Biederstein: Wo früher Bayerns erste Königin residierte

Nördlich des Kleinhesseloher Sees und der Münchner Freiheit liegt Biederstein. Auch nach dem Wegzug der Wittelsbacher ist dieses Stadtviertel am Englischen Garten eine kleine aber feine Wohngegend.   

 

Eine von Münchens begehrtesten Studentenwohnanlagen befindet sich dort, wo früher die erste Königin Bayerns,  Friedericke Caroline Wilhelmine von Baden (1776 - 1841), residierte: an der Stelle von Schloss Biederstein.

Mehr als ein halbes Jahrhundert, bevor die Königin in das Schloss einzog, lagen dort noch in der Schwabinger Hayd „öde Gründe“, weshalb  Kurfürst Karl Theodor von Pfalz und Bayern (1724 - 1799) das Land an einem Fischweiher nördlich des Kleinhesseloher Sees an Leute vergab, die dieses kultivieren sollten. Es entstand ein Landhaus, das mehrmals den Eigentümer wechselte,  bis es schließlich der Kurfürst 1784 als Ritterlehen an seinen Kabinettssekretär, Freiherr Stephan von Stengel  (1750 - 1822) vergab. Der fortschrittliche Beamte und Mitstreiter des Reformers Maximilian von Montgelas baut das Landhaus aus und entfaltet dort mit seiner großen Familie ein reges künstlerisches und wissenschaftliches Leben. Der neue Kurfürst und Bayerns erster König von Napoleons Gnaden,  Maximilian I. Joseph, versetzt 1801 Stengel auswärts.

Zwei Jahre später erwirbt der Kurfürst den Landsitz zurück, lässt ihn von seinem Hofbaumeister Franz Thun umgestalten, um es dann 1805 seiner Frau Caroline zu schenken.

 Als König Maximilian I. Joseph 1825 starb, zog seine Witwe endgültig in Schloss Biederstein ein, das mittlerweile mit einem Belvedere von Karl von Fischer geschmückt war und einen von Friedrich Ludwig von Sckell  gestalteten Landschaftspark aufwies. Von 1826 bis 1830 wurde dort zudem nach Plänen von Leo von Klenze das Neue Schloss Biederstein im klassizistischen Stil errichtet.

Zwar blieb das Anwesen auch in der Weimarer Republik im Eigentum der Wittelsbacher, doch zu Beginn der NS-Zeit verkauften sie das Neue Schloss meistbietend. 1934 wurde es abgerissen und durch eine SS-Reitschule ersetzt. 1944 wurde auch das Alte Schloss – durch Luftbomben – zerstört.

Eine Vorstellung über die zerstörte Biedersteiner Schlösser bieten lediglich das Gohren-Schlösschen (Bild links oben) und die neoklassizistische von Joseph Hoelzl errichtete Villa (oberstes Bild links) am südlichen Ende der Biedersteiner Straße.

Keimzellen der 68-Studentenrevolution

Anstelle der Ruinen entstand hinter dem erhaltenen Schlosstor von 1951 bis 1955 nach einem Entwurf der Architektenbrüder Otto und Harald Roth das Wohnheim Biederstein (siehe großes Bild ganz oben) für 300 Studenten. Die Anlage des Studentenwerks, das aus vier Wohngebäuden sowie einem Verwalterhaus besteht, ist heute als Beispiel einer gelungenen Nachkriegsarchitektur denkmalgeschützt. Das Wohnheim Biederstein, in dem zeitweilig das Fotomodell Uschi Obermaier wohnte, galt als eine der Keimzellen der Münchner Studentenunruhen der 68er-Bewegung, wo die Studierenden ab den 1970er-Jahren selbst ihre Mitbewohner bestimmen konnten. Erst 2009 wurde dieses Selbstbenennungsrecht gegen erheblichen Widerstand wieder entzogen.

Unter den heutigen Bewohnern des Stadtviertels Biederstein sind Studenten und revolutionäre soziale Bewegungen kaum anzutreffen. Das Seehaus im Englischen Garten am Kleinhesseloher See, ein ursprünglich von Gabriel von Seidl entworfenes Bootshaus, seit 1985 durch ein postmodernes Restaurantgebäude ersetzt und von Roland Kuffler betrieben, gilt mit seinem Biergarten als hedonistische Schwabinger Treffpunkt. 

Arbeiter für Lokomotiven und Lodenfrey

Dabei war Schwabing westlich der Biedersteiner Straße in der Gegend um die Pfarrkirche St. Sylvester ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein Viertel der Arbeiter, die  in der Lokomotivfabrik von Anton Ritter von Maffei und bei Lodenfrey im Englischen Garten Beschäftigung fanden.

Während die Maffei´sche Lokomotivenfabrik längst Geschichte ist, konnten die Nachfahren des schwäbischen Firmengründers Johann Georg Frey im Sommer 2017 das 175. Firmenjubiläum feiern.  Die historischen Fabrikanlagen am Schwabinger Bach (siehe Bild links) neben der schlossartigen Villa (siehe Bild oben links) von Leonhard Romeis werden seit 1987 als Gewerbepark Lodenfrey-Park von rund 100 verschiedenen Firmen genutzt.

Klinik der Technischen Universität zwischen zwei Schlösschen

Ein weiterer größerer Arbeitgeber  in dem sonst vorwiegend zum Wohnen genutzten Viertel ist die Klinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein, die von Paul Liebergesell und Fedor Lehmann um 1924 ursprünglich als Hansaheim zwischen dem Gohren-Schlösschen und Harrach-Schlösschen (von Oscar Bieber) erbaut wurde.

