Baumärkten droht Schließungen

Nach der Expansion der Verkaufsflächen trifft viele Baumärkte der schnelle Zuwachs des Internet-Versandthandels. Praktiker beginnt bereits Baumärkte zu schließen und gegenzusteuern. Experten rechnen mittelfristig mit Schließungen weiterer Baumärkte auch von anderen Ketten.

 

Die Baumarkt-Artikel brummen. Vor allem im Internet. Nach einer Studie der Münchner Unternehmensberatung Suberg Strategy Consultants steigt der Anteil der Online-Umsätze bei Baumarkt-Artikeln von aktuell fünf auf voraussichtlich 20 Prozent im Jahr 2020.  

Laut dem aktuellen Retail Real Estate Report der Hahn Gruppe in Zusammenarbeit mit GfK Geomarketing und CBRE ist die Anzahl der Baumärkte bereits schon rückläufig, gleichzeitig steigt jedoch die gewichtete Verkaufsfläche weiter an. Während der Rückgang der Anzahl der Baumärkte um neun Märkte zum Jahresanfang 2012 im Vergleich zum Vorjahr verhältnismäßig gering ist (2011: minus 31 Standorte), zeichnet sich bei der Entwicklung der gewichteten Verkaufsflächen klar ein Trend zu einem verringerten Wachstum ab.

Die Branche entwickelt sich allerdings sehr unterschiedlich (siehe Grafik links). Während Branchenführer Obi, Bauhaus, Zeus und Hornbach im vergangenen Jahr noch einen deutlichen Umsatzzuwachs aufwiesen, verzeichnete der Branchenzweite Praktiker einen deutlichen Umsatzeinbruch und will nun künftig verstärkt auf die Marke Max Bahr setzen.

Die größten Umsatzzuwächse haben jedoch Online-Händler wie Amazon oder spezialisierte Versender wie Westfalia. Diese sind jedoch schon seit Jahren auch mit Baumarkt-Artikeln erfolgreich Von den großen Filialisten war zuerst Hagebau im Internet (seit 2008) vertreten. Obi kam erst 2010 und Hornbach, Praktiker und Bauhaus sogar erst im vergangenen Jahr mit eigenen Online-Shops ins Internet. Dort sind sie allerdings mit meist nur reduzierten Sortimenten vertreten. Laut Kundenmonitor Deutschland 2012 sind nur 54 Prozent der Kunden von Navigation und Übersichtlichkeit der Baumarkt-Shops überzeugt, während es beispielsweise bei Online-Shops der Elektrogeräte-Händler 70 Prozent sind. In Bezug auf die Produktpräsentation zeigt sich hier ein ähnliches Bild.

„Die Baumärkte haben den Internet-Vertrieb verschlafen“, sagt Sven Suberg, Geschäftsführer von Suberg Strategy Consultants. „Die Entwicklung trifft die Branche zur Unzeit – die Fläche der deutschen Baumärkte wächst seit Jahren, obwohl der Umsatz stagniert.“ Der Handel sei bereits unter erheblichem Ertragsdruck. Zusammen mit der Abwanderung in das Internet entstehe eine explosive Mischung, die zur Schließung zahlreicher Baumärkte führen werde, so der Branchenexperte.

 

Laut Umfragen zur Zufriedenheit von Baumarktkunden, die der Service Barometer AG jährlich durchführt, erzielten die Bau- und Heimwerkermärkte 2012 zwar eines der besten Ergebnisse seit Beginn der Branchenmessungen 1993. "Dies sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Baumärkte mit einem Anteil von 45,2 Prozent überzeugter Kunden die Handelsbranche mit dem stärksten Nachholbedarf in der Globalzufriedenheit ist“, so die Verfasser der entsprechenden Kundenmonitor-Studie. Die Baumärkte mit der besten Bewertung waren Globus Baumarkt, gefolgt von Hornbach, Bauhaus und Hagebau.  

Am zufriedensten sind die Baumarkt-Kunden im Kundenmonitor Deutschland 2012 mit den Parkmöglichkeiten und den Öffnungszeiten (siehe Grafik links). Die Verfügbarkeit von Ansprechpartnern wird von den Kunden nach wie vor am schlechtesten beurteilt. Der Wert geht im Vergleich zum Vorjahr leicht zurück (minus zwei Basispunkte). Auch die Fachliche Beratung und das Preis-Leistungs-Verhältnis werden von den Kunden unterdurchschnittlich bewertet.  Können diese Schwächen nicht ausgemerzt werden, müssen daher die Baumärkte mit einer massiven Abwanderung ihrer Kunden ins Intrernet rechnen. Laut dem Kundenmonitor schätzen Online-Kunden vor allem die Lieferung der Produkte nach Hause und den günstigeren Preis. Unter den Online-Baumärkten erhielten Westfalia, gefolgt vom Hornbach Onlineshop und vom Otto-Baumarkt-Onlineshop die beste Kundenbewertung.

Dies stellt die Frage, welche Regionen und Baumärkte von der unterstellten künftigen Marktbereinigung besonders betroffen sind. Denn die Anzahl der Baumärkte und ihre Flächengröße unterscheidet sich regional erheblich. Strukturell bedingt weisen die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg die niedrigsten Flächendichten auf, München liegt im Mittelfeld. Groß ist das Angebot im Osten – weniger aus einer größeren Affinität der Konsumenten zu Baumarktsortimenten, sondern wegen einer planungsrechtlich weniger restriktiven Genehmigungspraxis sowie der Verfügbarkeit günstigen Baulandes.

Es fällt auf, dass die Zahl mittlerer und kleiner Baumärkte mit weniger als 5000 Quadratmetern zugunsten von großen Märkten zurückgeht. Eine Ausnahme bilden die jüngsten Entwicklungen. Im Vergleich zum Vorjahr hat die Zahl der kleinen Baumärkte unter 1500 Quadratmeter Anfang 2012 seit Langem wieder zugenommen, während die Zahl der Märkte mit mehr als 10.000 Quadratmeter sogar zurückgegangen ist. Ob sich hier ein neuer Trend vor dem Hintergrund steigender Mobilitätskosten entwickelt, wonach kleinere Nahversorger im DIY-Segment gegenüber den meist verkehrsorientiert gelegenen Großflächen an Bedeutung gewinnen, bleibt abzuwarten.

Höhere Standortkosten können unter Umständen durch eine höhere Flächenproduktivität – also Umsatz pro Einkaufsfläche – aufgefangen werden. Diese ist bei Hornbach, Toom und Globus am höchsten, bei der wirtschaftlich angeschlagenen Baumarktkette Praktiker mit am geringsten (siehe Tabelle unten).

Auch in München zeigt sich die Marktbereinigung am deutlichsten bei Praktiker. Es wurden hier mehrere Baumärkte aufgegeben. Das Unternehmen steckt in einem tiefgreifenden Umbau und will bis zu 120 Märkte von der schwachen Marke Praktiker auf die ertragsstärkere Konzerntochter Max Bahr umflaggen. Die Ausgabe neuer Aktien brachte dem Unternehmen rund 60 Millionen Euro ein. Dadurch erhält Praktiker nun auch wieder Kreditmittel.

Entscheident für ihre Zukunft dürfte jedoch sein, wie die Baumärkte ihre Flächenproduktivität steigern und wie sie auf die Abwanderung ihrer Kunden ins Internet reagiert. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Informationen zum Thema:

Kundenmonitor Deutschland: Serviceprofil Bau- und Heimwerkermärkte 2012

Kundenmonitor Deutschland: Baumarkt-Onlineshops 2012

 

Hahn Gruppe: Studie Retail Real Estate Report – Germany