Bundesbank-Vorstand: Gefahren einer Spekulationsblase nehmen zu

Die Europäische Zentralbank hat massive geld- und finanzpolitische Maßnahmen durchgeführt. Nun warnt Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret vor den Folgen und sieht erste Indizien für einen ungesunden Boom einiger Immobilienmärkte in Deutschland.

 

Die europäische Staatschuldenkrise hat sich zugespitzt, die beiden großen Volkswirtschaften Spanien und Italien sind in den Sog der Krise geraten. Um das Finanzsystem zu stabilisieren und die ungesunde Haushaltslage zu überbrücken, flutet die EZB den Euro-Raum massiv mit Geld.

Zwar gebe es noch keine  Spekulationsblase und ernste Risiken für die Finanzstabilität, erklärten Bundesbank-Vizepräsidentin Sabine Lautenschläger und ihr Vorstandskollege Andreas Dombret bei der Vorstellung des jährlichen Finanzstabilitätsberichts der deutschen Notenbank am Mittwoch. Allerdings berge der teils kräftige Anstieg der Immobilienpreise in und rund um sieben deutsche Großstädte und vor allem in Berlin inzwischen Gefahren.

Sollte es zu Preisblasen in den Ballungszentren kommen, könne dies die Finanzstabilität "erheblich gefährden".

In dem Finanzstabilitätsbericht geht die Bundesbank ausführlich auf dieses Thema ein: „Regional entwickeln sich die Immobilienpreise dabei jedoch sehr unterschiedlich. So steigen die Preise in den Ballungsgebieten beschleunigt an. In 125 deutschen Städten erhöhten sie sich im Jahr 2011 um 6,3 Prozent für neue Wohnimmobilien und um 4,9 Prozent für wiederverkaufte Immobilienobjekte. Im Jahr zuvor lag der Anstieg noch bei 3,5 Prozent beziehungsweise zwei Prozent. In den sieben größten deutschen Städten betrug der Zuwachs für neue Wohnimmobilien im Jahr 2011 sogar 9,1 Prozent, verglichen mit 4,9 Prozent            im Jahr 2010. Zugleich stiegen die Preise für Objekte im Wiederverkauf im Jahr 2011 um sieben Prozent an, nachdem sie im Jahr zuvor um 3,4 % zugenommen hatten. In vielen ländlichen Regionen hingegen stagniert das Preisniveau für Wohnimmobilien oder ist sogar rückläufig. In Deutschland insgesamt ergibt sich für das Jahr 2011 eine Wachstumsrate von 2,7 Prozent. Auch die Preise für Gewerbeimmobilien sind zuletzt moderat gestiegen. In der ersten Jahreshälfte 2012 scheint sich der Preisanstieg auf dem Wohnimmobilienmarkt fortgesetzt zu haben. Dies gilt insbesondere für die sieben Großstädte. Eine Abkopplung der Immobilienpreise von ihren Fundamentalwerten kann das Risiko einer Schieflage von Banken erhöhen. Das große Auswirkungspo- tenzial auf die Kreditinstitute ergibt sich nicht zuletzt aus dem Umfang der immobilienmarktbezogenen Verschuldung: Immobilienkredite an private Haushal- te in Deutschland beliefen sich Mitte 2012 auf rund 981 Milliarden Euro. Sie sind mit einem Anteil von über zwei Dritteln der mit Abstand größte Posten der Verschuldung privater Haushalte. Mit 40 Prozent machen diese Kredite einen großen Teil der gesamten inländischen Kreditvergabe der deutschen Kreditinstitute aus. Bei Sparkassen und Kreditgenossenschaften liegt der entsprechende Anteil der Immobilienkredite an private Haushalte sogar bei etwa 50 Prozent.

