World of Malls: Architekturen des Konsums

Eine Ausstellung des Architekturmuseums München zeigt vom 14. Juli 2016 bis zum 16. Oktober die Entwicklung von Einkaufszentren, die durch die Bauten des österreichischen Architekten Victor Gruen im Amerika der 1950er-Jahre ihren Anfang nahm.

 

Die Ausstellung widmet sich einem Architekturtypus, der vor rund sechzig Jahren in den USA erfunden wurde und sich bis heute zu einem globalen Phänomen entwickelt hat. Über den Einfluss schreiben und diskutieren Stadtplaner, Soziologen und selbst Psychologen schon seit Jahrzehnten, während die architektonische Gestalt der Mall dagegen meist nur am Rande behandelt wird.

Der Österreicher Victor Gruen erfindet in den USA die Shopping Mall

Die Ausstellung des Architekturmuseums der TU München stellt die bauliche Entwicklung der Shopping Malls in den Vordergrund, die mit dem Einkaufszentrum des österreichischen Architekten Victor Gruen im Amerika der 1950er-Jahre mit dem Southdale Center (siehe zeitgenössisches Foto oben) in Edina im US-Bundesstatt Minneapolis ihren Anfang nahm. Da sich in den USA große Geschäfte nicht zentral im Ortsmittelpunkt, sondern verstreut entlang der Ausfallstraßen (Strips) befanden, sollten die Malls ein innerstädtisches, europäisches Ambiente simulieren. Zunächst als geschlossene Bunker auf der grünen Wiese geplant, avancierten die Malls  im Laufe der Jahrzehnte weltweit zu urbanen Erlebnisräumen. Frank Gehry, um 1958 Mitarbeiter von Gruen, versuchte 1973 mit dem Santa Monica Place architektonisch auffällig und mit der Öffnung in den Stadtraum die Stadt zu beleben.

 

Obwohl Gehry sein Konzept nur teilweise durchsetzen konnte, setzte sich das Einkaufszentrum zunehmend in der Innenstadt durch. Als Hauptvertreter dieser Richtung gilt der aus Los Angeles stammende Architekt Jon Jerde, der ohne Gehry wirtschaftliche Skrupel sich der Gestaltung der Kosumtempel im Dienste des Kommerz national und international widmete (siehe Bild links: Horton Plata in San Diego, Kalifornien, USA).

Das in den USA bis dahin neue Konzept, zahlreiche Händler verschiedenster Produkte an einem Ort, in einem Einkaufszentrum, zu finden, verbreitete sich durch Jerde und andere Architekten und Entwickler, aufgrund großer Beliebtheit sehr rasch. Mit heute rund 43.000 Einkaufszentren, die einen Anteil von 55 Prozent am gesamten Einzelhandelsumsatz besitzen, sind die USA das Land mit den meisten und größten Einkaufszentren der Welt.

Einkaufszentren erobern Deutschland

Das erste Einkaufszentrum Deutschlands war das 1964 eröffnete Main-Taunis-Zentrum in Sulzbach bei Frankfurt am Main, als erstes vollklimatisiertes, zweigeschossiges Einkaufszentrum Europas folgte 1967 das Donau-Einkaufszentrum in Regensburg.

Pleiteobjekt Schwabylon

Das mit Einkaufszentren jedoch auch erhebliche unternehmerische Risiken verbunden sind, zeigt das 1973 eröffnete Schwabylon mit 100 Geschäften in München am Standort des heutigen Schwabinger Tors. Das vom Schweizer Architekten Justus Dahinden für den Augsburger Investor Otto Schnitzenbaumer mit farbiger Emailverkleidung (gelbe Sonne) gestaltete Freizeitstadt mußte bereits 1979 wieder wegen Verlustes abgerissen werden.

Ab den achtziger Jahren gelangten erste Einkaufszentren auch in die europäischen Innenstädte. Zudem wurde eine mehrdimensionale Nutzung ermöglicht, indem Wohnungen oder Arztpraxen integriert wurden. In der Ausstellung werden bedeutende Einkaufszentren Deutschlands vorgestellt. So das bis heute größte Einkaufs- und Freizeitzentrum Europas, das von Rhode Kellermann Wawrowsky (RKW) entworfene  und von 1994 bis 1996 für zwei Milliarden DM errichtete CentrOin Oberhausen sowie das in der Stuttgarter Innenstadt 2014 – ebenfalls von RKW entworfene Milaneo in der durch Stuttgart21 erweiterte Innenstadt Stuttgarts. Ebenfalls im Stadtzentrum angelegt wurde von Grüntuch Ernst Architekten die Höfe am Brühl oder zumindest in einem wichtigen Stadtteilzentrum mit zentrelen Verkehrsanschluss die Pasing Arcaden (RKW, Allmann Sattler Wappner). 

Heute finden sich Einkaufszentren hinter Schlossfassaden wie in Braunschweig die Schloss-Arkaden des Großbetreibers ECE (siehe Foto oben links – Innen – und großes Foto unten – Außen, Architekten: Grazioli und Muthesius Architekten) oder wie in Barcelona mit "Las Arenas in einer ehemaligen Stierkampfarena (Architekten: Rogers Stirk Harbour + Partners, London).

 

Doch wohin geht die Entwicklung der Shopping Mall heute? Heute stehen sie an zentraler Stelle der Stadt und sind bedeutender Bestandteil des öffentlichen Raumes geworden. Die Ausstellung präsentiert mit 23 Beispielen die verschiedenen weltweiten Ausprägungen des Bautypus, die Auswirkungen auf den Stadtkontext sowie die teilweise spektakulären Transformationsprozesse der Shopping Mall.
 

Auf der einen Seite gibt es weiterhin spektakuläre Neueröffnungen in Amerika, Asien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Europa (siehe Foto unten links: Zorlu Center in Istanbul, Türkei). Zugleich stehen aber auch viele Malls leer (siehe Foto links: in Ohio, USA), und einige werden umgebaut und umgenutzt. Kaum ein anderer Bautyp wird so kontrovers diskutiert: Bringt die Shopping Mall nun den Tod der Stadt oder fördert sie eher deren Wiederbelebung?

 

 

World of Malls: Architekturen des Konsums

Ort: TUM Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, München

Zeit: Ausstellungsdauer vom 14.07. – 16.10.2016; Öffnungszeite sind von
Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und 
Donnerstags von 10 bis 20 Uhr

Buch: Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog im Hatje Cantz Verlag. Der Katalog World of Malls widmet sich einem Bautyp, der vor knapp 60 Jahren in den Stadtplaner, Ökonomen und Architekturhistoriker wie Anette Baldauf, Robert Bruegmann, Dietrich Erben, Richard Longstreth, Alain Thierstein, June Williamson und Sophie Wolfrum untersuchen in ihren Aufsätzen die Transformationsprozesse der Shopping Mall vom 20. zum 21. Jahrhundert.

Bildnachweis von oben nach unten: Southdale Center, Victpr Gruen, 1954 – 1966, Edina (Minneapolis), USA, Foto © Gruen and Associates; Horton Plaza, Jon Jerde, 1982-1985, San Diego, USA, Foto © The Jerde Partnership; Schloss-Arkaden Braunschweig, Grazioli und Muthesius Architekten, Braunschweig, Deutschland, Foto: © Thomas Meyer; Dead Mall, 1975 erbaut – 2008 geschlossen, Ohio, USA, Foto: © Seph Lawless; Zorlu Center, Emre Arolat Architects, 2007 – 2013, Istanbul, Türkei, Foto © Thomas Mayer; ECE-Schloss in Braunschweig, Foto: © Heinz Kudalla, Braunschweig