Gauting: Die ehemalige Villa des Flugzeugpioniers Junkers

Anfang der 1920er-Jahre errichtete der Münchner Architekt Bernhard Borst ein Doppel-Haus in Form einer herrschaftlichen Villa in Gauting. Der bekannteste Bewohner war der vom NS-Regime enteignete Flugzeugbauer Hugo Junkers, der in Gauting verstarb.

 

In der Germeringer Straße befindet sich auf dem Areal der Hausnummer 28 und 30 in Gauting eine herrschaftliche Villa mit einer großen Parkanlage. Der langgestreckte neuklassizistische Villenbau wurde von 1922 bis 1923 von dem Münchner Architekten und Bauunternehmer Bernhard Borst, dem späteren Erbauer der Borstei in München-Moosach, entworfen.

Neoklassizistisches Doppelhaus

Der gesamte Grund gehörte von der Einmündung der Luitpoldstraße bis zur Waldpromenade dem Forstamtassessor Dr. Wilhelm Jucht. Für sich und Luci Elisabeth Ling wurde von Borst der zweigeschossige Walmdachbau errichtet. Der Eingangseite (Bild links) befindet sich im Norden des Gebäudes unter einer Loggia mit Rundbögen und Säulen, der ursprünglich ein Anfahrts-Rondell vorgelagert war. Über der Loggia befindet sich eine Altane.

Das Gebäude wirkt von dieser Seite stark gestreckt. Der Grund: Es handelt sich ursprünglich um ein Doppelhaus – jeweils eines für den Bauherrn Jucht und eines für die Bauherrin Ling. Beide Villen waren zur Bauzeit über den zentralen Eingang über einen gemeinsamen Vorraum zugänglich, die jeweils in ein größeres Vestibül führten. Die Villen hatten eine fast identische Größe und Anordnung der Räume und hatten mit Ausnahme des Vorraums miteinander keine Verbindung.

An der südlich gelegenen Gartenseite (siehe großes Bild oben) wird das Gebäude durch zwei Erker und durch Lisenen gegliedert. Hier ergibt sich einen Ausblick auf eine große unverbaute Rasenfläche, die lediglich durch den alten Baumbestand begrenzt wird.

Villa Junkers

1933 wurde das gesamte Gebäude von der Bayerischen Vereinsbank übernommen und ein Jahr später wurde sie von Therese Junkers, der Gattin des Flugzeugpioniers und Unternehmers Professor Hugo Junkers, erworben. Hugo Junkers hatte bereits 1892 den ersten Zweitakt-Gegenkolben-Gasmotor erfunden und aufgrund weiterer Erfindungen ein großes Unternehmen aufgebaut, später hatte er sich aber dem Flugzeugbau verschrieben und die Entwicklung des ersten Gesamtmetallflugzeuges. Aus der Fusion seiner Fluggesellschaft Junkers Luftverkehr AG mit  dem Deutschen Aero Lloyd entstand die Deutsche Lufthansa. 1923 gründete er in Dessau die Junkers Motorenbau GmbH und war aufgrund der Freundschaft mit Walter Gropius einer der Initiatoren für die Umsiedlung des Bauhauses nach Dessau.

Weil Junkers es ablehnte den damaligen Flughelden Hermann Göring zu beschäftigen, zog er sich dessen Feindschaft zu. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise musste Junkers 1932 für seine Unternehmensgruppe Insolvenz anmelden, konnte aber aufgrund eines Teilverkaufs an die Robert Bosch AG den Bereich des Flugzeug- und Motorenbau zunächst vor fremdem Zugriff bewahren. Nach der Machtergreifung Hitlers wurde Hugo Junkers durch die Nationalsozialisten unter großen Druck gesetzt, 1933 die Mehrheit an dem restlichen Konzern an das Deutsche Reich abzugeben, damit die Rüstungspolitik des Regimes forciert werden konnte. Junkers erhielt Haus- und Stadtverbot und musste Dessau verlassen. Im Oktober wurde er in seinem Landhaus in Bayrischzell verhaftet und genötigt, seine Anteile an seinem Flugzeugunternehmen abzugeben. 

Über den Erwerb seiner Frau ließ er sich daher in Gauting nieder und beschäftigte sich dort – angeregt durch die Zusammenarbeit mit dem Bauhaus – mit Metallbau und Metallarchitektur. Er starb am 3. Februar 1935 in seinem neuen Heim in Gauting. Sechs Tage später wurde er auf Adolf Hitlers Anordnung mit einem Staatsbegräbnis im Beisein von Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess  im Münchner Waldfriedhof bestattet.

Institut für Jugendarbeit

Nach 1945 wurde die Villa zunächst von der UNRA, einer Organisation der amerikanischen Besatzungsmacht und später vom Bayerischen Staat übernommen. Nach 1952 wurde das Haus von der UNESCO genutzt. Seit 1972 ist sie im Besitz des Bayerischen Jugendrings, der auf dem Grundstück  weitere Gebäude errichtete und die Liegenschaft als Institut für Jugendarbeit als Tagungszentrum nutzt. In der Villa wurden Besprechungszimmer, Küche, Speisessaal und Bibliothek sowie Verwaltungsbüros untergebracht und mit einem Vortragsaal-Neubau verbunden. Das Tagungszentrum kann für Veranstaltungen angemietet werden.

Weitere Informationen:

Institut für Jugendarbeit Gauting: Zur Nutzung des Tagungszentrums

Quellen: Gerhard Schober: Die Gautinger Villenkolonie, 2014; Seite 84; Bayerisches Landesamt  für Denkmalpflege; http://www.junkers.de/kalenderblatt/9-februar-1935-ein-merkwürdiges-staatsbegräbnis-zum-75-todestag-von-prof-hugo-junkers; https://www.institutgauting.de/unterkunft/

Bildnachweis: Fotos: Ulrich Lohrer