Franz Ruf: Vater der Parkstadt Bogenhausen

Franz Ruf stand zeitlebens im Schatten seines bekannten Bruders Sep Ruf, mit dem er zum Teil gemeinsam Projekte entwarf. Dabei hat Franz Ruf in Qualität und Quantität bedeutende Einzelbauten und Stadtquartiere, wie die Parkstadt Bogenhausen und die Staatsbauschule München, gestaltet.

 

Franz Ruf wurde 1907, drei Jahre nach seinem Bruder Sep Ruf, als Sohn des Rechnungsinspektor des Landesversicherungsanstalt Oberbayern, Peter Joseph Ruf, und Wilhelmine Ruf in München, geboren. Nach erfolgreichem Abschluss seines Architekturstudiums an der Staatsbauschule München 1929 arbeitete Franz Ruf zunächst in einer Bürogemeinschaft zusammen mit seinem Bruder Sep Ruf (Architekturbüro Ruf).

Bürogründung und Bau der NS-Mustersiedlung Ramersdorf

1933 eröffnete Franz Ruf ein eigenes Architekturbüro in München, in das er 1973 auch seinen Sohn Andreas Ruf als Partner aufnahm. In der Zeit des Nationalsozialismus realisierte Franz Ruf private Wohnhäuser und Gewerbebauten. Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit lag jedoch auf der Planung und Ausführung von Wohnsiedlungen im Auftrag gemeinnütziger Wohnungsbauunternehmen, hauptsächlich der Heimbau Bayern Gemeinnützige Baugesellschaft mbh München.

Gemeinsam mit Lois Knidberger und seinem Bruder Sep Ruf beteiligte er sich schon 1934 am Bau der Mustersiedlung Ramersdorf unter der Gesamtplanung von Guido Harbers. Die Knidberger und die beiden Rufs errichteten 16 der 192 Bauten. Im Gegensatz zur kurz zuvor noch in der Weimarer Republik erstellten Siedlung Neu-Ramersdorf mit 3500 Wohnungen in mehrgeschossiger Blockbebauung propagierte harbers in direkter Nachbarschaft kleine Einfamilienhäuser mit Wohnflächen zwischen 56 und 129 Quadratmetern. An dem Projekt beteiligten sich auch Architekten wie Karl Delisle und Hanna Loev, die schon bereits in der Weimarer Republik Wohnanlagen für städtische Unternehmen wie die GEWOFAG geplant hatten.

Oberland-Siedlung an der Olympiastraße

In den folgenden Jahren konzipierte Franz Ruf den Bebauungsplan für die zwischen 1938 und 1942 errichtete Oberlandsiedlung an der Einhornallee für die Süddeutsche Grund- und Hausbau. Die Anlage liegt an der sogenannten Olympiastraße, der heutigen Autobahn nach Garmisch-Partenkirchen, im heutigen Bezirksteil Mittersendling, südwestlich des Luise-Kieselbach-Platzes. Im Gegensatz zu den kleinen Einfamilienhäuser der Mustersiedlung Ramersdorf wurde die Oberland-Siedlung als monumentaler Eingang zur Stadt mit fünfgeschossigen Doppelzeilen mit parallel verlaufenden dreigeschossigen Häuserzeilen erbaut. Die Einzelhaussiedlung nördlich dieser Zeilenbauten war bereits zwischen 1935 bis 1938 entstanden. Franz Ruf setzte die Bebauung der Wohnanlage (siehe Bild links, Innenhof) zusammen mit seinem Bruder Sep Ruf um.

 

Ludwig Siebert-Siedlung für Dornier-Mitarbeiter

Etwa zeitgleich entwarf Franz Ruf (1938 – 1940) auch eine Wohnsiedlung für Angehörige der Dornier-Flugzeugwerke in Neuaubing im Westen von München, die er allerdings allein ohne seinen Bruder umsetzte. Insgesamt waren 800 Wohneinheiten mit acht verschiedenen Haustypen auf 300 bis 600 Quadratmeter großen Grundstückstypen vorgesehen, die aber aufgrund des Kriesausbruchs nur zu zwei Drittel verwirklicht wurden. Die Häusertypen variierten mit einem Mix aus Einfamilienhäuser und Geschosswohnungsbauten zwischen den beiden Extremen der Mustersiedlung Ramersdorf und der Oberlandsiedlung. Die Siedlung wurde bald zu ideologischen Zwecken instrumentalisiert und nach dem damaligen NS-Ministerpräsidenten Ludwig Siebert benannt. So bildete der Gößweinplatz als Zentrum der Siedlung eine Freifläche, die als Apell und Aufmarschplatz genutzt wurde. Interessant ist die von Franz Ruf geschwungen angelegte Straßenführung (siehe Bild links): Sie bildet dadurch unterschiedliche Straßenräume und Sichtachsen aus.

