Schloss Elmau: Fast 360 Millionen Euro für G7-Gipfel?

Vom 7. bis zum 8. Juni wird auf Schloss Elmau zwischen Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald der G7-Gipfel stattfinden. Die Bewirtung der Staatschefs durch Angela Merkel wird den deutschen Steuerzahlern einiges kosten. Kurios ist auch die Geschichte des Schlosses, seines Bauherrn und seines Architekten.

 

Seit dem ersten Treffen im Jahr 1977 in Rambouillet treffen sich die Staatschefs der sechs bis acht führenden Industrienationen einmal im Jahr für zwei bis drei Tage an wechselnden Orten um medienwirksam über internationale Themen zu diskutieren. Dieses Jahr lädt Bundeskanzlerin Angela Merkel vom 7. bis zum 8. Juni die Gruppe der Sieben (G 7) zu einem Treffen in Schloss Elmau im Wettersteingebirge ein. Außer Angela Merkel, Barack Obama (USA), Shinzo Abe (Japan), Francois Hollande (Frankreich), David Cameron (Vereinigtes Königreich), Matteo Renzi (Italien) und Stephen Harper (Kanada) werden sich noch 17.000 Sicherheitskräfte, 5000 Journalisten und zahlreiche Demonstranten und Schaulustige ins Wettersteingebirge begeben.

Die Vorbereitungen und die Veranstaltung für den G7-Gipfel lässt die Bundeskanzlerin ihren Steuerzahlern einiges kosten. Laut Auskunft der Bundesregierung auf Anfrage im Bundestag wird mit vergleichbaren Kosten wie im letzten G7-Gipfel 2007 in Deutschland gerechnet. Damals beliefen sich in Heiligendamm die Ausgaben des Bundes auf 81 Millionen Euro. Nach Angaben der bayerischen Staatsregierung würden sich die gesamten Ausgaben auf 130 Millionen Euro belaufen.  Der Freistaat, der auf Veranlassung von Ministerpräsident Horst Seehofer sich dafür eingesetzt hatte, das prestigeträchtige Treffen in Bayern durchzuführen, führt im Zuge des Gipfels auch Infrastrukturmaßnahmen in der Gegend durch: So wurde der Ausbau der Mautstraße nach Klais vorgezogen, auch wurde der Bahnhof erneuert.

Die weitaus meisten Ausgaben werden jedoch für Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt. Der Bund der Steuerzahler kommt nach seiner Berechnung auf deutlich höhere Kosten wie es die Aussagen der Bundesregierung oder des Freistattes glauben machen wollen: 360 Millionen Euro Steuergelder würde danach das Eineinhalb-Tage-Meeting dem deutschen Steuerzahler kosten. „Rund 20.000 Polizisten müssen Wochen vorher das gesamte Tal hermetisch abriegeln. Jede Bergspitze muss rund um die Uhr besetzt und bewacht sein. Hubschrauberlande¬plätze wurden ohne Rücksicht in das Naturschutzgebiet gebaut; für viele Millionen wurden Sammellager und Gefängnisse errichtet bzw. Gebäude dazu ertüchtigt. Seit rund 18 Monaten trifft sich ein Planungsstab aus 214 Beamten, die das Treffen vorbereiten. Um ihnen die Anreise zu erleichtern, wurde eine Vielzahl neuer PKWs angeschafft bzw. geleast.“, so der Bund der Steuerzahler Bayern. „Wir sind ein gastfreundliches Land und beherbergen gerne die wichtigsten Staatsoberhäupter der Welt, aber bitte alles mit Maß und Ziel. Die Kosten sind unverhältnismäßig. In München wird die Sicherheitskonferenz mit ähnlich hohem Sicherheitsanspruch alljährlich für ca. 3 Millionen Euro veranstaltet. Elmau macht keinerlei Sinn“, Rolf von Hohenhau, Präsident des Bundes der Steuerzahler in Bayern. 3)

Vom Treffen verspricht sich auch der Hotelier von Schloss Elmau Dietmar Müller-Elmau einen Prestigegewinn für sein Luxus-Ressort. So durften Abgeordnete aus allen Parteien im Vorfeld es G7-Gipfels zum Teil in vergünstigten Suiten übernachten. Dietmar Müller-Elmau´s Großvater Johannes Müller hatte das Schloss von 1914 bis 1916 nach Plänen seines Schwagers, des Architekten Carlo Sattler, in der einsamen Hochebene errichten lassen.

