Ausstellung: Rumfords Rezepte und Bauten für München

Erstmals würdigt die Ausstellung „Rumford: Rezepte für ein besseres Bayern“ im Münchner Stadtmuseum Leben und Werk des Sir Benjamin Thompson, dem Schöpfer des Englischen Gartens und der als Graf Rumford fraglos zu den intelligentesten Köpfen zählt, die je in München gewirkt haben.

 

Als Initiator des Englischen Gartens, Sozialreformer, Krisenmanager, Staatsmann, Physiker, Erfinder, Stadtplaner und Ernährungsphysiologe steht er für einen schier atemberaubenden Kosmos an Ideen. Rumford war ein 'soldier of fortune' amerikani- scher Prägung und ein Weltverbesserer bar jeglicher Ideologie, aber getrieben von der praktischen Überzeugung, der Menschheit zu einem besseren Leben verhelfen zu können. Seine Lösungsvorschläge fordern aktuell dazu auf, den sozialen, ökonomischen, ökologischen und letztlich auch ethischen Problemen einer globalisierten Welt entgegengesetzt zu werden.

Am 4. Juli 1776, dem Tag, an dem die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängigkeit erklärten, war Rumford 23 Jahre alt. Als ein bereits ranghoher Offizier hatte er die vorausgegangenen und anhaltenden Auseinandersetzungen des Unabhängigkeitskriegs unmittelbar mitverfolgt. Rumford stand aber nicht in den Reihen der Rebellen, sondern im Dienst König Georgs III. von England. Er war ein loyaler Verfechter der britischen Krone, für die er sich durch die feindlichen Linien laviert und seine amerikanischen Landsleute ausspioniert hatte. So ist nicht nur die zwiespältige Haltung zu verstehen, in der man ihm im Herkunftsland bis heute als einem berühmt gewordenen Wissenschaftler, im Grunde aber auch als einem Verräter begegnet. Darüber hinaus lernt man Rumford von Anfang an auch als einen Vertreter des alten Staatensystems kennen, für dessen Machterhalt er eintrat und auf dem er seine beeindruckende Karriere in Europa schließlich aufbauen konnte.

Der als Graf Rumford bekannt gewordene Benjamin Thompson wird am 26. März 1753 in dem Dorf Woburn als Sohn eines Farmers geboren, rund zehn Meilen nordöstlich von Boston in der damals britischen Kolonie Massachusetts. 

Rumford muss New England aufgrund seiner Unterstützung der Briten verlassen und flieht nach London, wo er am Hofe König Georgs III. empfangen wird. Thompson sieht sich als Mann des Militärs und so kann ihm England mit seinen leeren Staatskassen keine anspruchsvolle Betätigung bieten. Er beschließt sein Glück bei den Habsburgern in Wien zu suchen, die nach dem Bayerischen Erbfolgekrieg auf einen Konflikt mit dem Osmanischen Reich zusteuern. Auf dem Weg dorthin führt ihn eine Verkettung von Umständen nach München an den Hof des kurpfalz-bayerischen Kurfürsten Karl Theodor (Bild links). Hier wird er die nächsten vierzehn Jahre bleiben und seinem unwahrscheinlichen Lebenslauf die produktivsten Kapitel anhängen.

Karl Theodor ist angetan von dem weltgewandten, charismatischen und energischen jungen Mann. Durch den Wittelsbacher Erbvertrag war Karl Theodor genötigt, die Kurpfalz und Bayern zu vereinigen und Residenz in München zu beziehen, welches ihm, gelinde gesagt, provinziell erscheint.

Während er an seinem Mannheimer Hof eine kostbare Bibliothek eingerichtet hatte, während Mozart für ihn musiziert, er mit Voltaire einen engen Kontakt pflegt und Schiller „Die Räuber“ uraufführte, fühlte er sich fremd in Bayern. Karl Theodor ist hochgebildet und verfolgt die Ideen der Aufklärung, rückt aber keinesfalls vom Prinzip absolutistischer Herrschaft ab. Er sieht sich als Stifter der Künste, militärische Angelegenheiten sind ihm lästig. Sein Hofstaat formt innerhalb Münchens eine Stadt in der Stadt. Und in diese nimmt er Thompson auf.

