Paul Schmitthenner

Mit 29 Jahren entwarf er Gartenstädte, die ihn aufgrund günstiger Volkswohnungen bekannt machten. Mit Paul Bonnatz war er der Hauptvertreter der Stuttgarter Schule und als Gründer des Block ein Gegner der Architektur der Moderne.

 

Paul Schmitthenner wurde am 15. Dezember 1884 im elsässischen Lauterbourg unweit von Karlsruhe geboren. 1889 zog die Familie nach Barr. Nach Besuch des humanistischen Gymnasiums in Schlettstadt, studierte er von 1902 bis 1907 Architektur an den Technischen Hochschulen Karlsruhe und München. Er war Schüler von Theodor Fischer, der einen großen Einfluss auf ihn ausübte.

Planer der Gartenstädte und Pionier der industriellen Bauweise

Danach zuerst als Stadtbaumeister in Colmar tätig, arbeitete er von 1909 bis 1913 bei Richard Riemerschmid in Pasing. Dabei war er Leitender Architekt beim Bau der Gartenstadt Carlowitz bei Breslau.  Im Alter von 29 Jahren begann er als Siedlungsarchitekt am Reichsamt des Innern in Berlin zu arbeiten und war dort als alleiniger Architekt für die Planung und Bau der Städte Staake und Plauen in Brandenburg und Forstfeld bei Kassel zuständig. Er verwendete dabei zum ersten Mal genormte Grundrisstypen und Bauteile, um dadurch die Kosten deutlich zu senken. Mit den virtuos inszenierten Stadtbildern fiel die Normung der Bauteile nicht auf. Diese Gartenstädte machten ihn bekannt. Kennzeichen der Wohnbauten, die seinen Ruf begründeten, waren regionalistische Einfühlung, Materialgerechtigkeit, subtile Raumfolgen und meisterhafte Details.

Professor in Stuttgart und Hauptvertreter der Stuttgarter Schule

Von dort erhielt er durch Paul Bonatz, dem Erbauer des Stuttgarter Hauptbahnhofs, im Jahre 1918 einen Ruf als ordentlicher Professor (Ordinarius) für Baukonstruktion und Entwerfen.  Als Lehrer und als freischaffender Künstler gelangte er zur Entfaltung seiner ausgeprägten Persönlichkeit. Die Architekturabteilung entwickelte sich unter der umsichtigen Leitung von Paul Bonatz und Schmitthenner zur bedeutendsten und mit der Zeit auch größten Architektur-Hochschule Deutschlands.

Paul Schmitthenner war aber kein Freund der modernen Avantgarde um Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius. 1928 war er Mitbegründer der Architektenvereinigung Der Block – konservative Architekten im Unterschied zu dem 1924 von führenden Vertretern der Moderne gegründeten Der Ring. Seine Ideen und Ansichten vertrat er in seinem 1932 veröffentlichten Buch „Das deutsche Wohnhaus“. Seine Position zeigte sich auch deutlich in der zur Weißenhofsiedlung als Gegenmodell konzipierten und in Holzbauweise erstellten Siedlung am "Kochenhof´" in Stuttgart aus dem Jahr 1933.

Verbindung zum Nationalsozialismus

1933 trat Schmitthenner der NSDAP bei und wurde nach Berlin berufen, wo er die Staatshochschule für Kunst leiten. Auch erhielt er eine Professur an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg und wurde Referent für Kunsterziehung im Reichsministerium. Zeitweilig galt er als erster Baumeister des nationalsozialistischen Staates, lehnte dann diesen Ruf ab und geriet dadurch in Opposition zur Partei. Vor allem aber geriet er mit seiner Heimatschutzarchitektur im Gegensatz zur neoklassizistischen Architektur von Hitlers Lieblingsarchitekten Troost und Albert Speer. Dies kam besonders klar zum Ausdruck, als er 1941 sich mit seinem kritischen Vortrag „Das sanfte Gesetz in der Kunst, in Sonderheit in der Baukunst“  von der gängigen Monumentalarchitektur abwandte. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs nahm ihn Adolf Hitler dennoch im August 1944 in die Gottbegnadeten-Liste der wichtigsten Architekten auf und befreite ihn so auch von einem Kriegseinsatz an der Heimatfront.

Eindrucksvolles Spätwerk eines Workaholics

Nach Kriegsende wurde Schmitthenner auf Befehl der amerikanischen Militärregierung aus dem Staatsdienst entlassen, aber bereits 1947 einer Spruchkammer als Entlasteter freigesprochen, auch wenn die Wiedereinsetzung in sein Hochschulamt noch scheiterte. Ab 1949 wurde Schmitthenner jedoch zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste berufen. Mit 65, in einem Alter, in dem andere sich zur Ruhe setzen, konnte er nach zehnjähriger Schaffenspause mehr als vierzig Projekte verwirklichen. Zu den bekanntesten zählen der Olga-Bau in Stuttgart, das Doppelhaus für seinen Sohn sowie das Verwaltungsgebäude für die Frankonia-Versicherung, beide in München, das Rathaus Hechingen, sowie der deutsche Soldatenfriedhof Bourdon an der Somme in Nordfrankreich. Er erhielt zahlreiche Orden und Auszeichnungen und wurde schließlich eremitiert. Wegen einer Augenkrankheit zog er 1971 zu seinem Sohn nach München um, wo er im Folgejahr im Alter von 87 Jahren, zuletzt erblindet, starb.

Werke (Auswahl)

1913: Villenkolonie Carlowitz bei Breslau

1917: Gartenstadt Staaken bei Berlin

1917: Gartenstadt Plaue an der Havel

1919: Gartenstadt Piesteritz (mit Otto Rudolf Salvisberg

1922: Wohnhaus Annette Kolb (mit Wilhelm Jost) bei Badenweiler für die 1923: Siedlung Ooswinkel, Baden-Baden

1926: Villa Roser, Stuttgart

1930: Hohensteinschule (Robert-Bosch-Schule), Zuffenhausen, Stuttgart

1931: Verbindungshaus Germania, Tübingen

1933: Kochenhofsiedlung, Stuttgart

1937: Schmitthenner-Siedlung, Friedrichshafen

1953: Haus Schmitthenner, Biederstein, München

1953: Haus Schmitthenner, Stuttgart

1953: Königin-Olga-Bau, Stuttgart

1956: Verwaltungsgebäude Frankonia-Versicherung, Altbogenhausen, München

1958: Rathaus, Hechingen  

1959: Charlottenschule, Tübingen

1963: Haus Kienzle, Baden-Baden

1966: Deutsche Kriegsgräberstätte, Bourdon (Frankreich)

Bildnachweis Haus Schmitthenner, Schwedenstraße, München – Foto: Ulrich Lohrer