Fürstenried-West: Die Hochhäuser beim Schloss

Obwohl im Süden Münchens zuerst das Schloss Fürstenried entstand, prägen heute die Großsiedlungen der 1960er-Jahre das Viertel Fürstenried-West. Weil die Wohnanlagen mit schönem Baumbestand nun verdichtet werden sollen, protestieren die Anwohner.

 

"Meiner Ansicht nach wird hier ohne Rücksicht auf Verluste zugebaut – das ist eine pure Katastrophe“, schimpfte ein Anwohner von Fürstenried-West anläßlich der Bürgerversammlung.

Mitte Juli herrschte im Bürgersaal Fürstenried im Süden München dicke Luft. In einer öffentlichen Informationsveranstaltung präsentierten Projektentwickler unter der Leitung der Bayerischen Versorgungskammer (BVK), Architekten und Vertreter ihre Pläne zur Nachverdichtung im Norden des Bezirksteils Fürstenried-West.

Unweit von Schloss Fürstenried (siehe Bild links) befindet sich zwischen der Forst-Kasten-Allee, Graubündner- (siehe großes Bild oben) und Neurieder Straße eine zwischen 1968 und 1972 errichtete Großsiedlung mit 1500 Geschosswohnungen.

Versorgungswerke wollen ihr Wohnviertel verdichten

Die Eigentümer sind die berufständischen Versorgungswerke,  die Bayerische Ärzteversorgung (BAV), die Bayerische Apothekerversorgung (BApV), die Zusatzversorgungskasse der bayerischen Gemeinden (ZKdbG), die Versorgungsanstalt der deutschen Kulturorchester (VddKO) und die Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen (VddB). Unter  der Leitung der BVK wollen sie die Wohnsiedlung sanieren und mit 600 weiteren Wohnungen „verdichten“.

 Grundlage für das Projekt ist ein gemeinsamer Entwurf der Berliner LIN Labor Integrativ Gesellschaft von Architekten und  Holzwarth Landschaftsarchitektur, die Sieger eines mehrstufigen Wettbewerbs. Ihr Konzept sieht bei 15 Bestandsgebäuden die Aufstockung um jeweils ein bis zwei Stockwerke sowie den Neubau von zehn zusätzlichen Wohnhäusern vor. Für Ärger unter den Bewohnern sorgt auch der geplante Abriss des Wohngebäudes in der Forst-Kasten-Allee 125. Dafür sollen vier der neuen Hochhäuser an der Forst-Kasten-Allee als „Hochpunkte“ 14 bis 16 Stockwerke aufweisen.

Einige Bewohner befürchten nicht nur Schmutz und Lärm während der Bauphase, sondern Verschattung und verbaute Ausblicke. Trotz Protests der Anwohner sind die Vertreter des Bezirksausschusses, des Stadtrates und des Baureferats  mit den Bauherren entschlossen, das Projekt ohne Abstriche an der Zahl der geplanten Neubauwohnungen durchzusetzen. Die Stadt benötigt dringend neuen Wohnraum und die Versorgungswerke müssen die Gelder ihrer Versicherten einigermaßen rentabel investieren.

„Am Anfang einer Wegstrecke sind die Bedenken immer groß, es wird anstrengend werden, aber es ist unser Ziel, dass alle zusammen gut ankommen“, so Daniel Just, Vorstandsvorsitzender der BVK. Eine Stadt müsse sich weiterentwickeln, Stillstand sei keine Option.

 

Die Großsiedlung im Süden Münchens

Dabei könnte er die Entstehung von Fürstenried als herausragendes Beispiel für die Fortschrittsgläubigkeit und dem Wachstum der Stadt München anführen. Im Wald des Hofmarktes Poschetsried ließ Kurfürst Max Emmanuel 1715 von seinem Hofbaumeister Joseph Effner das Schloss Fürstenried errichten. Doch erst rund 250 Jahre später wurde das 1912 in München eingemeindete Fürstenried massiv bebaut. Unter Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel  (SPD) entstanden ab Mitte der 1960er-Jahre zu beiden Seiten der Garmischer Autobahn Fürstenried-Ost und Fürstenried-West mit mehr als 9000 Wohneinheiten.

