Schinkel in München

In München ist es Leo von Klenze (1784–1864), der mit seinen Bauten in der Ludwigsstraße und dem Königsplatz den Klassizismus bestimmte. Als berühmtester Vertreter dieses Stils wird jedoch sein Zeitgenosse, der Preuße Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) angesehen.

 

Schinkel, das preußische Universalgenie wird mit dieser Ausstellung zum ersten Mal in München gefeiert. Mehr als 300 Objekte geben einen umfangreichen Einblick in Leben und Werk eines der bedeutendsten europäischen Architekten am Beginn der Moderne.

Doch der Zeitgenosse von Leo von Klenze ist weit mehr: Schinkel ist Stadtplaner, Maler, Zeichner, Interieur- und Produktdesigner, Schöpfer traumhafter Bühnendekorationen und Visionär utopischer Bauphantasien. Gezeigt werden Originalentwürfe zu Mozarts »Zauberflöte« (Bild links) und erstmals in Gegenüberstellung von Original und Kopie sein bedeutendes Gemälde »Gotischer Dom am Wasser« (Bild unten links). Weiterer Höhepunkt bildet eine Rekonstruktion des optisch-mechanischen Schaubildes zum »Brand von Moskau« (1812), mit dem Schinkel schon damals ein breites Publikum begeistert. Diese Retrospektive demonstriert, wie Schinkel eine ganze Epoche vom Klassizismus bis zum Historismus prägt.

Die Frage nach dem Verhältnis von »Geschichte« und »Poesie« in seinem Kunstuniversum führt als Leitfaden durch die Ausstellung: Für Schinkel müssen beide Aspekte in Einklang gebracht werden damit ein Bauwerk oder ein Objekt über das »nackte Bedürfnis« hinaus zum Kunstwerk wird.

Neun Sektionen gliedern die Schau: Der Besucher wird zu Beginn in Das Leben Schinkels eingeführt, lernt seine Familie sowie seine Weggefährten kennen. Die Sektion Geschichte, überliefert und konstruiert. Die Entdeckung der historischen Denkmäler (siehe Bild rechts, Schinkels Zeichnung der Akropolis) folgt im Anschluss den ersten Schritten des jungen Architekten und begleitet ihn auf seiner einjährigen Italienreise (siehe Bild oben rechts).

 

Nach Berlin zurückgekehrt ohne Aussicht auf Arbeit als Architekt, findet Schinkel zunächst als Bühnenbildner seine Berufung. In Die Bühne und die Welt. Geschichtsphantasien und das Fremde im Theaterbild entführt er den Betrachter durch traumhafte Bildinszenierungen an exotische Orte. Doch auch tagesaktuelle Ereignisse werden von ihm thematisiert: 1812 endet Napoleons Feldzug im brennenden Moskau. Dieses bildkräftige Ereignis geht als Wendepunkt der napoleonischen Kriege und der anschließenden Neuordnung Europas in die Geschichte ein. Wenige Monate später inszeniert Schinkel den »Brand von Moskau« in einem aufwendigen perspektivischen Schaubild mit Toneffekten und beweglichen Puppen, das von den Berlinern begeistert aufgenommen wird. Zum ersten Mal überhaupt wird für diese Ausstellung das Figurentheater mit aufwendiger Technik rekonstruiert. In Wege zur Nation. Schinkels Denkmalentwürfe wird die Rolle Preußens in seiner Suche nach einer nationalen Identität thematisiert.

Schinkels Erfolge bleiben nicht unbemerkt und imposante architektonische Aufträge folgen für Königshaus und Staat. In Preußen als Kunstwerk. Schinkels Berliner Bauten werden die zentralen Bauwerke klassizistischer Architektur vorgestellt, die zum Vorbild für folgende Generationen werden: die Neue Wache, Friedrichswerdersche Kirche, die Bauakademie (Bild links) und natürlich das Alte Museum am Lustgarten, das 1830 – im gleichen Jahr wie die Glyptothek am Münchner Königsplatz – eröffnet wird. Ein Modell veranschaulicht sowohl das Innere (Bild links unten) und Äußere des Berliner Museums.