Architektonische Vielfalt

Als eine der schönsten Wohngegenden Münchens gilt heute das vorwiegend ab den 1950er-Jahren entstandene Villenviertel entlang der Osterwaldstraße am Englischen Garten.

Es bietet dabei architektonisch Interessantes: So errichtete 1953 in der Schwedenstraße 46 Paul Schmitthenner (1884 - 1972)– mit Paul Bonatz  Hauptvertreter der Stuttgarter Schule und einer der führenden Vertreter der Heimatschutzarchitektur – sein Wohnhaus. Durch einen zweiten Eingang an der Schmalseite des Hauses ist von Außen auf dem ersten Blick nicht ersichtlich, das es sich dabei um ein Doppelhaus handelt. Im Inneren ist das Haus – wie im Grundriss erkennbar – jedoch in zwei symmetrische Hausbereiche geteilt."Klare Proportionen und die schlichte Putzfassade...kennzeichnen diesen typischen Schmitthenner-Bau." (W. Nerdinger)

Als radikaler Gegenentwurf erscheint dagegen das Atelierhaus des Bildhauers Hermann Rosa (siehe immobilienreport, Nr. 9, Seite 09)in der Osterwaldstraße 89, die dieser ab 1960 für sich selbst erbaute. Bereits ab 1954 hatte Rosa zwei Atelierhäuser in der Wallnerstraße in Freimann erbaut, die er 1959 wieder verkaufte. Die Erfahrung daraus und die Anforderung an das Licht für seine Arbeit berücksichtigte er im Bau des Tageslichtstudios am Englischen Garten. Das Gebäude besteht lediglich aus den beiden Seitenwänden aus Sichtbeton im Süden und Norden als tragende Wände, die Ost- und Westseite sind komplett verglast. Dazwischen ist eine Galerieebene – ebenfalls aus Sichtbeton – eingehängt. Eine runde Öffnung im Satteldach sorgt als Oberlicht für zusätzliches Tageslicht im Atelier. Der Architekt des Kanzlerbungalows, Sep Ruf, schickte seine Studenten zur Baustelle, damit diese das Gebäude studieren. Auch Ludwig Mies van der Rohe zählte zu den Bewunderern von Rosas Bauwerk.

Und revolutionär für den Wohnungsbau gilt wegen der industriell vorgefertigten Elemente von Hallen- und Kranbahnkonstruktionen die Wohnanlage Schwabing. Der von Otto Steidle sowie von Ralph und Doris Thut entworfene bunte Gebäudekomplex (1971) befindet sich in der Osterwaldstraße, Ecke Genter Straße.

Die wenigen Neubauten liegen im sehr gehobenen Preissegment. Bereits 2012 verkaufte Bauwerk Capital Wohnungen in einem puristisch-modernen Neubau in der Osterwaldstraße 37 für 14.000 Euro pro Quadratmeter. 

Am Biederstein residiert zwar keine Königinnen mehr, doch die Wohngegend ist auch heute noch nobel und teuer.

Das Viertel in Zahlen

 

Biederstein ist heute ein Bezirksteil des nordlichen Stadtbezirk Schwabing-Freimann. Im Südosten grenzt es an das im Englischen Garten gelegene Kleinhesselohe, und im Osten an die Hirschau (ebenfalls Englischer Garten) und im Norden am Nordfriedhof an die Alte Heide. Beide bilden zusammen den Stadtteil Alte Heide - Hirschau. Im Westen bildet die Biedersteiner Straße die Grenze zum Stadtteil Münchner Freiheit und im Süden befindet sich Schwabing-Ost.

Einwohner: In Biederstein wohnen einige Studenten und relativ viel ältere alleinlebende Menschen. 

Infrastruktur: Mit dem Englischen Garten, der Sportanlage der BayernLB sowie dem Ausgehviertel Münchner Freiheit bietet Biederstein vielseitige Freizeitmöglichkeiten.  Die U-Bahnhaltestelle Nordfriedhof hat Anschluss an die U-Bahnlinie U6, die Münchner Freiheit zudem an die Linien U1 und U3. Zudem verkehrt der Metrobus 59 in dem Viertel. In der Osterwaldstraße 68 gibt es einen Supermarkt, an der Münchner Freiheit zahlreiche zusätzliche Einkaufsmöglichkeiten

Immobilien: Mieten und Kaufpreise liegen deutlich über dem Durchschnitt der Stadt.  Aktuell gibt es aber kein Angebot.  

Im Mietspiegel der Landeshauptstadt München 2017 wird das Gebiet zwischen Osterwaldstraße und Englischer Garten eine "Zentral beste Wohnlagequalität" bescheinigt. Die gleiche Wohnlagequalität gilt für den Bereich Biedersteiner Straße und Englischen Garten vom Süden Höhe Feilitzschstraße bis kurz vor der Dietlindenstraße / Isarring im Norden. Zudem gilt auch für den kleiner Abschnitt zwischen Osterwaldstraße im Osten und Isarring im Westen zwischen der Mannlichstraße im Süden und etwas nördlicher von "Im Hof" diese beste Wohnlagequalität. Die restliche Wohnbebauung von Biederstein hat eine "zentral gute" Wohnlagequalität.

Weiterführende Literatur:

Gernot Brauer: München Schwabing - Ein Zustand; München Verlag 2010

Winfried Nerdinger (Hrsg.): Architekturführer München, 3. Auflage 2007, Dietrich Reimer Verlag; dort: Nummer 245, 258, 259, 250, 261, N9