Johannes Müller, Bauherr und Hitler-Anhänger

Der 1864 in Riesa bei Dresden geborene Johannes Müller hatte in Leipzig und Erlangen Theologie und Philosophie studiert und warb anschließend in einer ausgedehnten Vortragstätigkeit für ein freies neues Christentum jenseits der von ihm als gefühlskalt empfundenen Kirchendogmatik. Seine zu einer Rettungsbotschaft verknüpften Gedanken fanden bei Bildungsbürgern und den „entkirchlichten Gebildeten“ Resonanz. So leitete er von 1903 bis 1914 die Pflegestätte persönlichen Lebens auf Schloss Maienburg, das ihm für diese Zwecke von dem Chemie-Industriellen Alexander Erbslöh für diese Zwecke zur Verfügung gestellt wurde. Nach seinen Vorstellungen wollte er Menschen zu einem Leben verhelfen, das ihrem Wesen entspricht und im Sinne der Ethik Jesu geführt wird. Um seine Botschaft zu verbreiten gab er seit 1897 die Blätter zur Pflege des persönlichen Lebens (ab 1911 Grünen Blätter genannt) heraus. Einige seiner Beiträge waren dabei der Judenmission gewidmet, nach der Angehörige des jüdischen Glaubens zur Lehre Jesus Christus übertreten sollten. Heute wird die Judenmission von vielen Historikern als antijudaistisch angesehen, einige Kritiker sehen in ihr eine ideologische Wegbereitung für den Holocaust. Eine solche Interpretation ist aber auch im Zusammenhang mit dem späteren Verhalten von Johannes Müller zum Nationalsozialismus zu sehen. So lieferte er nach der Machtübernahme der Nazis dessen protestantische Strömung „Deutsche Christen“ ideologische Hilfestellung, weil er mit Hitlers Machtergreifung die „Wiedergeburt des deutschen Volkes“ sah und Hitler als „das Empfangsorgan für die Regierung Gottes und Sender der ewigen Strahlen“ pries. Müller ging sogar soweit und rechtfertigte in seinem 1934 erschienenen Werk "Das Deutsche Wunder und die Kirche" die gewaltsamen kirchenpolitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten und der Deutschen Christen, nach der der Ausschluss von Christen jüdischer Herkunft von Kirchenämtern beschlossen wurde. Auf der anderen Seite gehörten bis 1942 Juden zu den Gästen von Schloss Elmau.

Carlo Sattler, Architekt und Schwager

Nachdem Schloß Marienburg für Müllers Veranstaltungen nicht mehr ausreichte, erwarb er 1912 das Einödanwesen Elmau bei Garmisch unterhalb des Königshaus am Schachen. Das König hatte Ludwig II von Bayern dort von 1869 bis 1872 im Chaletstil errichten lassen. Im Vergleich zu Müllers neuem Bauwerk in Elmau sollte das Königshaus des Märchenkönigs jedoch wie eine bescheidene Hütte aussehen. Für den Entwurf von Schloss Elmau beauftragte Müller den Bruder seiner zweiten Frau, den Architekten Carlo Sattler. Die Sattlers entstammten einer Fabrikantenfamilie aus Kassel, die sich später in das fränkische niedergelassen hatte und sich als Architekten und Künstler einen Namen machen sollte. So wurde Carlos und Irenes Vater, Johannes Ernst Sattler zwar als Chemiker ausgebildet und sollte die väterliche Fabrik übernehmen, doch studierte er danach Kunst in Karlsruhe und München, wo er Wilhelm Leibl, Hans Thoma und Arnold Böcklin kennenlernte. Der Maler Johannes Ernst Sattler wohnte zeitweilig in einem ehemaligen Klosteranwesen des Bildhauer Adolf von Hildebrand (1847–1921), wo auch 1870 Karl (Carlo) Sattler geboren wurde. Carlos Schwester, die Künstlerin Irene Sattler, heiratete 1905 Johannes Müller. Bevor Carlo Sattler von seinem Schwager zum Bau des Schloss Elmau beauftragt wurde, hatte er bereits in Baden in Schweiz für die Industriellenfamilie Boveri die Gartenanlage mit Gartensaal und Badehaus erweitert und die Villa Loeb mit Gartenhaus in München sowie das Schloss Hochried bei Murnau für den jüdischen Bankier Loeb entworfen.