Krieg und Nachkriegszeit

Während des Zweiten Weltkriegs war Franz Ruf als Soldat im Nachschub eingesetzt. Mit dem Wiederaufbau der Zahnklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München in der Goethestraße setzte er 1947 seine Arbeit im kriegszerstörten München nach dem Ende des NS-Regimes als Architekt fort. Aufgrund der Zerstörungen, der großen Anzahl der Flüchtlingen und dem Zuzug vom Land bestand ein enormer Wohnungsbedarf. Während der folgenden dreißig Jahre prägte Franz Ruf das Stadtbild hauptsächlich durch die Schaffung des dringend benötigtem Wohnraum in Gestalt ausgedehnter Wohnsiedlungen und Wohnanlagen.

Der Vater der Parkstadt Bogenhausen

Anfang der 1950er-Jahre entwarf Franz Ruf sein wohl bekanntestes Wohnquartier, die Parkstadt Bogenhausen (siehe Bilder oben groß, links und links unten). Die für die Neue Heimat errichtete Siedlung gilt als erste geschlossene Wohnanlage der Nachkriegszeit in München. Franz Ruf griff dabei auf seine städteplanerische Erfahrung mit den Mustersiedlung Ramersdorf, der Oberlandsiedlung sowie der Siedlung Neuaubing zurück und interpretierte sie durch neue Erkenntnisse und moderne Bauweise.

Gestaffelte Reihenhäuser sowie neun- bis zwölfstöckige Wohnhochhäuser umfassen 15 verschiedene Wohnungstypen zwischen 20 und 80 Quadratmeter Wohnfläche. Insgesamt wurden 2000 Wohneinheiten erstellt. Die durch die Hochhäuser angeschirmte Parkstadt wurde durch eine geschwungene Hauptstraße erschlossen, während Parkwege zu den einzelnen Gebäuden und den zentralen Grünflächen führen. Einrichtungen wie Schule, Kita, Einkaufszentrum und Fernheizkraftwerk ergänzten die Wohngebäude.

Nach Franz Rufs bebauungsplan wurde von den Architekten  Franz Ruf, Helmut von Werz, Matthä Schmölz, Johannes Ludwig und Hans Knapp-Schachleitner die einzelnen Gebäude entworfen.

Die später von Franz Ruf entworfene Bebauungspläne, etwa in der Zschokkestraße oder im Hasenbergl, berücksichtigten ebenfalls Grünflächen, erreichten aber nicht die Eleganz der Parkstadt Schwabing.

Die Staatsbauschule München

Ein Beispiel, dass Franz Ruf nicht nur ein begnadeter Stadtplaner sondern auch ein hervorragender Architekt war, ist  das Gebäude der Staatsbauschule München, der heutigen Fachhochschule, in der Maxvorstadt unweit des Stachus. „Neben den Bauten von Sep Ruf  ist die Staatsbauschule eines der wenigen Beispiele für konsequent moderne Architektur im Rahmen des Münchner Wiederaufbaus“, heißt es im Architekturführer München.

Die Staatsbauschule hebt sich durch eine ausgewogene Proportionierung sowie durch die abwechslungsreiche Verwendung von Naturstein von den zeitgenössischen Bauten hervor. Die Gebäudegruppe wurde in zwei Bauabschnitten nach Entwürfen der Architekten Franz Ruf, Rilf ter Haerst sowie Adolf Seifert in den Jahren 1954 bis 1956 sowie 1968 bis 1971 errichtet. Das zweiteilige Hauptgebäude  folgt dem Straßenverlauf der Karlstraße. Daran schließt sich auf einer Grünfläche ein Gebäudekomplex mit einem zentralen Innenhof und einem freistehenden Hörsaalgebäude an.

Kirche Maria Sieben Schmerzen

Franz Ruf entwarf auch Sakralbauten wie die Kirche St. Josef in Holzkirchen. Mit der 1970 im Stadtteil  Hasenbergl fertig gestellte Kirche Maria Sieben Schmerzen übernahm Franz Ruf in der Gestaltung die auffällige Form der Pyramide. Wie in den anderen Kirchenbauten im Hasenbergl, der katholischen Pfarrkirche St. Nikolaus von Hansjakob Lill und der Evangelisch-Lutherischen Evangeliumskirche von Helmut von Werz und Christoph Ottow am Stanigplatz, handelt es sich auch bei für Maria Sieben Schmerzen um einen Stahlbetonbau unter Verwendung von Klinker bzw. Ziegel.

