Villa Stuck: Dialog statt Terror

Der Nahe Osten wird in den Medien mit einer Bilderflut aus Terror des Islamischen Staates IS und al-Qaida sowie des extremen Reichtum der Golfstaaten in Verbindung gebracht. Das Museum Villa Stuck setzt mit der Ausstellung „Common Grounds“ dem zwölf Positionen von Künstler(inne)n entgegen.

 

Die Villa Stuck präsentiert bis 17. Mai 2015 die Ausstellung „Common Grounds“.Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf das kommunikationswissenschaftliche Modell des »Grounding«, der Annahme, dass zwischen Kommunikationspartnern ein gemeinsamer Wissensraum besteht, der den Dialog gelingen lässt. Dieses Wissen wird durch die medienübergreifenden Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler auf die Probe gestellt. Einige der Künstlerinnen und Künstler werden zum ersten Mal dem deutschen und Münchner Publikum vorgestellt, so Ahmed Mater, Hazem Harb und Nasser Al Salem.

Der im Süden Saudi-Arabiens aufgewachsene und als Arzt und Künstler arbeitende Ahmed Mater (geb. 1979, siehe Bild oben) hinterfragt beispielsweise in beeindruckenden Werkgruppen das kollektive Bildgedächtnis und deren Struktur. Die Veränderung der Heiligen Stadt Mekka ist Sujet zweier Werkgruppen, die er in der Ausstellung zum ersten Mal in Deutschland zeigt. Die Verbreitung von Bildern in Zusammenhang mit der heiligen Stadt und der großen Pilgerfahrt, dem Haddsch, dient Mater zur Hinterfragung von gesellschaftlichen Prozessen. Mater stellt die einzelnen Dias als fotografische Abzüge aus, die einen nostalgischen Blick auf die zentralen Orte der Stadt aber auch auf strukturelle Phänomene geben, die die Pilger in ihrer Masse bilden. Die dynamische und rasante Veränderung, der Mekka unterliegt, geht einher mit dem Verlust tradierter Orte. Diese veränderten Strukturen hält er in seinen Fotografien der Serie „The Desert of Pharan“ (2012–2013) fest.

Der wissenschaftliche Anspruch, die Möglichkeiten des öffentlichen Raums und die Neunutzung von Gebäuden sind Aspekte der Arbeitsweise von DAAR – Decolonising Architecture Art Residency (siehe Bild links, gegründet 2007 in Palästina von Sandi Hilal, Alessandro Petti und Eyal Weizmann).

Ihre Arbeiten thematisieren gesellschaftliche und politische Systeme der Kontrolle und Trennung im Nahen Osten, in Israel und dem palästinensischen Gebiet. In der Ausstellung wird das Projekt »Lawless Line« vorgestellt, das die Aufteilung Palästinas von 1937 auf der Landkarte mittels eingezeichneter Linien behandelt.

 

Hazem Harb (geb. 1980, siehe Bild links) beschäftigt sich in unterschiedlichen Medien mit dem Zusammenhang von Geschichte und Architektur. In Raumarbeiten hinterfragt er bestehende Machtgefüge und mögliche Schichten der Interpretation. Seine aus sechs rechteckigen Formen bestehende Wandarbeit »Till The End« (2014) visualisiert Durchlässigkeit und hermetische Abgeschlossenheit. In den starkfarbigen, geometrisch-abstrakten großformatigen Werken »Al Baseera« (2013) untersucht Harb Sehgewohn- heiten, die zwischen Einflüssen westlicher Kunst und Tradition changieren.

