Vom Jugendstil zum Werkbund

Sein Gestaltungsanspruch reichte vom Entwurf von Fabriken und Siedlungen bis zu Teekessel und den Ornamenten von Teppichen. Richard Riemerschmid war aber nicht nur ein Universalkünstler, sondern auch einer der führenden Köpfe des Jugendstils sowie einer der Begründer des Werkbundes. 

 

Wer vermögend ist, kann sein Hobby zum Beruf machen. Doch Riemerschmid nutzte seine gute Ausgangssituation um seine künstlerische Vision zu realisieren. Er war auf ein Berufener.

Als Sohn des Likörfabrikanten Eduard Riemerschmid wird Richard Riemerschmid am 20. Juni 1868 in München geboren. Richards Großvater schaffte den Aufstieg vom Färbermeister zum vermögenden Fabrikanten mit philanthropischen Einschlag – er hatte 1862 in München die erste deutsche Mädchenhandelsschule, die Riemerschmid-Reischle´sche Handelslehranstalt für Frauenzimmer,gegründet, die heute noch als Riemerschmid-Wirtschaftsschule in der Frauenstraße im Angerviertel besteht.

Der gut betuchte Unternehmers studiert nach dem Abitur 1886 bis 1890 Malerei an der Münchner Kunstakademie, arbeitet aber danach als freischaffender Künstler auch als Architekt. Er entwirft für den Kölner Schokoladeproduzenten Ludwig Stollwerk Sammelbilder für Albenund schreibt bei der Zeitschrift Jugend – die den Ausgangspunkt des Jugendstils bildet – mit.  1898 begründet er die „Vereinigten Werkstätten“ in München mit und gestaltet als Architekt und Möbeldesigner sein Haus in Pasing bis in die kleinsten Einzelbestandteile (Bild unten). Mit der Inneneinrichtung des Schauspielhauses der Münchner Kammerspiele entwirft er 1901 auch das erste Jugendstiltheater der Welt.

1910 werden in der Ausstellung Angewandte Kunst in Paris auf dem  Salon d'Automne von Richard Riemerschmid das Herrenschlafzimmer gezeigt. Das gesamte Mobiliar ist an die Farbe Weiß angepasst, die Komponenten fügen sich perfekt und harmonisch in den Raum ein. 1912 bis 1924 leitet er die Kunstgewerbeschule in München. 1922 war er der bauliche und künstlerische Leiter der Deutschen Gewerbeschau München. Im gleichen Jahr gestaltete er auch den Familienbesitz der Likörfabrik auf der Praterinsel in der Isar (Bild ganz oben).  1926 wechselte er nach Köln, wo er bis 1931 die Kölner Werkschulen leitete.  

International Bekanntheit erlangte Riemerschmid 1926 mit dem Bau des  Funkhaus, in dem heute der Bayerische Rundfunk residiert. Riemerschmid ist der Wegbereiter der modernen Bewegung "Kunst und Handwerk". Mit dem Entwurf von Möbel, Tapeten, Stoffe und Gegenstände aus Glas und Porzellan gilt es als universeller Gestalter eines Stils. Am 13. April 1957 starb er in München. 

 

 

Villa Bechtolsheim, Außendekor, Maria-Theresia-Straße 27, Bogenhausen (1896)

 

In der Maria-Theresie-Straße 27 in Altbogenhausen befindet sich die Villa Bechtolsheim (Bild links), einem der ersten Gebäude, an deren Gestaltung Riemerschmid beteiligt war. Der älteste erhaltene Jugendstilbau Deutschlands in Anlehnung an den englischen Landhausstil wurde von dem Architekten Martin Dülfer zwischen 1896 bis 1898 für Freiherr Clemens von Bechtolsheim erbaut.

Von Richard Riemerschmid stammt die Vorlage für die Aussengestaltung der Fassade. Sie fällt besonders durch das schwungvolles Stuckdekor am hervorspringenden ovalen Turm sowie um die für Dülfer typische hocheckigen Fenstern auf.

Die Gestaltung der Ornamentik ist noch ganz von Riemerschmids Ausbildung als Maler geprägt und gibt dem Gebäude eine ganz eigenartige verspielte Erscheinung.

