Geothermie für Büros

Beim nachhaltigen Bauen zeichnet sich eine technologische Revolution ab. Bei den Möglichkeiten werden Architekten und Ingenieure oft von baurechtlichen Vorgaben begrenzt. Kein Thema taucht in den Reden der Politiker derzeit häufiger auf, als das der „Nachhaltigkeit.“ 

 

Die Verantwortung gegenüber Umwelt und den nachfolgenden Generationen sowie die Bereitschaft zur staatlichen Förderung werden gebetsmühlenartig beteuert.

Bei der Umsetzung innovativer Ideen nachhaltigen Bauens müssen sich Bauherren oft mit gesetzlichen Regelungen herumplagen. Dabei sind nicht allein die zunehmend komplexer werdenden Vorgaben für nachhaltiges Bauen (siehe den Überblick  in Tabelle links), sondern die Vorgaben des Baurechts gemeint.

So grenzen die zum Teil recht detaillierten Bebauungspläne den Gestaltungsspielraum oft empfindlich ein. Existiert kein Bebauungsplan, hat die Behörde auf die Einhaltung des Gebietscharakters zu achten (§ 34 BauGB - Baugesetzbuch). Was genau unter Gebietscharakter zu verstehen ist, darüber hat die Baubehörde einen nicht unerheblichen Interpretationsspielraum.

Viele Investoren und Bauherren von Büroimmobilien sind ohnehin beim nachhaltigen Bauen noch sehr zurückhaltend. „Sieht man vom Einfamilienhaus ab, so wird beim Bau, insbesondere bei Büro- und Verwaltungsgebäuden leider noch zu wenig getan“, sagt Eugen Hartmann, Geschäftsführer der HCE Consulting & Engineering GmbH. „Es wird oft nur das gesetzlich vorgeschriebene umgesetzt.“

 

 

Hartmann ist Lehrbeauftragter an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in München und kann als Auditor der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) das Umweltsiegel DGNB zertifizieren. Sein Unternehmen HCE berät im Baugeschehen mit Schwerpunkt auf künftige Bewirtschaftung und Nutzung von Immobilien. Bei den relativ wenigen Projekten des nachhaltigen Bauens von Büro- und Verwaltungsgebäuden lassen sich gewisse Tendenzen beobachten. „Etwas im Trend ist unter den Bauherren die Grundwassernutzung, vor allem für die Kühlung“, sagt Hartmann. „Mittlerweile wird diese Nutzung aber nur noch in Kombination mit einer Beheizung mit dem Grundwasser im Winter genehmigt.“

Größte Fortschritte ergeben sich oft durch individuell ausgearbeitete Lösungen verschiedener energetischer Maßnahmen. So konnte mit dem Modellprojekt des „Energieforum Berlin“ 64 Prozent der Energiekosten im Vergleich zu einem konventionellen Bürogebäude eingespart werden (siehe Chart rechts unten).

 

Ein Münchner Beispiel für ein ausgefeiltes Energiekonzept ist das im Bau befindliche Bürogebäude NuOffice in der Domagkstraßebei der Parkstadt Schwabing. Der Projektentwickler Hubert Haupt Immobilien Holding will damit einen „Prototyp“ zum „Serienmodell“ schaffen. „Wir haben uns die Erreichung der Energieziele der sogenannten „2000-Watt-Gesellschaft“ – einem energiepolitischen Modell, das an der ETH Zürich entwickelt wurde – für Bau und Betrieb unserer Gebäude vorgenommen. Diese beschreiben das Energieziel der Bundesregierung für die Jahre 2050 bis 2100“, erläutert Hubert Haupt, Geschäftsführer der gleichnamigen Immobilienholding. Dieser in 40 bis 90 Jahren geltende Energiestandard soll übertroffen und der künftige zulässige CO2-Ausstoß weit unterschritten werden.

Zur Umsetzung wurden in Zusam- menarbeit mit dem Fraunhofer Institut von den Ingenieurbüros BBS aus Hall- bergmoos und Graf aus Pfarrkirchen die Betriebsvorgänge untersucht und optimiert. In München liegt dabei so- wohl aus primärenergetischen als auch aus systemtechnischen Gründen ein Anschluss an die Fernwärmeversorgung nahe. „Eine Betriebskostenreduktion ist hierdurch aber nicht automatisch erreichbar, zusätzlich ist für Alternativkonzepte die denkbare Grundwassernutzung zum Heizen und Kühlen in ihrer Leistung beschränkt“, heißt es im Bericht der Fraunhofer Gesellschaft für Bauphysik zum Projekt. „Ferner besteht aufgrund des Bebauungsplans eine enge Eingrenzung des optischen und geometrischen Erscheinungsbilds.“

 

Geothermie versus Ökobalance

Die Vorgaben des Wasserschutzamtes sehen bei Rückführung des Grundwassers eine Begrenzung der Wassermenge und der Wassertemperatur vor. „Wäre die Temperatur zu hoch, könnten andere Gebäude in der Umgebung nicht mehr ausreichend mit dem erwärmten Grundwasser gekühlt werden“, erläutert Hartmann. „Auch kann bei zu hohem Wasserrückfluss der Grundwasserpegel steigen und eventuell Keller befeuchten.“

Möglich werden sollen die ambitionierten Nachhaltigkeitsziele schließlich durch eine Kombination aus Grundwassernutzung zu Heizen und Kühlen, Wärmedämmung in Passivhaus-Qualität und durchgehende Dreischeiben-Isolierverglasung. Ein intelligentes Licht-, Lüftungs- und Kühlkonzept sorgt für einen geringen Verbrauch an Strom, der zudem durch eine Fotovoltaikanlage auf dem Gebäudedach erzeugt wird. So wurde zum Beispiel der Anteil der Fensterflächen in Bezug auf den Wärmeverlust im Winter, die Wärmeeinstrahlung im Sommer und die Lichtausbeute optimiert. Für die Beheizung und Kühlung des Gebäudes wird eigens eine Maschine gebaut, die im Handel bislang nicht erhältlich ist.

„Um die besten energetischen Ergebnisse bei einem Höchstmaß an Flexibilität zu erhalten, mussten wir zahlreiche verschiedene Varianten der Gebäudestruktur planen“, erläutert Architekt Falk von Tettenborn.

Wenn Gesetze und Behörden nicht flexibel sind, müssen es um der Nachhaltigkeit Willen Bauherren, Ingenieure und Architekten umso mehr sein.