Fotografische Neuinterpretation der Architektur

Thomas Ruff gilt als einer der international bekanntesten deutschen Fotokünstler. Mit seinen großformatigen Porträts erlangte Ruff weltweit Bekanntheit. Das Haus der Kunst zeigt nun auch seine Interpretation der Werke von Architekten wie Mies van der Rohe.

 

In dieser ersten umfassenden Präsentation nach über zehn Jahren zeigt Thomas Ruff die Werkgruppen, die ihn international bekannt gemacht haben. Ruff, 1958 in Zell am Harmersbach im Schwarzwald geboren, studierte bei Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie.

Noch zu Studienzeiten entstand die Serie von Interieurs, gefolgt von den Porträts seiner Kommilitoninnen und Kommilitonen, die ihm schlagartig große Aufmerksamkeit verschafften. Ihre Bildauffassung widersprach der traditionellen Konvention, dass ein gelungenes Porträt eine psychologische Interpretation anbieten sollte. Ruffs sachliche und minutiöse Darstellung der Oberfläche ausdrucksloser Gesichter führte zu einer veränderten Wahrnehmung des fotografischen Porträts. Bereits 1986 beschloss Thomas Ruff, einige dieser Porträts im Format 210 × 165 cm auszuführen. Da er hier die Wirkung der Farbe zu dominant fand, wählte er für die 1986 bis 1991 aufgenommenen Porträts nun einen hellen, neutralen Hintergrund. Mit den Porträts erzielte er in den Jahren 1986 bis 1989 durch Einzelausstellungen in verschiedenen Galerien große Aufmerksamkeit.

Thomas Ruff hat außerdem das Tafelbildformat in die Fotografie eingeführt - seine Bilder bestechen durch ihre Größe und perfekte Verarbeitung. Seit Mitte der 80er-Jahre hat er immer wieder formale und technische Aspekte der analogen und digitalen Fotografie abgehandelt. In der Summe verbindet seine sich über drei Jahrzehnte erstreckende Arbeit Analyse und Sehlust: Ruff erkundet Genres, Motivwelten und Techniken mit exemplarischem Charakter.

Einfache Häuser mit großer Wirkung

Von 1987 bis 1991 entstand die Bildgruppe Häuser, ebenso wie die Porträts mit konsequent gleichbleibender Bildgestaltung: frontal, mit nur minimalem Vordergrund wie einem schmalen Band Straße oder Rasen, fast vollständig abwesendem Mittelgrund und darüber einem grauen, neutralen Himmel. Das Projekt ist als lapidarer Blick auf die Umgebung gemeint, der nichts überhöht, sondern lediglich zeigt.

Ohne eine Anklage zu formulieren stellt der Blick von Thomas Ruff auf diese Fassaden das Scheitern der Architektur-Utopie der 60er- Jahre fest. Herzog & de Meuron wurden bald auf diese Form der Architekturfotografie aufmerksam und luden ihn ein, für ihren Auftritt bei der Architekturbiennale Venedig 1991 eine Fotografie ihres Gebäudes für Ricola beizutragen. Zu den Fotografien der Häuser von Ludwig Mies van der Rohe wurde Thomas Ruff von Ausstellungsmachern angeregt. Zu den bekanntesten Bildern gehört das Deutsche Pavillion in Barcelona (Aufmacherbild ganz oben), aber auch frühere Arbeiten Mies van der Rohes in Deutschland (Bild rechts). 

 

Außer Bilder zur Architektur und Porträtaufnahmen enthält die Ausstellung auch Aufnahmen, die der Künstler  nicht selbst fotografiert hat, sondern die er durch seine Bearbeitung in die Bildende Kunst überführt. Seine aktuelle Serie zeigt Bilder der Marsoberfläche, die er der Website der NASA entnommen hat und in Bilder von fragiler Schönheit übersetzt. Für die Serie Sterne (1989-92)  erwarb er vom European Southern Observatory in den Anden Negative von Teleskopaufnahmen des südlichen Sternenhimmels, stellte daraus Detailausschnitte her und vergrößerte sie auf das Hochformat von 260 × 188 cm. Ihn faszinierte die Vorstellung, dass das Licht eines bestimmten Sterns womöglich erst nach dessen Erlöschen die Erde erreicht, dass Astrofotografie also viele Ebenen von Vergangenheit in einem einzigen Bild festhält.

 

 

 

Haus der Kunst: Thomas Ruff

Bis 20.05.2012; Mo-So 10-20 Uhr, Do 10-22 Uhr

 

Katalog: Der Katalog mit Texten von Okwui Enwezor und Thomas Weski erscheint im Schirmer/Mosel Verlag, München; Hardcover,  broschierte Museumsausgabe 39 Euro , gebundene Buchhandelsausgabe 58 Euro

Beiprogramm zur Ausstellung:

Künstlergespräch: Thomas Ruff und Okwui Enwezor Dienstag, 13. März 2012, 19 Uhr

„Der Künstler soll nicht unterhalten, sondern aufklären und kontextualisieren. Kunst soll zum Denken verpflichten.” Für Thomas Ruff ist die Fotografie „die größte Bewusstseinsveränderungsmaschine, die auf den Menschen einwirkt”.  Mit Okwui Enwezor spricht er über seine methodischen Strategien, persönlichen Bildfindungsprozesse und das Spannungsverhältnis von kühler Konzeption und Intuition. In englischer Sprache, Eintritt: 5 Euro (12 Euro inkl. Ausstellung)

 

Vortrag von Thomas Weski: Thomas Ruff – Der wissenschaftliche Künstler Donnerstag, 26. April 2012, 19 Uhr

Der Ausgangspunkt für Thomas Ruffs künstlerische Auseinandersetzung mit der Fotografie sind die technischen Entwicklungen und Gebrauchsweisen des Mediums. Sein methodisches Vorgehen kann als visuelle Forschung verstanden werden. Deren Hintergründe und Kriterien wird der Kurator der Ausstellung in seinem Vortrag ebenso vorstellen wie die Werkentwicklung des wissenschaftlichen Künstlers Thomas Ruff. Eintritt: 5 Euro (12 Euro inkl. Ausstellung)

 

 

Bilder: Thomas Ruff/Haus der Kunst