Entscheidend für die Finanzstabilität ist, zu welchem Anteil Immobilieninvestitionen fremdfinanziert sind. Solange private Haushalte mögliche Wertverluste tragen können, stellen diese für sich genommen keine Gefährdung für das Finanzsystem dar. Kritisch aus Finanzstabilitätssicht sind Preissteigerungen vor- nehmlich dann, wenn diese von einem starken Kre- ditwachstum begleitet werden. Sorge bereitet insbesondere ein möglicher selbst- verstärkender Prozess, bei dem sich steigende Preise und wachsende Verschuldung gegen- seitig befördern. So kann die Erwartung steigender Preise die Bereitschaft zur Verschuldung erhöhen. Zu optimistische Erwartungen über die weitere Preisentwicklung haben bei den Übertreibungen am amerikanischen Immobilienmarkt eine erhebliche Rolle gespielt. Offenbar tendieren Immobilienkäufer dazu, die Preisentwicklung der letzten Jahre fortzuschreiben und damit einen Aufwärtstrend durch ihre Kaufentscheidungen zu verstärken. Dies kann eine selbstverstärkende Dynamik auslösen und wirkt daher potenziell destabilisierend. Eine hohe Verschuldung der Haushalte führt im Falle von Preiskorrekturen am Immobilienmarkt erfahrungsgemäß zu höheren Abschreibungen im Kreditgeschäft der Banken und mündet oftmals in eine hartnäckige wirtschaftliche Schwächephase.“

 

Hauptrisikofaktor für die Finanzstabilität ist und bleibt nach Ansicht der Bundesbank die Schuldenkrise. „Sollte sich die Staatsschuldenkrise erheblich verschärfen, würde das natürlich auch das deutsche Finanzsystem in Mitleidenschaft ziehen", sagte Lautenschläger. Zwar hätten sich die Forderungen der deutschen Banken gegen die von der Schuldenkrise besonders betroffenen Länder zuletzt deutlich reduziert. "Dennoch weist das deutsche Bankensystem zur Jahresmitte 2012 nach wie vor erhebliche finanzielle Forderungen gegenüber Italien und Spanien auf, davon knapp 59 Milliarden Euro gegenüber den öffentlichen Haushalten beider Länder", heißt es in dem Bericht.

 

Andreas Dombret, Deutsch-Amerikaner, wurde 1960 in Des Moines im amerikanischen Budesstaat Iowa geboren und begann nach Studium an der Universität Erlangen-Nürnberg und Promotion beim Bankenprofessor Wolfgang Gerke seine Karriere 1987 in der Zentrale der Deutschen Bank. Er arbeitete zehn Jahre bei JP Morgan in London sowie in Frankfurt und war hier als Mitglied der Geschäftsleitung verantwortlich für die Betreuung deutscher Finanzinstitute. Danach war er vier Jahre lang als Co-Sprecher der Geschäftsleitung und Partner bei Rothschild in Deutschland tätig. Von 2005 bis 2009 war er bei der Bank of America als Vice Chairman Europa und Vorsitzender der Geschäftsleitung für Deutschland, Österreich und die Schweiz verantwortlich. Zum 30. September 2009 verließ Dombret die Bank of America. 2009 wurde er als Honorarprofessor an die EBS Universität in Oestrich-Winkel berufen, wo er Vorlesungen zu den Finanzmärkten und zur aktuellen Finanzmarktkrise hält. Seit 1. Mai 2010 ist er als Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank zuständig für Finanzstabilität, Märkte und Statistik; seit 1. Dezember 2010 für Finanzstabilität, Statistik und Risiko-Controlling.

Sabine Lautenschläger-Peiter wurde am 1964 in Stuttgart geboren und studierte an der Universität Bonn Jura. 1995 begann sie als Referentin beim Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen – einer Vorläuferinstitution der heutigen BaFin. Sie arbeitete dort kurz als Bankenaufseherin, wurde dann Pressesprecherin. Als die BaFin gegründet wurde, wurde sie auch deren Pressesprecherin und rechte Hand des Präsidenten Jochen Sanio. 2005 wurde sie Abteilungsleiterin der Abteilung BA 1 („Aufsicht über Großbanken und ausgewählte Kreditbanken“).Seit dem 1. Juni 2011 ist sie Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank. Sie ist seit 2008 Mitglied im Basler Ausschuß der Zentralbanken.

 

Weitere Informationen:

Deutsche Bundesbank: Finanzstabilitätsbericht 2012

 

 

Bilder: Bundesbank;

Aufmacher klein: Dr. Andreas Dombret

Bild oben: Vorstandsmitglieder der Deutschen Bundesbank:  Dr. Andreas Dombret (zweiter von links), Bundesbank-Präsident Dr. Jens Weidmann (Mitte), Sabine Lautenschläger (vierte von links).