Bayern befindet sich in einer kritischen Situation. Karl Theodor sieht er sich mit einem grundlegenden Problem konfrontiert: er besitzt ein großes schlecht entwickeltes Land und verfügt weder über eine entsprechende Anzahl an Soldaten um es verteidigen zu können, noch genügen die Kräfte zur angemessenen Bewirtschaftung. Es gibt so gut wie keine Industrie in Bayern und so bleibt einzig die Agrarwirtschaft um die Menschen zu versorgen. Die Armut ist entsprechend hoch, etwa ein Drittel der Menschen lebt vom Bettel.

Benjamin Thompson schlägt eine umfassende Armeereform vor. Zwischen 1788-1796 erarbeitet Thompson sukzessive ein Reformprogramm, welches all seine Innovationen für Bayern beinhaltet und ihn zum Reichsgrafen von Rumford aufsteigen lässt.

Die Ausstellung stellt diese Reformen in den Mittelpunkt. Seine Themen sind Militär und Zivilgesellschaft, Armut und Arbeitslosigkeit, sowie Nutzung, Gestaltung und Teilhabe des urbanen Raums. Er beginnt seine Reform bei den Soldaten selbst. Er lässt Militärgärten einrichten, in denen die Soldaten zu Farmern ausgebildet werden sollen. Er gründet Militärakademien, die allen Gesellschaftsschichten bei entsprechender Begabung offen stehen.  

Aus dem ersten dieser Militärgärten entsteht der Englische Garten (Bild oben und Bild links). Ursprünglich war die Hirschau an der Isar – wenn nicht von dieser überschwemmt – kurfürstlicher Jagdgrund. Nun sollen Soldaten dort in kleinen Parzellen das Landwirtschaften lernen. Doch Rumford erweitert bald den Plan, vergrößert die Fläche, lässt die Auen aufwendig befestigen und schlägt dem Kurfürsten die Öffnung des Theodorparks für alle Münchner vor. Die Anlage ist nach Rumfords Vorstellungen im englischem Stile entworfen und beherbergt eine Modellfarm, die Soldatengärten, eine Baumzucht, mehrere Brücken, das unter seiner Ägide gegründete veterinärmedizinische Institut. Und einen Chinesischen Turm.

Die Pagode im chinesischen Stil war Rumford aus Kew Gardens bei London bekannt. Allerdings geht es ihm bei der Münchner Version weniger um schlichten Exotimus. Während Chinoiserien an vielen europäischen Höfen en vogue sind, bemüht Rumford die Vorbildfunktion des Kaiserpaares. Sie sollen Sinnbilder für die gute, gesunde, kenntnisreiche und vernünftige Herrschaft stiften. Das unendlich große chinesische Reich, so die Idee, konnte nur vom absolut besten Herrscher geführt werden.

 

Um dem Bettel Einhalt zu gebieten, der das ganze Land lähmt und in den Städten geradezu katastrophale Ausmaße annimmt, gründet Rumford das militärische Arbeitshaus (Bild links) in der Münchner Vorstadt Au. Das Almosensystem katholischer Prägung ist zu diesem Zeitpunkt überfordert, es hungern doch immer noch viel zu viele. Mit der Aufklärung ändert sich die Rezeption von Armut, die nun weniger als gottgegeben akzeptiert wird. Rumford möchte nicht nur Hunger stillen, er versucht sich in Arbeitsmarktpolitik. Sein Ziel ist es, den Menschen – den Kindern im Besonderen – den Nutzen und Zweck von Arbeit beizubringen. Im klinisch gereinigten Arbeitshaus finden sich vor allem Webstühle aber auch Leder oder Knopfwerkstätten. Dort werden im Auftrag der Bayerischen Regimenter Uniformen hergestellt, designt von Rumford selbst. Die Kinder werden langsam an die Arbeiten herangeführt und bekommen außerdem Schulunterricht. 