 

Nicht nur König Friedrich Wilhelm III. nimmt seine Dienste in Anspruch, sondern vor allem sein Sohn, der Thronfolger Friedrich Wilhelm IV. wird zum großen Förderer Schinkels. Diese mannigfaltige Tätigkeit aus Architektur, Interieur- und Objektdesign wird in der Sektion Architekt für den Hof. Hofarchitekt präsentiert. Neben dieser höfischen Verpflichtung veröffentlicht er Musterbücher, deren Entwürfe die breite Öffentlichkeit erreichen.In Schinkel der Moderne. Gewerbeförderung und Design wird Schinkel zum Vordenker und Visionär. Tatkräftig setzt er sich für die Industrieförderung ein und wird so zu einem der Väter der »ersten Gründerzeit« in Preußen. Das Vorbild liefert hier England, das er 1826 besucht. Die 1830er Jahre bestimmen neben der Berliner Bauakademie imposante und kühne architektonische Phantasien. Es sind Träume vom Bauen – späte Utopien, in denen Geschichte und Poesie letztmalig zu untrennbarer Einheit verschmelzen. Hier agiert Schinkel auf internationaler Ebene, entwirft unter anderem ein Schloss für Otto von Griechenland auf der Athener Akropolis (siehe großes Aufmacherbild ganz oben) oder ein Zarenschloss auf der Krim (siehe Grundriss Orianda ganz unten). Am Schluss der Ausstellung betritt der Besucher quasi Schinkels Atelier: Das Labor der Kunst – Labor der Wissenschaft bietet Einblicke in die Kunsttechniken der damaligen Zeit von der Papierherstellung über die Zeichenmittel bis hin zu zeitgenössischen druckgraphischen und anderen Vervielfältigungstechniken.

Seit 2009 ging der Ausstellung ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Projekt voraus, das den umfassenden Schinkel Nachlass im Berliner Kupferstichkabinett mit mehr als 5500 Werken untersucht hat. Unter dem Titel »Das Erbe Schinkels« wurde es katalogisiert und für jedermann zugänglich – digitalisiert. Aus diesen Ergebnissen hat das Berliner Kupferstichkabinett in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung die Ausstellung realisiert. Ihre nationale Bedeutung wird unterstrichen von der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Joachim Gauck.

 

 

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung

Karl Friedrich Schinkel. Architekt · Maler · Designer

 

Öffnungszeiten: täglich 10 bis 20 Uhr; bis 12. Mai 2013

Ort: Theatinerstraße 8, München

 

Weitere Informationen:

Hypo-Kunsthalle: Karl Friedrich Schinkel

Berliner Kupferstichkabinett: Das Erbe Schinkels

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bildnachweise:

Carl Friedrich Ludwig Schmid: Karl Friedrich Schinkel, 1832, Öl/Leinwand, 48 × 48 cm, Nationalgalerie, © Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / bpk; Karl Friedrich Schinkel: Entwurf zu einem Palast für Otto von Griechenland auf der Athener Akropolis (Ansicht von Westen), 1834, Feder, aquarelliert, 55,7 × 99,5 cm, © Staatliche Graphische Sammlung München; Karl Friedrich Schinkel: Die Sternenhalle der Königin der Nacht. Bühnenbildentwurf zur 2. Dekoration der Oper »Die Zauberflöte«, um 1815, Gouache, Zirkelspuren/Vergépapier, 46,4 x 61,5 cm, © Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin / bpk; Carl Emanuel Conrad: Rotunde des Museums am Lustgarten, nach 1830. Aquarell, 45,7 × 42,1 cm, © Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/Bildarchiv, Foto: Roland Handrick; Eduard Gärtner: Die Bauakademie, 1868, Öl/Leinwand, 63 × 82 cm, © Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / bpk, Foto: Jörg P. Anders ; Unbekannter Künstler: Zeltzimmer im Schloss Charlottenhof, um 1835. Aquarell über Feder in Schwarz, 15,4 × 20,5 cm, © Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/Bildarchiv; Karl Friedrich Schinkel: Orianda, Moskowitischer Entwurf, Grundriss, 1837/38, Aquarell/Vergépapier, 27,2 × 42,7 cm,© Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin / bpk