 

 

 

 

 

Wohnhaus Richard Riemerschmid,

München-Pasing, (1898 – 1907)

Ab 1897 wurde in Pasing die „Villenkolonie Neu-Pasing II“ angelegt. Große Teile des Entwicklungsgebiets im heutigen Stadtbezirk Pasing-Obermenzing befanden sich im Besitz der Likörfabrikanten Riemerschmid, weshalb sowohl Richard Riemerschmid wie auch sein Bruder Arthur sich hier niederließen. Während Artur für den Bau seines Hauses den jungen, aber bereits bekannten Theodor Fischer auswählte, entwarf Richard sich sein Wohnhaus selber. In seiner Gestaltung hebt sich das großbürgerlich und damals fortschrittliche Gebäude mit einem parkartigen Garten deutlich von den meisten anderen, kleinbürgerlichen Häuser aus der Villenkolonie ab. Das Anwesen besteht aus dem Hauptgebäude im historisierenden Jugendstil und einem 1907 errichteten Anbau mit Küche und Atelier. Der Hauptbau besteht aus einem kubischen kern mit Mansardenzeltdach und einem nach Osten ausgerichteten Seitentrakt. Die Hauptseite mit einem Erker ist nach Süden ausgerichtet. Der durch Grundstücksankauf mögliche Wirtschaftsflügel ist mit einem Verbindungsgang zum Ateliergebäude entlang der Lützowstraße angeschlossen.

Das Haus, das sich heute in Privatbesitz befindet und nicht der Öffentlichkeit zugänglich ist, ist im Gegensatz zu den umliegenden Häuser schwer einsehbar. Riemerschmid gestaltete für das Haus und den Nebengebäuden die Innenausstattung bis ins kleinste Detail. Leider zeugen davon nur noch alte Fotografien.

 

 

Kammerspiele,

Inneneinrichtung, München (1901) 

Richard Riemerschmid Anton Riemerschmid hatte seine Likörfabrik ursprünglich an der heutigen Maximiliansstraße im Altstadtviertel Graggenau. Durch die Umgestaltung wurde die Fabrik auf die Praterinsel verlagert, das Grundstück blieb aber in der Hand der Familie, die dort an der neuen Prachtstraße die Gebäude 22, 24, 26, 28, 30 und 30a, den so genannten Riemerschmid-Block, errichten ließ. Hinter dem Doppelhaus der Hausnummer 26/28 entstand 1900 bis 1901 im Auftrag des Eigentümers Carl Riemerschmid durch den Architekten Max Littmann das „Münchner Schauspielhaus“, dass seit 1914 Sitz der damals von Otto Falckenberg geleiteten „Münchner Kammerspiele“ ist. Littmann entwarf einen intimen Zuschauerraum mit 727 Sitzplätzen als ampitheatralischen Saal mit ansteigendem Parkett und Balkon.

Richard Riemerschmid, der Bruder des Eigentümers, gestaltete die Innenräume. Das Schauspielhaus gilt als einzigartiges Gesamtkunstwerk des Jugendstils, weil Richard Riemerschmid die Gestaltung bis zu einzelnen Beleuchtungskörpern und Türgriffen ins kleinste Detail gestaltete. Eine wichtige Rolle spielte dabei Riemerschmids großflächiges Farbkonzept, kombiniert mit Modellierungen des Mörtelputz und des Stucks vor allem im Deckenbereich. In der Gestaltung der Türen und Beschläge macht sich der Einfluss Henry van der Velde bemerkbar.

1937 und 1950 erfolgten jedoch weitgehende Änderungen der Verkleidung der Innenausstattung, wodurch das ursprüngliche Konzept Richard Riemerschmid beeinträchtigt wurde. Eine aufwendige Restaurierung durch den Architekten Reinhard Riemerschmid, dem Großneffen Richard Riemerschmids, stellte zwischen 1970 und 1972 die originale Erscheinung jedoch weitgehend wieder her.