Der städtebauliche Plan von Fred Angerer sah mittelhohe Wohngebäude in Zeilenbauweise sowie höhere Punkthäuser vor. In Fürstenried-West wurden von den Architekten Hans Knapp-Schachleitner, Franz Ruf, Adolf Schnierle und Peter Lanz Gebäude mit 2579 Wohneinheiten entworfen.

 

Städtische GEWOFAG mit großem Wohnungsbestand

Außer den erwähnten Versorgungswerken ist heute vor allem die städtische GEWOFAG Eigentümer und Vermieter in Fürstenried-West. Ihre Hochhäuser liegen  an der Engadiner Straße (zweites kleines Bild von links oben) und der Neurieder Straße sowie im Süden entlang der Kemptner Straße (siehe Bild oben links).

Dazwischen gibt es Einfamilienhaus-Pulks. So befinden sich beispielsweise in der Tessiner Straße eingeschossige Flachdach-Bungalows mit Innenhöfen, die an den Rändern von Garagen begrenzt sind (siehe Bild links).

Als Zentrum des Viertels kann der Schweizer Platz mit U-Bahn-Haltestelle, Einzelhandel, dem Gymnasium Fürstenried und der Pfarrkirche St. Matthias angesehen werden. Letztere gilt als eines der bedeutendsten Bauwerke des Architekten Alexander von Branca. Der burgartige Komplex wurde von 1964 bis 1965 einheitlich in dunkelbraunem Klinkermauerwerk errichtet. Aufgrund der Materialwahl erscheint er zeitgemäßer und besser erhalten als die ebenfalls unter Denkmalschutz gestellte, 1972 in Stahlbetonfertigteilen erbaute Kirche Wiederkunft des Herrn (Robert Gerum) in der Allgäuer Straße.

Einfamilienhaus-Vielfalt in Harthof

In Harthof, einem Viertel in Fürstenried-West südlich der Neurieder Straße, gibt es auch zahlreiche Einfamilienhäuser und Doppelhäuser. Dabei herrscht verwirrende Stilvielfalt, leider nicht immer mit ästhetischem Anspruch.

Eine gelungene Verwandlung findet sich in der Riedener Straße 3a (siehe Bild links). Vom Abriss bedroht, ließen die Bauherren und Architekten Stefan Krötzsch und Ruth Klingelhöfer-Krötsch in dem 1956 erbauten Haus Innenwände rausbrechen, Fenster vergrößern und das gesamte Gebäude mit einer Haut aus dunkelgrauem Polyethylengewebe als Wetterschutz bespannen. Aus einem biederen Mehrfamilienhaus wurde ein schmuckes Einfamilienhaus. Ein Gegenbeispiel zur in Fürstenried-West sonst üblichen Verdichtung.

Text und Bilder: Ulrich Lohrer, Stand 17.10.2017

 

Das Viertel in Zahlen

 

Fürstenried-West ist der westlichste Bezirksteil des südlichen Münchner (19) Stadtbezirks Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln. Im Norden bildet die Forst-Kasten-Allee die Grenze zu Großhadern im Stadtbezirk Hadern. Die Garmischer Autobahn trennt im Osten den Bezirksteil vom Nachbarviertel Forstenried. Im Süden, ab der Münchner Stadtgrenze, befindet sich der gemeindefreie Forstenrieder Park und im Westen die Gemeinde Neuried

 

Einwohner: Fürstenried-West weist mit 7816 Einwohnern pro Quadratmeter eine hohe Einwohnerdichte auf. Die Bewohner des Viertels sind im Durchschnitt etwas älter als die der Stadt. 

 

Infrastruktur: Das Viertel ist am Schweizer Platz an die U-Bahnlinie U 3 sowie an den Metrobus der Linie 56 angebunden. Fürstenried verfügt zudem über eine direkte Auffahrt an die Garmischer Autobahn. Einzelhandel befindet sich am Schweizer Platz und der Allgäuer Straße / Ecke Kemptner Straße.

 

Immobilien: Mieten und Kaufpreise liegen etwas unter dem Durchschnitt der Stadt. Grund dafür ist auch der hohe Anteil von städtischen Wohnungen der GEWOFAG.