Schönfeldvorstadt: Vom Biedermeier-Vorstadthaus zum Deli-Treff

Das niedrige Gebäude an der Ecke Kaulbachstraße Veterinärstraße ist stadtgeschichtlich und denkmalpflegerisch bedeutend. Es ist ein einzigartiges Zeugnis eines ländlich biedermeierisches Gebääude aus der führen Zeit der Schönfeldvorstadt.

 

Das Gebäude in der Kaulbachstraße 41 und 43 sowie der Veterinärstraße 10 hat ihren Ursprung wohl in der napoleonischen Zeit. Heute befindet es sich in einem Bezirksteil der zentralen Münchner Maxvorstadt, der Schönfeldvorstadt. Ein Plan aus dem Jahr 1812 weist zumindest in der Lage des heutigen Hausnummer 41 ein Haus mit vergleichbaren Grundriss auf, das „ebenfalls tief nach Westen in die Parzelle reichend“ , zu dem Hauptgebäude in der Veterinästraße gehörte. 1839 wurde an dem Haus 41 ein östlicher Flügel angebaut und 1843 von dem Baumeister Georg Fischer eine vorhandene Baulücke in der Rückseite geschlossen.

Obwohl die niedrigen Häuser heute in den benachbarten Gründerzeitbauten bescheiden wirkt, muss der Bauherr des Gebäude mit biedermeierlichen Zuschnitt nahe dem ländlichen Schwabing vor München mit der Fassadengestaltung repräsentative Ambitionen gehabt haben. In den 1820er bis 1840er Jahren wurde die Immobilie wohl als „Weingeist-, Spiritus- oder Essikfabrik“ genutzt, wovon heute noch die ungewöhnlichen Kellergewölbe zeugen. Ende des 19. Jahrhunderts war im Erdgeschoss der Kaulbachstraße 41 ein Delikatessen- und Kolonialwarengeschäft untergebracht.

Darüber befanden sich allerdings Wohnungen, in denen der Dichter Otto Julius Bierbaum 1887 ein „armseliges Studentenstübchen“ bewohnte. Bierbaum fehlt es in jenen Jahren "an nichts" und auch während seiner langen Krankheit wird er von den Vermietern gepflegt. 1892 gelingt Bierbaum mit den "Erlebten Gedichten" den literarischen Durchbruch. Das Buch löst mit Spottversen auf den Münchner Dichterkreis um Paul Heyse sowie mit erotischem Inhalt über Dienstmädchen, Kellnerinnen und Bäuerinnen einen Skandal aus. Von nun an verdient er so gut, dass er nicht mehr in Untermiete wohnen muss und Mitherausgeber der Insel wird. Gegenüber dem Schriftsteller Michael Georg Conrad äußert er jedoch: "Ich wollte ich hätte noch einmal die Träume wie damals, wo ein literarischer Habenichts ein armseliges Studentenstübchen an der Ecke Kaulbach- und Veterinärstraße bewohnte, über einem käse- hering- und petroleumduftenden Kramladen." (zitiert aus Reiser)

1909 wurde das Gebäude von Philipp Sturm für den königlich bayerischen Hofschuhfabrikanten Rudolf Schultes zu einem Ladenkomplex ungebaut. Heute ist es ein beliebter Treffpunkt für Studenten und Touristen, die sich hier mit Espressi oder Delis versorgen.

Quellen: Heinrich Habel, Johann Hallinger, Timm Weski: Denkmäler in Bayern – Landeshauptstadt München, Mitte, Band 2, Seite 407 – 408

Rudolf Reiser: Alte Häuser, große Namen; Das armselige Studentenstübchen des Dichters Bierbaum

Foto: Ulrich Lohrer