Gauting: Schmucke Villen über der Würm

Das zwischen München und Starnberg liegende Gauting gilt als eines der am frühesten bewohnten Orte Bayerns. Heute besticht die Gemeinde durch die ab 1902 entstandene Villenkolonie. Neu gebaut wird aktuell aber unterhalb davon am alten Dorfkern an der Würm.

 

Das Gebiet der heutigen Gemeinde Gauting im Würmtal zählt zu den am frühesten besiedelten Gegenden in Oberbayern. Im Ortsteil Stockdorf befinden sich noch Grabhügel aus der Bronzezeit und in Buchendorf eine gut erhaltene Keltenschanze aus der Eisenzeit.

Später errichteten die Römer hier eine Brücke über der Würm, wohl als Schnittpunkt zweier Militärstraßen sowie den Militärposten Bratananium. Dieser wuchs sich zeitweilig zu einer florierenden Siedlung für Händler und Handwerkern an, auch gab es römische Gutshöfe (Villa Rustica), wie die Villa Rustica in Leutstetten.  

Als die Römer abzogen, wurde der verlassene Ort von bajuwarischen Siedlern wieder belebt. Die Schwester von Kaiser Karl dem Großen, Kysilia, schenkte die erbauten Kirchen an das Kloster Benediktbeuren. Daraus entwickelte sich die Sage von der Geburt Karls des Großen in der Reismühle. Über Jahrhunderte war Gauting aber nur ein kleines Bauerndorf mit kaum mehr Einwohner als 30 bis 40 Seelen.

Das größte Gebäude war die an der Würm erbaute Wasserburg  des Rittergeschlechts der Fuß – Ministerialbeamte der Wittelsbacher – das später von Münchner Patrizier bewohnt wurde und nach Beschädigungen im Dreißigjährigen Krieg vom neuen Eigentümer, dem Kloster Andechs, als palaisartiges Schloss Fußberg (siehe Bild links) neu erbaut wurde.

Gründung und Anfangszeit der Villenkolonie

Über Jahrhunderte war Gauting ein kleines Bauerndorf mit 30 bis 40 Seelen mit Schloss Fußberg als größtes Gebäude. Erst nachdem Ulrich Himbsel, ehemals Münchner Baurat, 1852 die Eisenbahnstrecke München – Starnberg errichtet hatte, erfuhr Gauting Anschluss an den Fortschritt.

Der Aufschwung setzte aber so richtig erst mit dem Bau der Villenkolonie oberhalb des Dorfes und westlich des Bahnhofs ein. Nachdem zehn Jahre zuvor August Exter mit der Villenkolonie in Pasing Erfolg hatte, gründeten 1902 der Gautinger Posthalter Georg Hiltl sowie der Rentier Ludwig Böhm und andere die ◊Gautinger Immobiliengesellschaft“ zur Entwicklung einer Villenkolonie.

Der Baulinienplan stammte wahrscheinlich von dem Architekten Christian Kessler, dem technischen Leiter der Gesellschaft, vielleicht von Böhms Freund Exter. Mittelpunkt wurde das von Kessler entworfene Gasthaus zum Bären (Bild links), das 1911 an der Nordseite des Pippinplatzes entstand.

Käufer konnten ab 1903 auf schlüsselfertige Kleinhäuser der Architekten Kessler und Emil Ludwig zurückgreifen, wie sie heute noch in der Pippinstraße 4 (siehe Bild oben links), der Gartenstraße (4, 8) oder mit den zum Teil mit Holz erbauten Landhäusern in der Gisilastraße (2, 4, 6, 8) bestehen.

Individuell gestaltete und noble Villen der Waldpromenade

Die Bewohner – oft Beamte, Pensionäre und Offiziere, aber auch Unternehmer und Handwerker, später vermehrt Künstler – ließen sich ihre Häuser oft auch eigens entwerfen. Sie entstanden häufig entlang der Waldpromenade, wo die Baugrundstücke aufgrund des damals bestehenden "Hochwaldes" teurer angeboten wurden.

Größere und kunstvoll gestaltete Häuser stammten von bekannteren freien Architekten wie Richard Berndl (Ammerseestraße 86, 1903; Waldpromenade 32, 1909), dem Dresdner Professor Alexander Hohrath (Waldpromenade 40, 1908, siehe Bild rechts), Walter Sartorius (Gartenpromenade 1, 1910; Waldpromenade 20, 1914, siehe Bild links) oder vom Architekturbüro von Ludwig Stadler und Julius Necker (Unterbrunnerstraße 6, 1910).

 

1920er-Jahre: Reformstil, Neue Sachlichkeit und Art-Deco

Vielfalt in der Villenkolonie In den 1920er-Jahren entstanden Häuser in unterschiedlichen Baustilen. Die von Bernhard Schießl  oft im Reformstil entworfenen Wohnhäuser weisen die für ihn typischen herabgezogene Mansarddächer (Pippinstraße 7, 1924; Hiltlstraße 10, 1925, siehe Bild links; Unterbrunner Straße 1, 1929) auf.