Produktiver Gestalter

Franz Ruf hat durch zahlreiche Arbeiten das Erscheinungsbild von München zwischen den 1930-er bis Ender der 1970er- Jahre in der bayerischen Landeshauptstadt geprägt. Der räumliche Schwerpunkt von Rufs Aktivitäten lag in München und dem Münchner Umland, ein weiterer in Regensburg. Bauten von ihm sind aber auch in Landsberg, Bayreuth und Neustadt an der Weinstraße zu finden. Im Dezember 1997 starb Franz Ruf zusammen mit seiner Frau Irmi und der Enkelin Lisa bei einem Autounfall in Gmund am Tegernsee.

Werke

1934: 16 von 192 Einfamilienhäuser der Mustersiedlung Ramersdorf (mit Lois Knidberger, Sep Ruf) zur Deutschen Siedlungsausstellung 1934, München

1938: GEWOFAG-Siedlung Neuhausen (mit Hans Döllgast, Sep Ruf, Johannes Ludwig), München

1942: Oberlandsiedlung Cimbernstraße-Olympiastraße-Einhornallee (mit Sep Ruf) am Waldfriedhof für die Heimbau Bayern, München

1939 Dornier-Siedlung für Heimbau Bayern, Neuaubing, München

1939 Bebauungsplan und Wohnbauten Forstenriederstraße, München

1939 Wohnbauten Steinheil-, Werinher- und Pfälzerwaldstraße, für Heimbau Bayern, München

1939 Wolfra Saft- und Marmeladenfabrik, Bayerbrunnerstraße, München

1939 Wohnanlage Untersberg-, Perlacher-, Setzberg- und Firstalmstraße, München

1939 Obstweinkelterei Vollmann, München

1948 Wiederaufbau Zahnklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München

1949 Wohnbauten Hansa- und Fuggerstraße für Verein für Wohnkultur, Westpark, München

1950 Reihenhäuser Willibald-, Radstädter-, Mallnitzer- und Böcksteinstraße, Laim, München

1951 Ganghofersiedlung, Regensburg

1952 Kreissparkasse, Ebersberg

1954: Situli-Schule (mit Johannes Ludwig), Freimann, München

1955: Gesamtplanung der Parkstadt-Bogenhausen mit Wohnbauten, Grundschule und Ladenzentrum (mit Hans-Knapp-Schachleitner, Johannes Ludwig, Matthä Schmöl, Helmut von Werz), Bogenhausen, München  

1956: I. Bauabschnitt Staatsbauschule, heute Fachhochschule München (mit Adolf Peter Seifert, Rolf ten Haerst, Landesbauamt München), Maxvorstadt, München

1955: Wiederaufbau Wohnbauten Oskar-von-Miller-Ring, München

1957: Reihenhäuser für Neue Heimat in Berg am Laim

1958: Siedlung Alte Heimat (mit Sepp Pogadl) für Neue Heimat, Zschokkestraße, Laim, München

1959: Sparkasse Landsberg am Lech

1959: Stadt- und Kreissparkasse Diessen am Ammersee

1959: Fernmeldekaserne Lechfeld

1962: Bebauungsplan Fürstenried I und II (mit Fred Angerer, Hans Knapp-Schachleitner)

1962: Kirche St. Josef in Holzkirchen

1963: Roter Hügel, Bayreuth

1965, 1968: Wohnanlage Neuaubing West, Neuaubing, München 

1968 Wohnanlage Fasanenpark für Neue Heimat, Unterhaching,

1969: II. Bauabschnitt Staatsbauschule, heute Fachhochschule München (mit Adolf Peter Seifert, Rolf ten Haerst, Landesbauamt München), Maxvorstadt, München

1969: Hasenbergl Nord, München

1969: Institut für systematische Botanik, Ludwig-Maximilians-Universität München

1970: Kirche Maria Sieben Schmerzen, Hasenbergl,

1970 Ladenzentrum in Taufkirchen

1971 Ladenzentrum in Haar

1976 Wohnanlage, Fürstenfeldbruck

1974 Deutscher Lloyd Lebensversicherung, München

1977 Wohnanlage Perlacherstraße, München

Quellen/Literatur:

Winfried Nerdinger (Hrsg.): Architekturführer München

Franz Ruf: Bauten und Pläne (= Bibliographische Sammlung Deutsche Architekten. 1). Fackler, München 1950.

Elmar Hegedüs: Der Architekt Franz Ruf und die Architektur der Fünfziger Jahre in München. Sonderdiplomarbeit Fachhochschule München, Fachbereich Architektur (Masch.). München 1993

Irene Meisssner: Sep Ruf 1908 – 1982, Berlin 2013

Weiterführende Informationen:

Archinform: Franz Ruf

Bildquellen: Oben: Ladenzeilen und Gaststätten in der Buschingstraße 2, 4, 6, Parkstadt Bogenhausen; Ulrich Lohrer; Maria Sieben Schmerzen, Hasenbergl, Außenansicht von Südwesten, Foto: Margrit Behrens