Susan Hefuna (geb. 1967, Bild links unten) verfolgt ein künstlerisches Interesse für öffentliche Räume und deren Bedingungen. In der Ausstellung zeigt sie die 16-teilige Gruppe der »Red Buildings« (2012) sowie die 30-teilige Gruppe »Sharjah Ceilings« (2012). In mehreren Lagen transparenten Papiers zeichnet Susan Hefuna Linien, deren Geflecht entweder Wege im öffentlichen Raum von Städten beschreiben oder Innenräume repräsentieren, mit deren Strukturen sie sich intensiv auseinandergesetzt hat. Die Kuben der 70-teiligen Installation »Afaf« (2014) wurden nach einer alten Handwerkstradition des Nil-Deltas aus Palmholz angefertigt. Diese Körbe kennzeichnen als Verkaufsstände den öffentlichen Raum in Kairo. In vier Vitrinen, den »Vitrines of Afaf« (2007), zeigt Hefuna Erinnerungsstücke von vier unterschiedlichen Frauen. Sie sind Stellvertreter der persönlichen Geschichte von Frauen, die in der Gesellschaft und im öffentlichen Raum Ägyptens nicht sichtbar sind.

 

Um Lesbarkeit und Verständnis geht es Nasser Al Salem (geb. 1984) auf eine differenzierte Art und Weise. Seine Spiegelarbeit »And Also In Your Own Selves, Do You Not See?« (2012) wirft den Betrachter auf sich selbst zurück. Mit Anklängen an Minimal Art und die Tradition von Spiegelobjekten des mittleren Ostens vereint Nasser Al Salem Kalligraphie mit einer Formensprache der modernen westlichen Kunst. Als ausgebildeter Kalligraph und Architekt ist er eng mit der Tradition seiner Heimatstadt Mekka verwurzelt. In der Skulptur »They Will Be Seen Competing In Costructing Lofty Buildings« (2014) nutzt er Bauklötze aus Beton, um einen arabischen Schriftzug zu bilden, der erst in der Aufsicht lesbar wird (siehe Bild unten). 

Weitere Werke stammen von den Künstlerinnen und Künstler Abbas Akhavan, Parastou Forouhar, Babak Golkar, Dor Guez, Joana Hadjithomas & Khalil Joreige, Bouchra Khalili und Sophia Al Maria. Ihr künstlerisches Selbstverständnis ist als wissenschaftlich forschend zu bezeichnen. In ihren Werken sammeln, archivieren, bewahren und erforschen sie Bilder, die als angeeignetes Fremdmaterial Geschichten preisgeben, die hinter der Oberfläche der bekannten Geschichtsschreibung liegen. 

Ausstellung:

Common Grounds

Abbas Akhavan, DAAR, Parastou Forouhar, Babak Golkar, Dor Guez, Joana Hadjithomas & Khalil Joreige, Hazem Harb, Susan Hefuna, Bouchra Khalili, Sophia Al Maria, Ahmed Mater, Nasser Al Salem

Zeit: Die Ausstellung wird bis zum 17. Mai 2015 gezeigt; Öffnungszeiten sind: Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr, erster Freitag im Monat bis 22 Uhr

Ort: Museums Villa Stuck, Prinzregentenstr. 60, München

Weitere Informationen:

Villa Stuck: Common Grounds

Katalog

Zur Ausstellung erscheint Anfang März 2015 ein Katalog im Verlag Hatje Cantz, herausgegeben von Michael Buhrs und Verena Hein. 144 Seiten, Deutsch/Englisch, ca. 30 EUR

Bilder:

Ahmed Mater
Al Mansur District, 2012
Laserchrome-Print,140 x 200 cm
Courtesy the artist and Athr Gallery, Jeddah; DAAR
The Red Castle and the Lawless Line, 2010
Courtesy DAAR
Foto: Amina Bech: Hazem Harb
Al Baseera #14, 2013
Acryl auf Leinwand, 200 x 150 cm
Courtesy the artist and Athr Gallery Jeddah; Susan Hefuna 
Red Building, 2012 
Aquarell auf Transparentpapier 16-teilig, je 30,5 x 23 cm Courtesy of Pi Artworks Istanbul/London 
Photo: Achim Kukulies; Nasser Al Salem
They Will Be Seen Competing In Constructing Lofty Buildings, 2014
Betonplastik, 58 x 90 x 35 cm
Courtesy the artist and Athr Gallery, Jeddah