 

 

Dresden-Hellerau

Fabrikanlage der Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst und Arbeiterwohnungen (1909–1911)

Während seiner Wanderjahre in England lernte der Tischlergeselle Karl Schmidt (1873-1948) in deutschen und nordeuropäischen Städten, unter anderem auch in England, die maschinelle Serienfertigung von Möbeln unter Verwendung von Serienbauteilen kennen. Im Jahr 1898 gründete er in Dresden-Laubegast seine eigene Bautischlerei und Möbelfabrik, die zunächst  „Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst Schmidt & Engelbrecht“  und ab 1899 „…Schmidt & Müller“ hieß. Für den Entwurf seiner Serienmöbel und -gebrauchsgegenstände engagierte er Künstler und Kunsthandwerker. Neu war, dass er  Künstler anteilig am Umsatz beteiligte und ihre Namen in den Produktkatalogen angab. Unter anderem arbeitete er mit Charles Rennie Mackintosh und seit 1902 auch mit Richard Riemerschmid zusammen. Später heiratete er dessen Schwester.

Während seiner Wanderschaft hatte Karl Schmid in England auch die Idee der Gartenstadt kennengelernt. Er setzte sie vorbildlich als sozialen Fortschritt und Lösungsweg der ungesunden Enge der städtischen Arbeiterwohnungen bei seinen eigenen Fabrikanlagen in Dresden um. 1909 kaufte er dazu 180 Hektar Land und gründete die Gartenstadt-Gesellschaft Hellerau. Zeitgleich mit dem Bau der Fabrikanlagen Deutschen Werkstätten durch Riemerschmid (Bild links) begann Schmidt, der sich ab 1938 Schmidt-Hellerau nannte, mit dem Anlegen der Arbeiterwohnungen an der Siedlungsstraße „Am Grünen Zipfel“ (Bild oben links). Die Wohngebäude entstanden ebenfalls nach den Bauplänen seines Schwagers Richard Riemerschmid. 

 

Volksschule, Oselstraße, Villenkolonie Neu-Pasing I; (1914)

Für den „Mädchenschulverein Pasing e.V“ entwarf Riemerschmid ein zweigeschossiges Gebäude mit schlichtem Schopfwalmdachbau in der Villenkolonie Pasing I. Der Giebel mit dem breiten Fenster, hinter dem sich ehemals der Zeichsaal befand,  ist nach Süden ausgerichtet. Ein urpsrünglich geplanter Pensionstrakt kam nicht zur Ausführung. Heute ist das Gebäude Teil der 1965 errichteten Volksschule.

 

 

Innendesign, Möbel, Teppiche und Gebrauchsgegenstände

1910 werden in der Ausstellung Angewandte Kunst in Paris auch Werke deutscher Künstler und Designer gezeigt. Das Publikum entdeckt im Grand Palais dreizehn von deutschen Künstlern zum Thema Das Haus eines Kunstliebhabers dekorierte und eingerichtete Räume.

Einige der Teilnehmer gehören wie Richard Riemerschmid zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Werkbunds, dessen künstlerische Ambitionen eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung verbunden sind. Die 1907 gegründete Vereinigung von Architekten, Dekorateuren, Designern, Handwerkern und Industriellen versuchte, in den Bereichen der Architektur und der kunstgewerblichen Gegenstände neue, funktionellere Formen zu entwickeln, die ihrer Zeit angepasst sind.

 

Dazu sollen die neuesten industriellen Techniken benutzt werden, um den in Deutschland hergestellten Produkten eine führende Position auf dem Weltmarkt zu sichern. Auf dem Salon d' Automne von 1910 präsentiert Riemerschmid ein Herrenschlafzimmers. Die Wände sind mit einer weißen Holztäfelung verkleidet, die nur von Zierleisten und kleinformatigen Werken, welche die Oberfläche rhythmisch strukturieren, hervorgehoben wird. Das Mobiliar ist an die Farbe Weiß angepasst, so dass Kleiderschrank, kleinere Möbel und Spiegel sich perfekt in den Raum einfügen. Diese Harmonie wird durch die Art und Weise verstärkt, wie das Mobiliar aufeinander bezogen ist.