Schloss Elmau, klosterähnliches Gebäude und Erholungsheim

Das Bauwerk in Elmau war nahm eine deutlich größere Dimension ein. „Das Erholungsheim Schloß Elmau erinnert in der Geschlossenheit seiner von hohem Dach gekrönten Baumasse an süddeutsche Kloster- und Stiftsbauten wie Kloster Benediktbeuren; wie jene fügt es sich in die schöne landschaftliche Umgebung der Bergwelt prachtvoll ein. Die vielfältigen Lebensbedürfnisse, denen der Bau dient, werden innerhalb eines rechteckigen Grundrisses erfüllt, dessen Räume sich um einen innern Hof mit den stattlichen Abmessungen von 27,6 Meter zu 17,5 Meter ordnen. Durch die offene Vorhalle betritt man die große Eingangshalle, deren Gewölbe von zwei Säulen aus poliertem Treuchtlinger Marmor gestützt werden und dessen Fußboden mit Solnhofer Platten belegt ist. Von der Halle aus führen kreuzgewölbte Gänge zu den Wohnräumen der Gäste und zu den gemeinsamen Speise- und Gesellschaftsräumen.“ 1)

Finanziert wurde der abgelegene Riesenbau von Müllers Gönnerin Elsa von Michael, die der Industriellenfamilie Haniel entstammte. Lehre und Leben in Elmau waren geprägt von „gläubiger Vergemeinschaftung“, volkstümlichen deutschen Tanz, Reformkost , Kammerkonzerten sowie der Überwindung von Standes- und Klassengrenzen. Zu den Gästen und engsten Freunden Müllers zählten Prinz Max von Baden und Adolf von Harnack, die im Kaiserreich als Entscheidungsträger mit bürgerlich-liberaler Gesinnung  Schlüsselpositionen einnahmen und danach die Demokratie der Weimarer Republik. stützten. Johannes Müller erscheint daher im Rückblick als widersprüchliche Persönlichkeit, der zum einen als eine Art christlicher Heilsbringer den Nationalsozialisten ideologische Argumente liefert, zum anderen aber mit liberal-bürgerlichen Kreisen Kontakt hielt, die – wie die Familie Harnack – eine Anzahl von den Nazis hingerichteten Personen aus dem Widerstand stellten. Müller wurde dann nach dem Krieg im Entnazifizierungsverfahren der Amerikaner als Hauptschuldiger verurteilt. Sein Schloss Elmau wurde beschlagnahmt und diente kurze Zeit als Lazarett der US Armee. Johannes Müller starb 84-jährig am 4. Januar 1949. Über das Land Bayern kam Schloss Elmau wieder in Besitz der Familie von Johannes Müller, dessen Kinder sich Müller-Elmau nennen.

Hotel Elmau, Expansion im Naturschutzgebiet

Seit 1997 ist Dietmar Müller-Elmau, der Enkel von Johannes Müller, im Besitz von Schloss Elmau. Der erfolgreiche Gründer einer Software-Firma hatte sein Unternehmen verkauft und einen zweistelligen Millionenbetrag für einen Neubau und der Sanierung des Schloss Elmau investiert. Nach einem Brand des Schlosses wurde dieses komplett saniert. Nun zählt das Fünf-Sterne-Hotel zu den schönsten Hotels der Welt, wurde etliche Male ausgezeichnet, Müller-Elmau selbst wurde 2012 „Hotelier des Jahres“. Angela Merkel war bereits 2005 auf Schloss Elmau, als sie noch nicht Bundeskanzlerin war. Angeblich versprach sich damals dem Gastgeber: „Hier müssen wir mal was machen.“ 2)

Kritiker werfen dem Schlossherrn den Bau von nichtgenehmigten Parkplätzen und Bauwerken vor und befürchten eine Ausweitung des Luxus-Ressort im Naturschutzgebiet. Mit der Rückendeckung aus Berlin dürften die Maßnahmen wohl unbehelligt fortgeführt werden. Wichtig ist der reibungslose Besuch der Staatsgäste Anfang Juni – was nach diesen eineinhalb Tagen Massentrubel passiert, ist zunächst zweitrangig. 

 

Quellen: 1 Quellen: 1) WMB 1928:, Seite 51 - 52 „Carl Sattler, München“; 2) Bettina Weiguny:  „Dietmar Müller-Elmau – Angela Merkels Schlossherr“ in FAZ.net vom 05.04.2015 ; 3)  Bund der Steuerzahler Bayern, Pressemeldung 26.05,2015

Bilder: Schloss Elmau im Sommer 2005, Foto: Hilpert; Schloss Elmau 2007, Zufahrt und Eingangsseite von Osten, Foto: Horemu; Schloss Elmau (schwarz-weiß): WMB 1928: Carl Sattler, München, Seite 51, schwarz-weiß Foto, Grundriss