht.

Wohnungsprojekte von Karl Preis

1928 - 1930: Siedlung Neuramersdorf, (Architekten: Oscar Delisle, Bernhard Ingerwesen, Richard Berndl)

1928 - 1930: Siedlung Neuharlaching, Neuharlaching (Architekten: Florian Lechner, Fritz Norkauer, Eugen Dreisch, Wilhelm Scherer)

1928 - 1930: Siedlung Walchenseeplatz, Obergiesing, (Vorentwurf: Johanna Loev, Carl Jäger)

1928 - 1930: Siedlung Friedenheim, St. Ulrich, Laim (Bruno Biehler, Roderich Fick, Alwin Seifert)

1928 - 1930: Siedlung Neuhausen, Neuhausen (Gesamtplanung: Hans Döllgast, Architekten: Otho Orlando Kurz u. a.)

Karl Preis: Pionier und Visionär (Ausstellung)

Ort: Ausstellung in der Gewofag-Zentrale, Kirchseeoner Straße 3

Zeit: bis 13. Oktober

Weitere Informationen:

Broschüre zur Ausstellung (Download unter GEWOFAG Mediathek)

 

Quellen: Pressemeldung GEWOFAG vom 13. September 2016; Ferdinand Stracke: WohnOrt München

Bildnachweis: Die in den 30ern errichtete Siedlung Neu-Ramersdorf von oben.Foto: Gewofag, Preis-Nachlass c/o Hannes S. Macher, Arbeitskreis Stadtteilgeschichte Ramersdorf e.V.; Karl Preis, GEWOFAG