Riemerschmids Vielseitigkeit in der Gestaltung umfasst jedoch auch Möbel, wie Stühle, Schreibtissche, Sekretäre und Regale, die er durch die  Fabrik seines Schwagers Karl Schmidt in den Deutschen Werkstätten herstellen lässt.

Daneben gestaltet er Vorlagen für die Ornamente für Teppiche, für Vasen und Teller, sowie auch ganze Besteck-Modelle. Ein Anlass seine vielseitigen Kunstwerke zu zeigen, bildet 1914 die Ausstellung des Kölner Werkbund 1914. Auf Initiative des 36jährigen Konrad Adenauer – damals Erster Beigeordneter der Stadt Köln – wurde auf dem rechtsrheinischen Deutzer Rheinufergelände, ein 350.000 Quadratmeter großes Gelände zur Verfügung gestellt. Es wurden unter anderem ein Theaterbau von Henry van der Velde, eine Musterfabrik von Walter Gropius, eine Festhalle von Peter Behrens sowie das berühmte Glashaus von Bruno Taut gezeigt. Die Haupthalle wurde von Theodor Fischer gestaltet, Riemerschmids Möbel und Innendesign wurde extra in einer dafür erstellten Villa präsentiert.

 

 

 

Neugestaltung Likörfabrik, Praterinsel, München (1922)

Der Grundstein für den Wohlstand der Familie Riemerschmid bildete die von Richard Riemerschmids Großvater Anton Riemerschmid 1835 gegründete Weinbrennerei, Essig- und Likörfabrik. Diese hatte ursprünglich ihren Stammsitz an der Maximiliansstraße, wo Richard Riemerschmid später die Inneneinrichtung des Schauspiels gestaltete. Mit der Neugestaltung der Maximiliansstraße im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde die Fabrik zunehmend auf die Praterinsel verlagert, wo Anton Riemerschmid bereits 1835 das ehemalige, 1817 erbaute Restaurantgebäude, erworben hatte und als Fabrikgebäude nutzte. 1867 entstand zudem ein wesentlich größeres Hauptbau im klassizistischen Stil gestaltet von Reinhold Hirschberg (Aufmacherbild ganz oben). 1922 stockte Richard Riemerschmid den Altbau von 1817 um ein Stockwerk auf, gestaltete es Innen neu und verband es durch einen schmalen Zwickelbaumit Treppenhaus mit dem Westtrakt. Beteiligt an den Arbeiten war im Büro Riemerschmid damals auch der junge Architekt Hans Döllgast, der insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg Bekanntheit als „Architekt des Wiederaufbaus“ durch die gelungene Neugestaltung der Alten Pinakothek und St. Bonifaz erlangte.

 

Funkhaus, Arnulfstraße (1926)

Mit dem bemerkenswerten Spätwerk des Funkaus für den Sender „Deutsche Stunde in Bayern“ näherte sich Richard Riemerschmid der Neuen Sachlichkeit an. Der langgestreckte Eckbau wurde für die Verwaltungs- und die Proberäume des Senders errichtet. Über einen Betonsockel ragen drei Hauptgeschosse auf, die über eine Zusammenfassung der Fenster  in Blenden betont vertikal gegliedert sind.

Das flächig wirkende oberste Geschoss und das Walmdach wurden im Krieg zerstört und durch eine doppelgeschossige Aufstockung ersetzt.

In der mittleren Eingangsachse wurde das ovale Treppenhaus angelegt. Die elegant geschwungene Treppe ist im Gegensatz zu den drei von Riemerschmid ausgestatteten Senderäume mit der damals „größten Funkorgel der Welt“ erhalten.

 

 

 

Literatur:

Dennis A. Chevalley, Timm Weski: Denkmäler in Bayern; Landeshauptstadt München, Südwest, Band 1-2

Heinrich Habel, Johannes Hallinger, Timm Weski: Denkmäler in Bayern; Landeshauptstadt München Mitte, Band 1-3

Winfried Nerdinger (Hrsg.): Richard Riemerschmid. Vom Jugendstil zum Werkbund. Werke und Dokumente. München 1982.

Winfried Nerdinger (Hrsg.). Architekturführer München, Dritte Auflage