Mehr als tausend Menschen müssen täglich im Arbeitshaus versorgt werden. Dafür entwirft Rumford neuartige Energiesparöfen und erfasst als einer der ersten den Energiegehalt von Lebensmitteln. Während er bei der Herstellung der Speisen den Einsatz von Energie, also vor allem von Feuerholz, minimieren möchte, sucht er bei den Speisenden die gewonnene Kraft zu maximieren. So erfindet er einen bahnbrechend neuen Ofen und die schnell über die Landesgrenzen hinweg bekannte Rumfordsuppe.

Die Kartoffelknolle, aufgrund ihrer giftigen Wirkung beim Rohverzehr in Bayern gefürchtet, ist wichtiger Bestandteil des Rezeptes und wird nicht zuletzt durch den Einsatz Rumfords rehabilitiert.

Den Höhepunkt seiner Macht erlangt Rumford im Jahr 1796. Die französischen und die Habsburger Truppen sind in Bayern eingefallen und finden sich gleichzeitig vor den Toren Münchens ein. Kurfürst Karl Theodor hat Bayern vorzeitig verlassen und Rumford das Oberkommando übergeben. Durch eine diplomatische List bewegt er schließlich beide Armeen zum Abzug. München bleibt unversehrt. Dabei hatte Rumford die Entfestigung der Stadtmauern veranlasst und den Karlsplatz anlegen ließ. Er erkannte früh, dass die Mauern ihre Schutzfunktion verloren hatten. Außerdem sie engten die Stadt in ihrem Wachstum ein. Mit der Schleifung der Gemäuer legt er den Grundstein für den heutigen inneren Ring. Es sagt gleichsam einiges über das Verhältnis der Münchner zu ihrem kurpfälzischen Regenten aus, dass der Karlsplatz als Stachus (großes Bild unten) bezeichnet wird.

Noch vor dem Tod Karl Theodors 1799 entscheidet sich Rumford zu einer Rückkehr nach London, wird dort allerdings nicht wie geplant Botschafter der Wittelsbacher sondern gründet mit anderen die Royal Institution, eine wissenschaftliche Forschungs- und Vermittlungseinrichtung. Ziel ist die Publikation und Verbreitung fortschrittlicher Ideen zum Wohle der Menschen. Rumford zieht in der Folge alleine nach Auteuil, damals ein Vorort von Paris. Dort arbeitet er ungebremst in diversen wissenschaftlichen Feldern und stirbt schließlich im Jahre 1814. Er liegt auf dem Friedhof von Auteuil begraben.

Einerseits wohnt den Gedanken Rumfords stets eine kühl kalkulierende mathematische Art inne. Er rechnet rational, ihn drängt es zu Effektivität. Zugleich ist sein Handeln von ethischen Überzeugung getragen. Es geht ihm um ein besseres Leben für die Menschen oder, wie es Rumford selbst formuliert, darum, "die Glückseligkeit unserer Mitmenschen" zu fördern.

 

Rumford: Rezepte für ein besseres Bayern

Ort: Stadtmuseum München; St.-Jakobs-Platz 1,
80331 München

Zeit: Ausstellungsdauer: 31-10-2014-19.04.2015, Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag 10.00-18.00 Uhr, Montags geschlossen Ausstellungseröffnung: Donnerstag, 30. Oktober 2014, 19.00 Uhr

Buch: Zur Ausstellung erscheint beim Hirmer Verlag ein umfassender Katalog, der auf rund 380 Seiten und ca. 200 farbigen Abbildungen über die Ausstellung hinaus einen Einblick in Rumfords Leben und Wirken gibt.

 

Quelle: Pressemeldung  Stadtmuseum München

Bilder: Kraus – Karlsplatz in München 1825; Benjamin Thomson von Gainsborogh; Klotz: Kasino im Englischen Garten, Wening – Wollmanufaktur in der Au;  Rumford-Roaster (Anonym); Rumford und sein Kamin; Kurfürst Karl Theodor um 1780 (anonym);