Das von dem Pasinger Architekten Feye Peins gestaltete kleine Wohnhaus für die Komponistin Benita von Lilienfeld-Breummer in der Karlstraße 17 (siehe Foto links unten) zeichnet sich dagegen durch eine knappe Formensprache mit breiten Fensterbändern aus. Es gehört zu den Häusern der Villenkolonie, das liebevoll und vorbildlich in der originalen Farbgebung saniert und restauriert wurde.Das Haus befindet sich an dem idyllischen kleinen Park zwischen Karlstraße und Gisilastraße (siehe großes Bild oben). 

Standesbewusst ist die von Lorenz Mesch für den Generaldirektor Johann Schuh als Gesamtkunstwerk entworfene Art-Deco-Villa (Pippinstraße 9, 1929, Foto rechts). Obwohl der rechteckige Baukörper zurückhaltend wirkt, weist er architektonische Besonderheiten wie der eingestellte Rundturm an der Eingangseite auf. Auf der Gartenseite verfügt das Gebäude über einem großen halbkreisförmigen Balkon mit einem darauf befindlichen, zurückversetzten Wintergarten. Auch bei der Innengestaltung der Möbel, Bäder, dem Kamin und der Treppe verwandte Mesch konsequent das Art déco Design.  

Geschichte der Junkers-Villa

Völlig im neoklassizistischen Stil gehalten ist dagegen noch ein anderes großes Gebäude, das der ehemalige Exter-Mitarbeiter und Bauunternehmer Bernhard Borst als Doppelhaus für Forstbesitzer Wilhelm Jucht und Elisabeth Ling auf einem großen Parkgrundstück errichtete (Germeringer Straße 28/30, 1922, Bild links). 1933 wechselte das Anwesen in das Eigentum der Bayerischen Vereinsbank.

Kurz danach bewohnte die Familie Junkers das gesamte Gebäude. Nachdem der Dessauer Flugpionier Hugo Junkers 1934 in seinem Ferienhaus in Bayrischzell von den Nationalsozialisten festgenommen wurde und unter Druck die Anteile an seinem Flugzeugunternehmen an das Deutsche Reich abgeben mußte, erwarb seine Frau Therese dieses Anwesen in Gauting. Der Pazifist Junkers und Freund des Bauhaus-Gründers Walter Gropius hatte sich in den frühen 1920er-Jahren Hermann Göring zum Feind gemacht, da er sich weigerte den hoch dekorierten Jagdflieger bei sich einzustellen.  Junkers beschäftigte sich in seiner Gautinger Zeit – angeregt durch das Bauhaus – mit der Metallbauweise und Architektur, verstarb aber bereits ein knappes Jahr später in der Gemeinde an der Würm.

Adolf Hitler verordnete kurioserweise für Junkers ein Staatsbegräbnis im Münchner Waldfriedhof, an dem sein Stellvertreter Rudolf Heß teilnahm. Heute ist die „Junkers-Villa“ im Besitz des Bayerischen Jugendrings und kann als Tagungsort gemietet werden. Einige Funktionäre des Regimes, darunter der gefürchtete NSDAP-Gauleiter von München, Adolf Wagner, quartierten sich in den 1930er-Jahren in die noble Gautinger Villen ein, hinterließen in der Villenkolonie aber keine nennenswerte bauliche Spuren.

Initiativen zum Erhalt von Villen und Ensembles

Nach dem Krieg kam es in der Villenkolonie durch Eigentümerwechsel vermehrt zum Abriss alter Häuser und zur Nachverdichtung mit Neubauten, die sich nicht immer harmonisch in die Umgebung einfügten.

In den 1970er-Jahren wurden beispielsweise am Pippinplatz, dem Mittelpunkt der Villenkolonie einige alte Häuser durch neue Wohn- und Geschäftshäuser ersetzt. 1980 verhinderte das Bürgerforum Gauting den beabsichtigten Abriss des Gasthaus Bären der Schörghuber Gruppe.

„Anfang der 1980er-Jahre veränderte sich aber durch Bürgerinitiativen das Bewusstsein, einige Villen wurden unter Denkmalschutz gestellt“, erläutert Dr. Georg Lahm, Gutachter und langjähriger Bewohner der Villenkolonie.  Lahm hatte zu dieser Zeit ein 1909 von Franz Xaver Sepp gestaltetes Haus in der Untersbrunner Straße 4 (siehe Foto links) erworben und die denkmalgeschützte Villa in drei Jahren aufwendig in Eigenregie saniert. Mit seiner originalen Bauform und dem reizvollen Laubengang gilt es als Ensemble, dessen Wert, so der Heimatpfleger Gerhard Schober, „für das Ortsbild gar nicht hoch genug eingeschätzt werden“ kann.

