Schönfeldvorstadt: Das Palais des Tabakfabrikanten

Am Englischen Garten befindet sich der Sitz der LfA Förderbank Bayern, das Institut für die Wirtschaftsförderung in Bayern. Errichtet wurde die Villa von Karl Michel von der Bamberger Tabakdynastie Raulino, der hier mit seiner Frau Caissa eines der herrschaftlichen Haushalte Münchens führte.

 

Das damals aufsehenserregende Gebäude in der Königinstraße 17 wurde im März 1909 fertig gestellt und vom Bauherrn Karl Michel (1866 – 1935) und seiner Frau Caissa Anna, geborene Douglas (1874 – 1949) sowie ihrer sechsjährigen Tochter Elisabeth bezogen. Die herrschaftliche Villa in der Schönfeldvorstadt am Englischen Garten war das Erstlingswerk des Architekten Franz Deininger (1878 – 1926), der damit einem Bekanntheit erlangte.

Karl Michael entstammte der Bamberger Unternehmensfamilie Michel / Raulino, die durch die Gründung einer Tabakfabrik durch Johann Peter Raulino im Jahr 1820 unter der Leitung von Raulinos Enkel Josef Carl Michel (1829 – 1902) eines der führenden Tabakfirmen Deutschlands besaß. Als Carl Michel im Jahr 1902 starb, hinterliess er seinen vier Kindern ein Vermögen von 28 Millionen Mark. Nach dem Tod von Carl Michel übernahm dessen Sohn Richard Michel (der 1913 in den erblichen Adelsstand zu von Michel-Raulino erhoben wurde) die Firma, zunächst zusammen mit seinem Bruder Karl, der aber schon bald aus der Firma ausschied.

Karl Michel erwarb 1907 das Grundstück in der Königinstraße 17,  auf dem sich zuvor eine 1885 erbaute Doppelvilla des königlichen Kämmerers Ludwig Freiherr von Gumppenberg-Poettmes befand , die im gleichen Jahr abgerissen wurde. Deininger entwarf das kubische Gebäude in einfacher neuklassizistischen Baustil: Der rundgerahmte Haupteingang an der Nordseite der Königinstraße befindet sich unter einem von vier Säulen getragenen Balkon der Sandsteinfassade ohne sonstiger Ornamentik. Vom Eingang gelangt man in die zentral gelegene Diele mit dem durch die drei Geschosse gehende Treppenhaus. Im Erdgeschoss wurden die repräsentative Gesellschaftsräume untergebracht: Die Eingangshalle (Vestibül), dem zur Gartenseite zur Terrasse ausgerichteten Speisesaal sowie nach Süden das Wohn- und das Empfangszimmer. Die Küche sowie Dienerschaftsräume befanden sich im Keller. Im ersten Obergeschoss befanden sich die Wohnräume der Familie mit Arbeitszimmer, Bibliothek und Salon mit Billiardzimmer.  Im zweiten Obergeschoss befanden sich zahlreiche Gästezimmer sowie ein Salon mit Loggia. In den zwei Zwischengeschosse der Nordseite befanden siich zudem weitere Vorrats- und Dienerschaftsräume. 

Die zahlreichen Dienerschaftsräume wurden benötigt, weil die Familie Michel – Raulino einen der herrschaftlichsten Haushalte der damaligen Zeit in München führte: So gab es außer der Erzieherin für die Tochter Elisabeth acht weitere Hausangestellte. Für den am 31. Mai 1909 dokumentierte Besuch des Prinzregenten war also standesgemäß gesorgt.

Die Familie bewohnte das palais jedoch nur ein gutes Jahrzehnt und zog nach dem Ersten Weltkrieg in den im Familienbesitz befindliche Schloss Tüßling bei Altötting.

Danach baute Franz Deininger das Palais zur teilweisen Büronutzung um: ab 1921 war es Sitz des Staatsministeriums für Land- und Forstwirtschaft, seit 1934 war hier dann die Leitung der Staatsschuldenverwaltung untergebracht.

Nach schweren Schäden im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude durch den Architekten Theodor Menzel zwischen 1948 und 1950 wiederaufgebaut und danach als Direktion der Landespolizei und als Präsidium der Grenzpolizei vom Freistaat genutzt.

Nach dem Verkauf an die Landesanstalt für Aufbaufinanzierung (LfA) erfolgte durch die Architekten Peter Lanz und Patrick Untermann eine statistische Entkernung und eine weiterer Umbau im Sinne der ursprünglichen Raumanordnung und vornehmen Gebäudecharakters.

Quellen: Heinrich Habel, Johannes Hallinger, Timm Weski: Denkmäler in Bayern – Landeshauptstadt München Mitte, Band 2, Seite 417 - 418

http://gw.geneanet.org/dionys08?lang=de&p=richard+karl&n=von+michel+raulino&oc=0

http://ulliswelt.beepworld.de/raulino.htm

http://www.lfa.de/

Literatur:

Bärbel Hamacher: Königinstraße 17  Bayrische Landesanstalt für Aufbaufinanzierung München

Bildnachweis: Königinstraße 17, Foto: Ulrich Lohrer