Käufer benötigen viel Geld und Geduld

Solche begehrte Villen werden nur selten zum Kauf angeboten – etwa bei Scheidung oder wenn es keine Erben vor Ort gibt. Die Quadratmeterpreise der gehandelten Grundstücke westlich der Bahn in der Villenkolonie sind stark gestiegen. „2010 waren es nach dem Gutachterausschuss des Landkreises Starnberg noch 690 Euro, 2014 bereits 1050 Euro“, erläutert Lahm. Mittlerweile sind 1400 Euro realistisch. Schmucke Villen mit 850 Quadratmeter Grund wurden vor drei Jahren bereits für 1,6 Millionen Euro verkauft. „Dann müssen je nach Zustand des Gebäudes noch etwa 500 bis 1500 Euro pro Quadratmeter für die Sanierung investiert werden“, so Lahm.

Neubauprojekte in Würm-Nähe

Durch Neubau erhöht sich das Gautinger Wohnungsangebot nur etwas. Wohnbauprojekte werden aktuell unterhalb der Villenkolonie an der Würm durchgeführt. Vilgertshofer Bau errichtet die zwei Mehrfamilienhäuser des Projekts Baderhof (Bild links).

Hier am Hauptplatz kreuzten sich früher die Römerstraßen und hier errichtete Ende des 19. Jahrhunderts die Firma Haerlin das E-Werk und später ein dazugehörenden ehemaligen Arbeiterhaus (siehe Bild links, Baderhof bei Baukran, Arbeiterhaus rechts). Die 18 Wohnungen mit 59 bis 156 Quadratmeter kosten zwischen 5900 bis 8150 Euro pro Quadratmeter.

Erst vor Kurzem fertig gestellt wurde auch die Wohnanlage an der Ecke Münchner Straße / Lederer Straße in der Nähe der Pfarkirche St. Benedikt (siehe Bild links). Fertig gestellt sind auch die kleinen Wohnhäuser gegenüber dem Friedhof am Ortseingang im Nordsüden an der Planeggerstraße. Auch an der Leutstettener Straße, südlich von St. Benedikt wurde, ein Mehrfamilienhaus errichtet.  Gebaut wird auch an der Starnberger Straße 24 Richtungs Ortsausgang im Südwesten, wo die Weiss Consult 59 bis 82 Quadratmeter große Wohnungen für 6100 bis 6500 Euro pro Quadratmeter offeriert.

Auch dies sind nicht gerade Schnäppchen, aber sie richten sich an Erwerber mit weniger Geduld und geringerem Budget.

 

Die Gemeinde in Zahlen

Bereits zur Bronzezeit besiedelt, wurde die Ansiedlung erstmals mit der Bezeichnung Gauting erstmals urkundlich 753 nach Christi Geburt als „Goutingen“ erwähnt. Gauting gehört heute verwaltungstechnisch zum Landkreis Starnberg. Die Gemeinde grenzt im Norden an Krailling und Gilching, im Westen an Weßling und Seefeld und im Süden an die Stadt Starnberg. Im Osten grenzt Gauting an den gemeindefreien Staatsforst Forstenrieder Park und im Nordosten an die Gemeinde Neuried.

Am 1. Januar 1978 wurden die bis dahin selbständigen Gemeinden Buchendorf, Oberbrunn und Unterbrunn eingegliedert.

Heutige Ortsteile der Gemeinde sind Gauting, Stockdorf, Grubmühl, Buchendorf, Königswiesen, Hausen, Unterbrunn und Oberbrunn.

 

Einwohner: Die Bewohner von Gauting gelten als gut situiert. Im Vergleich zu München ist der Anteil der Einpersonenhaushalte, die Bevölkerungsdichte und der Ausländeranteil deutlich niedriger, das Durchschnittsalter etwas höher.

Infrastruktur: Am Bahnhof Gauting besteht direkter Anschluss an München über die S-Bahnlinie S6 Tutzing - München-Ostbahnhof. Mit  22 Kita-Einrichtungen und sechs Schulen verfügt die Gemeinde über eine gute Versorgung an Betreuungs- und Bildungseinrichtungen. Einzelhandel befindet sich vor allem in der Bahnhofstraße.

Immobilien: Es überwiegen Eigenheime, insbesondere in der Villenkolonie gibt es kaum einen Mietmarkt.

Im Bereich westlich des Bahnhofes (Villenkolonie) lagen die Grundstückspreise im Jahr 2010 nach dem Gutachterausschuss des Landkreises Starnberg bei 690 Euro, 2014 bereits 1050 Euro. Im Bereich der Bahnhofstraße waren es 2010 rund 1100 Euro pro Quadratmeter und 2012 rund 1200 Euro pro Quadratmeter. 

Text: Ulrich Lohrer, erstellt 08.11.2016, aktualisiert 27.11.2016

Literatur:

Gerhard Schober: Die Gautinger Villenkolonie, 2014 

Heike Werner: Architektur-Ausflüge ab München: Würmtal und Umgebung

Weitere Informationen:

Webpräsenz der Gemeinde: www.gauting.de